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Asien

Gleichgeschlechtliche Ehen in Taiwan?

Taiwan veranstaltet jährlich Asiens größte "Pride Parade". Die Insel gilt als offen gegenüber Schwulen und Lesben. Diese hoffen nun auf ein Eherecht für gleichgeschlechtliche Paare.

Ort: Taipeh, Taiwan Veranstaltung: Taiwan Pride, Asiens größte Schwulen- und Lesbenparade Datum: 27. Oktober 2012 Copyright: Martin Aldrovandi

Taiwan Pride Asien Schwulen und Lesbenparade Taipeh

Ob als Kaiser mit Konkubinen, mit Federboas geschmückt oder als chinesischer Drache mit bunten Luftballons: Auch beim zehnten Umzug der Homosexuellen, der sogenannten "Taiwan-Pride", haben sich die Teilnehmer einiges einfallen lassen.

Mitten zwischen Paradiesvögeln, "Drag-Queens" in Frauenkleidern und Ledermännern stehen Chen Jing-hsueh und Gao Jhih-wei. Das Paar hat sich vor neun Jahren übers Internet kennengelernt, später haben sich die beiden verlobt und im Jahr 2006 gaben sie sich das Ja-Wort. "Wir unterscheiden uns nicht von anderen Paaren", sagt Chen Jing-hsueh. "Nach traditioneller Auffassung muss es zwar einen Ehemann und eine Ehefrau geben, ich finde es aber wichtiger, dass wir uns lieben und Verantwortung für einander übernehmen."

Ort: Taipeh, Taiwan Veranstaltung: Taiwan Pride, Asiens größte Schwulen- und Lesbenparade Datum: 27. Oktober 2012 Copyright: Martin Aldrovandi In traditionellen chinesischen Gewändern: Kaiser und Konkubinen marschieren auf der Taiwan Pride

Farbenfrohe Kostüme bei der Taiwan Pride, Asiens Schwulen- und Lesbenparade in Taipeh

Schwules Paar klagt gegen Taipeh

Als Chen Jing-hsueh und Gao Jhih-wei ihre Beziehung im vergangenen Jahr als Ehe registrieren lassen wollten, erhielten sie von der zuständigen Behörde eine Absage. Chen wollte das nicht auf sich sitzen lassen und klagte zusammen mit seinem Partner gegen die Hauptstadt Taipeh. Die Anwälte des Paares berufen sich darauf, dass in Taiwans Zivilrecht nicht ausdrücklich von einem Mann und einer Frau die Rede sei. So gesehen, sagt Anwalt Liu Chi-wei, seien Gao und Chen bereits verheiratet: "Nur weil irgendjemand einmal gesagt hat, dass nur ein Mann und eine Frau heiraten dürfen, soll es jetzt einfach so sein? Wenn sich im Gesetz dazu keine Grundlage findet, kann man jemandem auch nicht die Ehe verweigern."

(Foto: DW/Martin Aldrovandi)

Gao und Chen (re.) kämpfen um die Legitimierung ihrer Ehe

Nach sechs Anhörungen im Verwaltungsgericht von Taipeh wird ein erstes Urteil bis Ende des Jahres erwartet. Ein Erfolg, so Anwalt Liu, wäre ein weiterer Schritt hin zur Öffnung der Homo-Ehe. Der juristische Weg habe allerdings den Nachteil, dass man immer nur einen einzigen Fall behandelt. "Die Probleme im System können dabei nicht gelöst werden. Schlussendlich wird sich auch der Gesetzgeber damit befassen müssen."

Revolution der Ehe

Lu Shi Wei setzt sich auf der politischen Ebene für eine Homo-Ehe ein. Die junge Frau steht auf dem Umzugs-Wagen der "Allianz für zivile Partnerschaften". Mit Hilfe eines Megafons bittet sie um Unterschriften für eine Petition, die auch Homosexuellen eine Ehe ermöglichen soll. "Es geht mir aber nicht nur um die Homo-Ehe, sondern um eine umfassende Reform der Ehe und unserer Einstellung gegenüber Liebesbeziehungen", so Lu gegenüber der Deutschen Welle. Geht es nach den Vorstellungen ihrer "Allianz für zivile Partnerschaften", sollen nicht nur Schwule und Lesben heiraten dürfen: Die Petition verlangt auch eine zivile Partnerschaft sowie die Möglichkeit, dass Beziehungen von mehr als zwei Personen vom Staat anerkannt werden. Das diesjährige Motto der Taiwan-Pride lautet denn auch "Revolution der Ehe".

Rund 60.000 Menschen nahmen an der Taiwan Pride Parade teil. (Foto: DW/Martin Aldrovandi) Vor dem Umzug versammeln sich die Teilnehmer auf dem Ketagalan-Boulevard vor dem Präsidialamt

"Taiwans Gesellschaft hat einen großen Wandel durchgemacht", sagt AIDS-Aktivist Chi Chia-Wei

Ziel der Petition, die die Organisation im September gestartet hat, ist, innerhalb eines Jahres eine Million Unterschriften zu sammeln. Unterschrieben haben bereits Showgrößen wie die Sängerin A-mei, aber auch Oppositionspolitiker wie Tsai Ing-wen, die im Januar für das Amt des Präsidenten kandidierte. Waren es auf der ersten Pride-Parade vor zehn Jahren noch wenige hundert Teilnehmer, von denen sich viele hinter Masken versteckten, nahmen in diesem Jahr nach Angaben der Veranstalter über 60.000 Menschen teil. Die Taiwan Pride ist die größte ihrer Art in ganz Asien; nicht umsonst gilt Taiwan in der Region als besonders homofreundlich.

Kampf um Anerkennung

Die Forderung nach einer Homo-Ehe ist in Taiwan nicht neu: Taiwans bekanntester AIDS-Aktivist Chi Chia-Wei wollte bereits 1986 seine Beziehung als Ehe eintragen lassen, bisher erfolglos. Trotzdem, sagt Chi Chia-Wei, habe die Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten einen großen Wandel durchgemacht: "Damals dachten viele, ich sei der einzige Schwule in ganz Taiwan. Einige fragten mich sogar, wen ich denn heiraten wolle, außer mir gebe es ja keinen anderen.  Sie hatten einfach keine Ahnung."

AIDS-Aktivist Chi Chia-wei mit Regenbogen-Flagge (Foto: DW/Martin Aldrovandi)

Taiwans bekanntester AIDS-Aktivist Chi Chia-wei

So lange es die eigene Familie nicht betreffe, seien die meisten Taiwaner relativ tolerant, sagt Chi. Letzenendlich sei es auch eine Generationenfrage: "Vor allem ältere Menschen haben immer noch Mühe damit." Doch er ist optimistisch: "In zwei Generationen wird sich dies von selbst gelöst haben, dann brauchen wir gar nicht mehr um die Ehe zu kämpfen."

Chi Chia-wei hat bisher keine Pride-Parade ausgelassen. Er hat auch alle Anhörungen von Chen Jing-hsueh und Gao Jhih-wei besucht. Er wünscht den beiden, dass sie mit ihrer Klage mehr Erfolg haben als er damals. Chen und Gao stehen inzwischen vor dem Stand der "Allianz für Partnerschaften", sie halten Papierbögen in den Händen, nehmen Unterschriften für die Petition entgegen. Es wäre doch toll, sagt Chen, wenn Taiwan als erstes Land in Asien die Homo-Ehe erlauben würde.

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