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Deutschland

Hacker-Treffen in Hamburg

Seit drei Jahrzehnten sorgt sich der Chaos Computer Club um IT-Sicherheitslücken. Auf seiner Jahresversammlung geht es jetzt aber auch um den Mangel an Mitgliedern mit Migrationshintergrund.

Der Chaos Computer Club (CCC) ist erwachsen geworden - und groß: Zur Jahrestagung im Hamburger Congress Centrum sind mehr als 6000 Teilnehmer gekommen. Bis Sonntag (30.12.12) stehen mehr als 90 Vorträge und Diskussionsrunden auf dem Programm, dazu können sich Hacker mit ihren Projekten präsentieren und praktische Tipps und Tricks rund um das Basteln am Computer austauschen. Das Angebot reicht von Diskussionen über die Sicherheit elektronischer Ausweisdokumente bis hin zu Hack-Anweisungen für Einsteiger.

"Die ganze Welt ist Euer Fachgebiet"

Der US-amerikanische Internetaktivist Jacob Appelbaum Foto: Malte Christians (dpa)

Internetaktivist Jacob Appelbaum: Computer-Experten sollen Verantwortung übernehmen

Die "Chaos Communication Congress" genannte Jahrestagung des CCC steht unter dem Motto "Not my department" ("nicht meine Abteilung"). Dieses Zitat wird dem Raketenkonstrukteur Wernher von Braun zugeschrieben, der gesagt haben soll, er sei zwar für den Bau der Flugkörper verantwortlich, nicht aber für den Ort, an dem sie niedergehen. Der CCC überträgt es auf die Ausrede vieler Experten, auch aus dem IT-Bereich, sie seien für ein Problem nicht zuständig, weil es nicht ihr Fachgebiet sei. In seiner Rede zum Auftakt der Tagung rief der US-amerikanische Internetaktivist Jacob Appelbaum die Teilnehmer dazu auf, Verantwortung zu übernehmen, sich gegen Internetzensur und staatliche Überwachung zur Wehr zu setzen. Jeder dieser Missstände sei ihr Fachgebiet, sie dürften sich nicht hinter eine solche Schutzbehauptung zurückziehen.

Beim Internet gehe es letztlich wie bei Fernsehen, Radio und Zeitungen um Informationen und Wissen. Die deutsche Hacker-Szene sei dabei für viele andere Länder ein Vorbild, sagt CCC-Sprecherin Constanze Kurz. "Es ist eine zivilisatorische Errungenschaft, dass wir die Zensur nicht mehr haben. Und mit Blick auf die Länder, die selbst die Netze sehr stark zensieren, zum Beispiel in Afrika, Asien oder Russland, sollten wir uns abheben und diese Werte hochhalten." Als gelungenes Beispiel nennt sie im Gespräch mit der DW das Scheitern des geplanten "Zugangserschwerungsgesetzes" der Bundesregierung. Es sollte im Kampf gegen Kinderpornografie die Sperrung von Internetseiten ermöglichen. Kritiker befürchteten aber, dass auch andere, der Regierung missliebige Inhalte gesperrt werden könnten. Ende 2011 hob der Bundestag das Gesetz nach nur einem Jahr Probebetrieb wieder auf.

Attraktiver Gesprächspartner

Der Chaos Computer Club wurde 1981 von einer Gruppe ambitionierter Computer-Freaks gegründet. Große Bekanntheit erlangten sie drei Jahre später, als sie sich in das Btx-System der Hamburger Sparkasse hackten, das von der Bundespost damals für manipulationssicher erklärt worden war. Bei der Aktion "erbeuteten" sie 135.000 D-Mark, die anschließend jedoch wieder zurückgezahlt wurden.

Mittlerweile hat sich das Erscheinungsbild der Computer-Freaks komplett gewandelt, sagt CCC-Sprecherin Constanze Kurz. Zwar gebe es immer noch die blassen Nerds, die entrückt auf ihre Tastatur hacken, doch in der öffentlichen Wahrnehmung habe sich der Club zu einem angesehenen Gesprächspartner und Berater für politische Parteien und Verfassungsorgane entwickelt: "Da haben wir in Deutschland Glück, dass unsere Expertise angenommen wird, dass wir Gesetzgeber beraten oder in Karlsruhe beim Bundesverfassungsgericht hinzugezogen werden. Das ist natürlich schon eine Ehre."

Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Club Foto: Karlheinz Schindler (dpa)

Constanze Kurz: "Wir müssen uns keinen Mächten fügen"

Mit dem Ansehen wächst allerdings die Gefahr der Vereinnahmung. Das gibt auch Constanze Kurz zu, verweist aber auf die Prinzipien des CCC, nach denen sie zwar mit allen Parteien reden - außer mit den Rechtsextremen - sich jedoch nicht vereinnahmen lassen: "Diese Unabhängigkeit ist in großen Teilen dadurch gegeben, dass wir kommerziell unabhängig sind. Wir nehmen keine Gelder, haben keine Sponsoren, die uns strukturell unterstützen und das ist eine sehr angenehme Position: Wir können immer schreiben, denken und sagen, was aus unserer Expertise im technischen Bereich herauskommt. Wir brauchen uns keinen Mächten zu fügen."

Alle Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich für den CCC, sind im Hauptberuf in der IT-Branche oder an der Universität, manche machen es auch einfach nur als Hobby. Was der Chaos Computer Club grundsätzlich ablehnt, sind kommerzielle Aufträge von Banken oder Konzernen zur Überprüfung ihrer Netzwerke. "Wir sind eher der Computer-ADAC und bekommen Anfragen von Privatleuten mit Druckerproblemen, das ist schon manchmal etwas bizarr", erzählt Constanze Kurz mit einem Schmunzeln.

Migranten als Chance

Teilnehmer des 29. Jahreskongresses des Chaos Computer Clubs Foto: Malte Christians (dpa)

Im Chaos Computer Club gibt es zu wenig Frauen und Migranten

Wer sich die bunte Truppe der Tagungs-Teilnehmer anschaut, erkennt, dass sie keinen repräsentativen Querschnitt durch die Gesellschaft darstellt: Nur wenige Frauen mischen sich unter die Computer-Freaks - und noch weniger Teilnehmer mit Migrationshintergrund. Der Grund dafür sei, dass die CCC-Mitglieder traditionell aus IT-Berufen und technischen Studiengängen kämen - und in diesen seien Migranten ebenfalls unterrepräsentiert, versucht Constanze Kurz das Missverhältnis zu erklären. Dabei könnten gerade Spezialisten mit arabischen Wurzeln wertvolle Arbeit leisten: "Es gab zum Beispiel Aktionen im Rahmen der arabischen Revolution. Einige Diktatoren wie Mubarak hatten ja den Internetzugang blockiert, da haben wir versucht, technisch auszuhelfen. Da hilft es natürlich, wenn man Leute mit nem Migrationshintergrund hat, die die Muttersprache dort sprechen."

Traditionell pflege der Chaos Computer Club auch gute Kontakte nach Südosteuropa, sagt die Sprecherin, einige der Vorträge auf dem Kongress in Hamburg würden von Experten aus diesen Ländern gehalten. Doch das größte Aufgabengebiet für die Zukunft für Internetaktivisten liegt nach Ansicht des CCC in Ländern wie China, Indien und Russland. Also dort, wo der Kampf für mehr Freiheit und weniger Zensur im Internet noch in den Anfängen steckt.