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Wissen & Umwelt

Zu Besuch in Fukushima

Das Erdbeben, der Tsunami, die Atomkatastrophe. Seit März 2011 kämpfen die Menschen im japanischen Fukushima mit den Folgen. Erstmals konnte nun ein deutsches Fernsehteam auf dem Reaktorgelände drehen.

Polizisten patrouillieren am Weg. Sie tragen Mundschutz, Handschuhe und ein Dosimeter, mit dem sich die Strahlenintensität messen lässt, der sie ausgesetzt sind. Sie kontrollieren das ausländische Fernsehteam, telefonieren immer wieder, um sich der Echtheit der Genehmigungen zu vergewissern. Sie wissen nicht - das zeigt die 45-minütige Fernsehdokumentation - dass sich die Strahlenbelastung mit nur wenigen Schritten verändert. Auf Wiesen und in Wäldern ist sie viel höher als auf der Straße. Das Fatale: Radioaktivität ist unsichtbar. Die Polizisten stammen nicht aus der Gegend. Sie sind zum Dienst in der radioaktiv verseuchten Zone verpflichtet worden. Ranga Yogeshwar und seine Kollegen sind freiwillig vor Ort.

"Es ist die Aufgabe von uns Journalisten, genau hinzuschauen", begründet Yogeshwar seine Reise zum Unglücksreaktor nach Fukushima mit dem Risiko, sich der radioaktiven Strahlenbelastung auszusetzen.

Das Atomkraftwerk (AKW) in Fukushima war 2011 zu großen Teilen zerstört worden. Es kam zu Kernschmelzen. Immense Mengen Radioaktivität wurden freigesetzt, verseuchten die Umwelt, machten 100.000 Menschen heimatlos und läuteten die Energiewende in Deutschland ein. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte keine sechs Monate zuvor noch ihr Vertrauen in die Atomkraft bekräftigt und die Laufzeitverlängerung für Atommeiler verkündet.

Rege Betriebsamkeit in der Reaktor-Ruine

Im AKW in Fukushima arbeiten heute noch 6000 Menschen. Sie sind mit Aufräumarbeiten und der Dekontaminierung beschäftigt, sofern es die schädliche Strahlung zulässt. Jede Arbeitsschicht dauert nur zwei Stunden, weil die Arbeit in Schutzanzügen erschöpfend ist. Die verantwortliche Firma Tepco hat für die Journalisten aus Deutschland einen minutiösen Plan ausgearbeitet. Jeder Gast wird mit einem Strahlenmessgerät ausgestattet, um die Radioaktivität zu messen, die sehr stark schwankt.

Ranga Yogeshwar in Fukushima (Foto: WDR).

Notwendiges Ritual: Yogeshwar (M.) beim Kleidungswechsel vor dem Besuch im Unglücksreaktor

In der Sicherheitsschleuse zuvor war auch das TV-Team strahlenschutzfest gemacht worden: "Latex, Baumwolle und nochmals Latex", sagt Yogeshwar in die Kamera. Noch ist er als solcher auszumachen. Drei Paar Handschuhe zieht er übereinander. Eine Weste mit Kühlpacks, die die Hitze mindern sollen, ein weißer Schutzanzug, Atemschutzmaske. Alles wird luftdicht verklebt, um zu verhindern, dass radioaktive Partikel auf Haut und in den Körper eindringen. Auch die Kameras werden in Folie eingepackt. Die Verständigung ist nur über ein Megaphon möglich.

Per Bus geht es über das Gelände. Zwischen zerstörten Fassaden, Trümmern und Schutt entsteht ein gigantischer Neubau. Die Strahlenbelastung sei hier so hoch, dass man nicht aufräumen könne, erfährt Yogeshwar. Die grünlich schimmernden Reaktorgebäude wurden in aller Eile gestrichen, um den radioaktiven Staub an den Fassaden zu binden. Dicke Stahlplatten am Boden sollen verhindern, dass die Strahlung sich nach oben ausbreitet. Die Besucher aus Deutschland messen einen Wert von 87 Mikrosievert (µSv) pro Stunde. Zum Vergleich: Ein Bürger in Deutschland ist pro Jahr einer Strahlenmenge von vier Millisievert (mSv) ausgesetzt.

Ranga Yogeshwar in Fukushima (Foto: WDR).

Unterwegs auf der Riesenbaustelle im Kernkraftwerk Fukushima

Japaner als Pioniere bei der Bewältigung eines Super-GAUs

Über das Reaktorgebäude von Block 4 hat die AKW-Betreiberfirma Tepco ein fünfzig Meter hohes Stahlgerüst stülpen lassen, da der zerstörte Reaktorrumpf einsturzgefährdet ist. Drinnen waren Trümmer auf das Abklingbecken gestürzt, in dem 1500 Brennstäbe zum Abkühlen lagen und wegen des Stromausfalls zu Schmelzen drohten. Die meisten Brennstäbe sind abtransportiert. Der Film zeigt, dass dafür eigens ein Transportgefäß angefertigt wurde.

