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Fokus Südosteuropa

Getrennte Wege - gemeinsame Zukunft?

Vor 20 Jahren erklärten Kroatien und Slowenien ihre Unabhängigkeit. Deutschland setzte sich stark für eine frühe Anerkennung der jugoslawischen Teilrepubliken ein. Den Krieg auf dem Balkan konnte das aber nicht stoppen.

Karte des ehemaligen Jugoslawiens (Grafik DW)

Kroatien und Slowenien wollten getrennte Wege gehen

Es war ein angekündigter Schritt: Schon vier Wochen vor der offiziellen Unabhängigkeitserklärung Kroatiens und Sloweniens am 25. Juni 1991 haben die kroatischen Bürger mit überwältigender Mehrheit von 94 Prozent für einen Austritt der Republik aus der damaligen Jugoslawischen Föderation gestimmt. Und auch die Slowenen waren eindeutig entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen: Diesem Willen haben sie bei einem Referendum im Dezember 1990 kund getan. Dementsprechend war die Stimmung in den beiden Ländern euphorisch.

Dass der Krieg dennoch zu diesem Zeitpunkt erst richtig losgehen würde, sowohl in Kroatien, und erst recht in Bosnien und Herzegowina – das haben viele damals nicht gedacht. So auch der Zagreber Politikwissenschaftler und Journalist Srdjan Dvornik nicht. Er glaubte, dass die Unabhängigkeitserklärung nur ein Element in den taktischen Spielchen der Präsidenten der damaligen Republiken Jugoslawiens sei: „Zu dem Zeitpunkt war mir überhaupt nicht klar, welche schweren Folgen es geben wird", sagt Dvornik.

Die Realität ausblenden

Josip Broz Tito (AP Photo)

Josip Broz Tito - nach seinem Tod zerfiel Jugoslawien

Man sah nicht, was man nicht sehen wollte – so war damals die psychologisch verständliche, aber politisch verhängnisvolle Haltung vieler Menschen im ehemaligen Jugoslawien. Dabei standen die Zeichen schon lange auf einem Zerfall des Landes, wie Marie-Janine Calic, Professorin an der Uni München, meint. Jugoslawien hatte sich zu dem Zeitpunkt schon aufgelöst, sagt die Historikerin: „Es gab keine funktionierenden Institutionen mehr und insofern war es logisch, dass sich die Republiken für unabhängig erklären."

Heute weiß man: Schon der Tod des langjährigen Präsidenten Josip Broz Tito 1980 zeichnete den Beginn vom Ende Jugoslawiens. Ohne seine Integrationskraft erstarkten die bislang unterdrückten nationalistischen Kräfte im Land. Die sechs Republiken des föderativen Staates drifteten immer mehr auseinander. Im Juni 1991 war es dann soweit – durch die Unabhängigkeitserklärungen wollten Kroatien und Slowenien nun endgültig den großserbischen Ansprüchen des damaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic entkommen.

Einstimmige Entscheidung

Ähnlich sah man das im Ausland, erklärt der damalige deutsche Außenminister und große Verfechter der kroatischen und slowenischen Unabhängigkeitsbestrebungen Hans-Dietrich Genscher. Es wurde nämlich auch in den europäischen Hauptstädten zunehmend deutlich, dass Milosevic einen Machtanspruch erhebt, sagt Genscher. „Wir sahen ernsthafte Zeichen von großserbischen Bestrebungen. Es machte uns deutlich, dass die Unabhängigkeitsbestrebungen in Kroatien und Slowenien ihre Begründung hatten", erklärt der Außenminister a.D.

Soldaten der Jugoslawischen Volksarmee in Kroatien (AP Photo/Srdjan Ilic)

Soldaten der Jugoslawischen Volksarmee und freiwillige serbische Kämpfer in Kroatien 1991

Deswegen versuchte er die anderen Mitglieder der damaligen Europäischen Gemeinschaft von einer schnellen Anerkennung der Unabhängigkeitserklärungen beider Staaten zu überzeugen. Wegen dieser Bemühungen wird Deutschland auch heute noch ein Alleingang vorgeworfen. Für Genscher allerdings ist diese These ein reiner Unfug. Auf der Sitzung der Außenminister der Europäischen Gemeinschaft am 17. Dezember 1991 sei beschlossen worden, Kroatien und Slowenien mit Wirkung vom 15. Januar 1992 als unabhängige Staaten anzuerkennen. Deutschland habe sich daran gehalten, sagt Genscher.

Die Entscheidung zur Anerkennung sei am 23. Dezember getroffen worden, sie sei aber erst zum 15. Januar 1992 in Kraft getreten: „Zu diesem Zeitpunkt haben auch alle anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft die beiden Staaten anerkannt. Deutschland hat von Anfang an gesagt, dass wir keinen Alleingang machen werden", betont der frühere Außenminister.

Alle zusammen – in der EU

Symbolbild EU und der westliche Balkan (DW-Grafik)

Bald wieder vereint unter einem neuen Dach

Auch heute wird noch darüber gestritten, ob man mit der sofortigen Annerkennung beider Staaten den Krieg hätte verhindern können. Während Dvornik davon überzeugt ist, glaubt Marie-Janine Calic, dass der Zeitpunk letztendlich keine Rolle spielte, denn auch eine frühere Anerkennung hätte an der Grundsituation gar nichts geändert. „Da standen unüberbrückbare Gegensätze im Raum, einige wollten unabhängig werden, die anderen sahen dadurch ihre vitalen, nationalen Interessen bedroht. Also die Zeitfrage spielte keine Rolle", ist Calic überzeugt.

Zwanzig Jahre sind nun seit den beiden Unabhängigkeitserklärungen vergangen. Slowenien ist schon Mitglied der EU, Kroatien soll in zwei Jahren beitreten. Die Spuren der Kriege scheinen langsam zu verblassen. Ein wichtiges Zeichen für die Normalisierung und Versöhnung haben die Präsidenten Kroatiens und Serbiens bereits gesetzt. Im vergangenen Jahr haben sich die beiden Staatsoberhäupter im Namen ihrer Länder für die begangenen Kriegsverbrechen gegenseitig entschuldigt.

Inzwischen klopfen auch die anderen Länder des früheren Jugoslawiens an die EU-Pforte – Serbien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Kosovo und Montenegro. Bald könnten also wieder alle zusammen in der Europäischen Union sein.

Autor: Zoran Arbutina/Rayna Breuer

Redakteur: Blagorodna Grigorova

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