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Asien

Gewaltige Baustelle Fukushima

Der Kampf mit dem kontaminierten Wasser im AKW Fukushima bindet fast alle Kräfte. Dabei rückt die Stilllegung der vier zerstörten Reaktoren in weite Ferne. DW-Reporter Martin Fritz hat das AKW Fukushima besucht.

Das zerstörte Atomkraftwerk erinnert an diesem regnerischem Novembertag an ein Wimmelbild: Vor lauter Aktivitäten weiß die kleine Gruppe von ausländischen Journalisten nicht, wohin sie schauen soll. Die Reporter sind der

Einladung

von Japans größtem Stromkonzern Tepco gefolgt. Die Laster und Kräne auf dem Gelände lassen sich kaum zählen. Dazwischen sind überall Arbeiter mit Atemschutzmasken und weißen Schutzanzügen zu sehen. Es wird planiert, betoniert und gebaut.

Nahezu jede Fläche auf dem riesigen Areal ist bereits in Beschlag genommen. Schon am Eingang zum AKW steht ein neues achtstöckiges Gebäude. Ab Januar können sich dort bis zu 1.200 Bauarbeiter ausruhen. Die Zahl der Wassertanks ist unüberschaubar. Auf dem Weg zum Kontrollzentrum reihen sich hinter Stacheldrahtzäunen frisch gegossene Betonblöcke. Darin werden verbrauchte, aber schon ausgekühlte Brennelemente zwischengelagert.

Samurai-Methoden im Einsatz

Den Eindruck enormer Geschäftigkeit bestätigen auch die Zahlen. Inzwischen arbeiten täglich 7.000 Menschen auf dem Gelände, mehr als doppelt so viel wie noch im Frühjahr 2014. Allerdings kümmern sich nur wenige um die Stilllegung der zerstörten Meiler. Derzeit werden die meisten Arbeiter im Kampf gegen das kontaminierte Wasser eingesetzt. Immer noch dringen täglich 400 Tonnen Grundwasser in die Kraftwerke ein und vermischen sich mit der radioaktiven Brühe, die aus den vermutlich lecken Reaktoren tropft. Das abgepumpte verstrahlte Wasser wird in einer stetig wachsenden Zahl von Tanks gelagert. Unter dem Druck der Atomaufsicht hat Tepco nun ein Bündel von Gegenmaßnahmen ergriffen, die intern "sieben Samurai" heißen, um den Wassermassen Herr zu werden. Im Zentrum steht die neue "ALPS"-Reinigungsfabrik für 62 radioaktive Isotope, die Anfang Oktober in den Probebetrieb ging.

Fukushima Tepco Atomkraftwerk Japan

Aus der Vogelperspektive wird deutlich, wie dicht bebaut das Gelände des Kraftwerks ist

"Der Test verläuft bisher glatt", betonte Tepco-Ingenieur Shiichi Kawamura bei einem Besuch der Fabrik voller Metallzylinder mit Filtern und Absorbern. Hitachi hat sie mit Technologie von General Electric errichtet. Die Menge radioaktiver Abfälle ist nach dem Reinigungsvorgang um 90 Prozent kleiner als bei der ersten, zwei Jahre alten Anlage nebenan. Diese fiel immer wieder aus. Die neue Fabrik kann im Vollbetrieb täglich knapp 2.000 Tonnen Wasser säubern. Außerdem filtert Tepco separat das für Menschen besonders gefährliche Strontium heraus.

Kontaminiertes Wasser unter Kontrolle

Daher zeigte sich AKW-Chef Akira Ono selten entspannt. "Es sieht so aus, ob das Wasserproblem seinen Scheitelpunkt überschritten hat", meinte er vorsichtig. Zu den insgesamt sieben Samurai-Methoden gehört auch, dass das Grundwasser inzwischen teilweise um die Reaktoren herumgeleitet oder rechtzeitig hochgepumpt wird. Auch die drei Kilometer lange

Eiswand

im Boden, die bis April fertig sein soll und das Grundwasser aufhalten soll, kommt voran. Zwischen Gebäude und Turbinenhaus von Reaktor 4 ist eine lange Reihe von mit Silberfolie umhüllten Metallstutzen für die Kühlflüssigkeit zu sehen, die gerade erst vergraben wurden. Noch stehen der Eismauer lange Gräben im Weg, in denen 11.000 Tonnen radioaktives Wasser stehen. Aber bis zum Jahresanfang wolle man die Gräben zubetonieren, erklärte Ono.

Der enorme Aufwand mit Milliarden-Kosten scheint sich auszuzahlen: Binnen der letzten Woche ist die Gesamtmenge kontaminierten Wassers um knapp zwei Prozent auf 335.000 Tonnen erstmals gesunken. Das Volumen an gereinigtem Wasser stieg um fünf Prozent auf 193.000 Tonnen. Beides zusammengenommen sind das immer noch 211 große Schwimmbecken. Tepco kann das selbstgesetzte Ziel, sämtliches Wasser bis Ende März zu reinigen, wohl nur mit großer Mühe erreichen. Und ohne eine Lösung für das schwer zu entfernende Tritium, einem nur schwach radioaktiven Nebenprodukt von Kernspaltungen, werden die Fischer der Region die geplante Einleitung des gesäuberten Wassers in den Pazifik weiter verweigern.

Kein Fortschritt bei geschmolzenen Brennstäben

Fukushima Tepco Atomkraftwerk Japan Brennstäbe 18. November 2013

Die Bergung der Brennstäbe galt als heikel, ist aber ohne Zwischenfall abgeschlossen worden.

Während die größte Zahl der Arbeiter gegen kontaminiertes Wasser kämpft, kommt die Bergung der geschmolzenen Brennelemente nicht voran. Immerhin ist es Tepco gelungen, über 1.300 abgebrannte Brennelemente aus dem Abklingbecken von Reaktor 4 zu bergen. Vor der gefährlichen Operation hatten Atomkraftkritiker vor einer neuen Katastrophe gewarnt. Projektleiter Yunuichi Kagami zeigt daher mit Stolz auf das leere Abklingbecken: "Als wir vergangene Woche das letzte Brennelement hier sicher aus dem Becken herausgezogen haben, haben wir gejubelt." Alle hätten ohne Pause rund um die Uhr für diesen großen Schritt hart gearbeitet.

Dennoch scheint die Stilllegung der restlichen Meiler wie ein ferner Traum. Denn die anderen drei Reaktoren, in denen Kernschmelzen stattfanden, bleiben wegen der extrem hohen Strahlung für Menschen weiter völlig unzugänglich. Die ferngesteuerten Kranarbeiten auf dem Dach von Reaktor 3 ruhen seit August, nachdem bei Arbeiten Materialien in das Abklingbecken gestürzt sind. Und die provisorische Schutzhülle von Reaktor 1 wurde zwar gerade an zwei Stellen geöffnet. Aber mit dessen Stilllegung will Tepco nach unbestätigten Informationen erst 2025 beginnen, also fünf Jahre später als bislang geplant.

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