Es geht zu Block 1 in den Kontrollraum, "ausgestattet mit Technik der 1970er Jahre", merkt Yogeshwar an. Hier erlebte die diensthabende Belegschaft den Super-GAU: Zuerst hatte die Erde gebebt. Danach schwappten 15 Meter hohe Wellen des Tsunamis mit hohem Druck über die Schutzdämme der Reaktoranlage - direkt am Meer. Das Wasser strömte in die Anlage, legte das Kühlsystem, die Notstrom- und Batteriespeicher lahm. Eine Explosion zerstörte Teile der Anlage. Die Besatzung stand im Dunkeln, konnte nicht erkennen, dass die hochradioaktiven Brennstäbe nicht mehr gekühlt werden konnten - die größte Katastrophe.

Noch heute müssen die Betreiber die geschmolzenen Brennstäbe mit gewaltigen Wassermengen kühlen. Mehrere Kubikmeter pro Stunde strömen in die Anlage. Um zu verhindern, dass das kontaminierte Wasser durch Lecks nach außen und ins Grundwasser gelangt, muss es abgepumpt werden. Tag für Tag werden 700 Kubikmeter stark kontaminierten Wassers in großen Tanks außerhalb des Blocks gespeichert. Jeder Tank kann eine Million Liter aufnehmen. 350 Tanks sind bereits gefüllt. Auf dem Gelände wird eine Anlage zur Dekontaminierung des Wassers errichtet. Eine solche Filteranlage hat es weltweit noch nie gegeben. Bis die Anlage fertig ist, werden ständig neue Tanks benötigt.

Jahrzehnte währende Sisyphusarbeit

Radioaktivität Untersuchung (Foto: JAPAN POOL/AFP/Getty Images).

Strahlen messen, Notizen machen, schwarze Säcke registrieren

Jahrzehnte werde es dauern, so Wissenschaftsjournalist Yogeshwar, bis Japans Atom-Ingenieure die zerstörten und geschmolzenen Brennstäbe abgekühlt haben, die sich noch in den Reaktordruckbehältern befinden. Noch ist die Strahlung rund um die maroden Gefäße mit den uranhaltigen Brennelementen so hoch, dass selbst Roboter in der Nähe ihren Dienst versagen.

Zurück in der Sicherheitsschleuse, messen Tepco-Mitarbeiter die Strahlenwerte der Besucher aus Deutschland. Sie entsprechen aktuell den Werten an hochenergetisch atomaren Teilchen, denen ein Passagier bei einem Hin- und Rückflug von Deutschland nach Japan ausgesetzt ist.

"Auch in der Region um den Reaktor herum, herrscht immer noch Ausnahmezustand", sagt Rangar Yogeshwar. 146.000 Menschen wurden aus der Zone evakuiert, in der auf Jahrzehnte niemand wird leben können.

Sperrzone in Fukushima (Foto: picture alliance).

Gesperrte Zone: Keine Seltenheit seit März 2011

In einer weiteren, vom Kernkraftwerk entfernteren Zone, ist die Strahlenbelastung geringer. Hier dürfen sich Menschen zumindest tagsüber aufhalten. In der ganzen Region - das veranschaulicht der Film - dreht es sich um die Folgen des Super-GAUs. Symbol sind die mit Erde gefüllten schwarzen Säcke. Sie stapeln sich in Massen. Fünf Zentimeter Erde werden in der gesamten Zone abgetragen, um die mit radioaktiven Partikeln verstrahlte Bodenschicht zu entfernen. Früher gab es hier Reisfelder und Obstplantagen. Heute wuchert das Unkraut. Die Bewohner wurden zwangsweise umgesiedelt. "Ich fühle mich wie im Krieg", erklärt eine Frau ihre Gemütslage mit der in Japan üblichen Fassung und Würde. Sie hat alles verloren. Und lächelt verlegen.

Die Fahrt geht durch Geisterstädte und an Baustellen vorbei. Männer schrubben, bürsten, kratzen den radioaktiven Staub von Dächern, Wänden, Mauern. In der Stadt Fukushima, 62 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt, leben 300.000 Menschen. Weil Regen radioaktives Jod und Cäsium bis hierher trug, wird jedes Gebäude dekontaminiert. Stück für Stück. Die Japaner haben sich vorgenommen, die Region zurückzuerobern. Und sie erwägen, die abgeschalteten Kernkraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen.

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