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Deutschland

Geteilte Meinung über Frauenabteil

Neuheit im deutschen Eisenbahnverkehr: Auf der Strecke zwischen Leipzig und Chemnitz gibt es jetzt Abteile nur für Frauen. Kate Brady ist im Zug mitgefahren, um herauszufinden, was die Passagiere darüber denken.

Es ist ein Aprilsonntag in Sachsen. Die Sonne scheint. Dennoch zählt eine Fahrt in einem Regional-Express von Leipzig nach Chemnitz nicht zu den gemütlichsten Momenten im deutschen Nahverkehr. Die noch aus DDR-Zeiten stammenden Eisenbahnwaggons sind dunkel und in Abteile mit jeweils sechs Plätzen aufgeteilt. Der Zug ist fast voll und wirkt dadurch deutlich weniger unheimlich. Ein Gast nickt freundlich, ein anderer hilft einem Paar dabei, einen Koffer zu verstauen. Aber viele Passagiere wissen: So harmonisch geht es nicht immer zu.

So hat vor wenigen Wochen der Hashtag #imzugpassiert auf Twitter die Runde gemacht. Fahrgäste teilten ihre negativen Erfahrungen im Zug - von penetranten Blicken über unangebrachte Kommentare bis hin zu körperlicher Gewalt.

Ein größeres Sicherheitsgefühl

Der Aufschrei in den sozialen Medien folgte der Einführung von Frauenabteilen in den Wagen des privaten Betreibers Mitteldeutsche Regiobahn (MRB) auf der Strecke zwischen Leipzig und Chemnitz. Laut MRB sollen die separaten Abteile das Sicherheitsgefühl bei allein oder mit Kindern reisenden Frauen erhöhen. Auch Senioren dürfen in die Abteile, die sich in der Mitte des Zuges befinden, in der Nähe des Bordpersonals. Das sei absichtlich so gewählt, heißt es bei der MRB.

Der RE6 steht am Bahnsteig (Foto: K. Brady / DW)

Im Dunkeln manchmal gruselig - der RE6 fährt von Leipzig nach Chemnitz

Die Sicherheit von Frauen wird in Deutschland spätestens seit den sexualisierten Übergriffen in der Silvesternacht in Köln wieder heftig diskutiert. Rund 480 Anzeigen erreichten die Polizei nach der Kölner Neujahrsfeier. Die Frauenabteile seien aber keine Reaktion auf die Geschehnisse von Silvester, so die MRB. So sei die Einführung bereits im Dezember beschlossen worden, nachdem Gäste danach gefragt hatten.

"Das toleriert Übergriffe"

Politiker, Medien, Geschlechterforscher und Transportunternehmen fragen seitdem, wie wirkungsvoll diese Maßnahme ist. Die Meinungen gehen auseinander. Kristina Lunz berät das deutsche Komitee von UN Women bei Kampagnen gegen sexualisierte Gewalt. Sie kritisiert die Frauenabteile scharf: "Anstatt die Täter zu verurteilen, wird die Belästigung von Frauen so implizit toleriert", sagt die Frauenrechtlerin. "Wir brauchen kein Frauenabteil, sondern ein Gefühl der Sicherheit, egal, wo wir uns bewegen."

Auch Simon Hüther vom Verkehrsclub Deutschland findet, dass die Abteile keine gute Idee sind. "Das geht in die falsche Richtung", sagte er der Deutschen Welle. "Die Geschlechter wieder trennen? Das gehört doch der Vergangenheit an." Marco Böhme, Abgeordneter der Linken im sächsischen Landtag, stimmt dem inhaltlich zu. "Die Abteile sind ein Schritt zurück ins Mittelalter."

Keine schnelle Lösung

An Board des RE6 zwischen Leipzig und Chemnitz klingt das etwas anders. Viele der befragten Gäste befürworten das neue Abteil. Auch wenn einige der Passagiere eher zufällig darin gelandet sind. Nur ein blauer Aufkleber mit dem Symbol einer Frau im Kleid und den Worten "Frauenabteil" weist auf den Zweck des Abteils hin.

Leah studiert interkulturelle Kommunikation in Fulda. "Um ehrlich zu sein, war das der einzige freie Platz. Ich wusste zwar, dass es diese Extraabteile auf der Strecke gibt. Bisher habe ich gar nicht gemerkt, dass ich in so einem sitze", so die 21-Jährige. Sie findet die Initiative gut. Vor allem nachts sei das wichtig. "Diese Abteile können ganz schön gruselig wirken, wenn man alleine reist", so Leah. Dennoch stimmt es sie nachdenklich, dass sie für ihre Sicherheit von den männlichen Reisenden getrennt wird. "Die Lösung ist schon etwas rückwärtsgewandt."

Die 21-jährige Leah sitzt im Frauenabteil (Foto: K. Brady / DW)

Die 21-jährige Leah hat sich zufällig ins Frauenabteil gesetzt

Jasmin, eine 35-jährige Krankenschwester, reist mit ihrem 18 Monate alten Sohn. Sie lobt das neue Abteil nur für Frauen. "Das ist eine gute Idee, vor allem in diesen alten Zügen. Es ist immer einfach zu sagen: Meldet die Belästigung sofort dem Personal, aber oft ist einfach niemand da, wenn man Hilfe braucht." Es sei vielleicht ein bisschen altmodisch, so Jasmin, aber sie fühle sich deutlich sicherer.

Der 62-jährige Bernd hat auch Verständnis für die Abteile - aber das könne nur eine kurzfristige Maßnahme sein. "Wenn sich die weiblichen Passagiere sicherer fühlen, ist das schon ein gutes Ergebnis." Auch mit Blick auf seine erwachsene Tochter beruhigt es ihn - vor allem zu später Stunde. "Aber wenn es Probleme bei der Sicherheit von Frauen - oder wem auch immer - in den Zügen gibt, dann müssen die auch direkt angegangen werden. Wir können die Frauen nicht einfach nur in einen Käfig sperren und darauf hoffen, dass das eigentliche Problem einfach verschwindet."

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