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Globale Zusammenarbeit

Homosexuelle - Kein Coming out in Syrien

In Syrien haben Schwule und Lesben einen besonders schweren Stand. Homosexualität steht dort unter Strafe. Der Oppositionelle Mahmoud Hassino versucht, die diskriminierte Gruppe zu einen.

Ein schwules Paar geht Hand in Hand am Strand spazieren

Schwule Männer haben in Syrien keine Chance, ihre Identität offen zu leben

Mahmoud Hassino mag die Musik von Elissa. Die libanesische Sängerin ist unter Homosexuellen in Syrien besonders beliebt. Hassino ist Journalist und lebt jetzt in der Türkei. In seiner Heimatstadt Damaskus könnte er nicht offen über die musikalischen Vorlieben der Homosexuellen sprechen - genauso wenig wie über ihre Rechte.

Hassino hat sich der Opposition gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad angeschlossen und möchte das Thema Homosexualität in das Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen. Doch das ist alles andere als einfach.

Schon als Jugendlicher wusste Hassino, dass er homosexuell ist, doch er konnte mit keinem über seine Gefühle sprechen. "Mit 15 habe ich für meinen Lehrer geschwärmt. Ich wusste, dass das etwas war, das aus meinem Inneren kam", erinnert er sich.

Mahmoud Hassino, Herausgeber der Zeitschrift für homosexuelle Syrer Mawaleh. (Foto: DW/Reese Ehrlich)

Der Journalist Mahmoud Hassino

Als Medizinstudent befasste er sich dann intensiv mit dem Thema. Er begriff, dass Homosexualität keine Krankheit ist, sondern eine normale sexuelle Orientierung. Als er zum ersten Mal offen mit seiner Mutter darüber sprach, habe sie ihm gesagt: "Niemand wird das akzeptieren." Er werde es schwer haben, eine Arbeitsstelle zu finden und soziale Kontakte zu anderen Menschen zu pflegen. "Sie hatte Recht", sagt Mahmoud Hassino heute.

Einen Partner zu finden sei für ihn dagegen nie schwer gewesen: "Es gibt überall schwule Männer." Man müsse nur die richtige Antenne dafür haben, sie zu entdecken.

Zwangsheirat für Lesben

Lesben seien in Syrien noch größeren Problemen ausgesetzt als Schwule, meint Hassino. Das habe ihm das Schicksal einer lesbischen Freundin gezeigt: "Ihre Familie hat sie dazu gezwungen, einen älteren Mann zu heiraten. Nun muss sie sich wie eine Magd um ihn und seine Kinder kümmern. So ist die Familie meiner Freundin mit ihrer Homosexualität umgegangen."

In Syrien ist Homosexualität illegal. "Zwar hatte Präsident Baschar al-Assad am Anfang seiner Amtszeit, im Jahr 2000, versprochen, in diesem Bereich Reformen durchzusetzen, doch bis heute hat sich die Situation der Schwulen und Lesben nicht verbessert", kritisiert Hassino. "2010 wurden mehrfach Schwule festgenommen, die in Privatwohnungen Partys gefeiert haben." Drei von ihnen sei Drogenmissbrauch vorgeworfen worden.

"Die anderen kamen für drei Monate in Untersuchungshaft. So lang, bis ihre Familien und ihre gesamte Nachbarschaft Bescheid wußte", sagt Hassino. "Einige mussten deshalb sogar ins Ausland fliehen."

Anit-Assad Demo in Damaskus - Werden Schwule und Lesben nach der Ära Assad mehr Rechte in Syrien haben?(Foto:Shaam News Network/AP/dapd)

Werden Schwule und Lesben nach der Ära Assad mehr Rechte in Syrien haben?

Unterschiedliche politische Ansichten

Doch kulturelle Vorurteile gegen Homosexuelle seien ein noch größeres Problem als die juristische Verfolgung, sagt Hassino. "Die Gesellschaft in unserem Land ist geprägt von religiösen Traditionen. Die meisten Menschen lehnen Homosexualität ab."

Trotz der erlittenen Unterdrückung würden einige Schwule und Lesben immer noch Assad unterstützen, gibt Hassino zu bedenken: Denn sie hätten Angst vor einer noch stärkeren Unterdrückung, falls nach dem Assad-Regime konservative Islamisten an die Macht kommen sollten.

Mahmoud Hassino hat das Online-Magazin "Mawaleh" gegründet, zu deutsch "Irre". Sein Ziel ist es, alle syrischen Schwulen und Lesben zun erreichen - egal welche politische Einstellung sie haben.

"Niemand kann voraussagen, was in Syrien weiterhin passieren wird", sagt Hassino. "Wir müssen ein Bewusstsein für unsere Belange schaffen. Wir wollen ein säkuläres Syrien." Auch Homosexuelle, die zurzeit noch auf der Seite Assads sind, müssten darüber nachdenken, was nach seinem Sturz passieren könnte: "Sie müssen einen Notfallplan haben."

Gespaltene Opposition

Allerdings stößt Hassino auch bei nicht religiösen Oppositionellen auf Widerstand - seine Ansichten und sein Online-Magazin sind sehr umstritten. Miral Bioredda von einer säkulären Oppositionsgruppe sagt: "Aus meiner Sicht ist Homosexualität Privatsache. Doch die syrische Gesellschaft würde es nicht akzeptieren, dass Schwule und Lesben plötzlich ihre Rechte einfordern." Es werde noch lange dauern, bis sich in Syrien eine echte Zivilgesellschaft herausbilden könne.

Andere Oppositionelle zeigen sich unverhohlen homophob: "Wenn ich an der Macht wäre, würde ich härtere Gesetze gegen Homosexuelle durchsetzen", sagt Nasradeen Ahme, ein Mitglied der oppositionellen Freien Syrischen Armee. "Wenn jemand sagen würde, Homosexuelle sollten gesteinigt werden wie im Iran oder in Saudi-Arabien, hätte ich nichts dagegen einzuwenden."

Egal wer den syrischen Bürgerkrieg gewinnt - als Homosexueller werde man auch in Zukunft gegen Widerstände zu kämpfen haben, meint Hassino. Langfristig sei vor allem das Recht auf freie Meinungsäußerung nötig, um die konservativen Wertvorstellungen der Bevölkerung zu ändern.

"Am wichtigsten ist für uns die Akzeptanz in der Gesellschaft", sagt er. "Ohne Meinungsfreiheit können wir unser Anliegen nicht öffentlich machen. In Syrien werden aber Menschen vom Geheimdienst verhaftet, wenn sie sich organisieren, um über soziale und politische Veränderungen zu diskutieren."

Er sei optimistisch, dass die Opposition das Assad-Regime stürzen wird: "Und danach geht die Arbeit richtig los."