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Wissen & Umwelt

Gesundheitsgefahr aus dem Kamin

Man kann sie nicht unbedingt sehen, aber riechen. Feinstaub-Partikel sind leicht, schweben in der Luft herum und greifen das Lungengewebe an. Autoabgase produzieren Feinstaub und die zunehmend beliebte Holzbefeuerung.

Jens-Uwe Voss lebt nicht in einem Industriegebiet, sondern am Rande des südlichen Schwarzwaldes. Trotzdem kann der promovierte Toxikologe Feinstaub wahrnehmen, wenn er an kalten Wintertagen joggen geht: "Man sieht die Rauchfahnen, die aus den Schornsteinen steigen. Es riecht nach verbranntem Holz."

Gerade wenn die Luft bei Windstille kaum zirkuliert, belasten Feinstäube aus Kaminen und Kachelöfen die Umwelt. Mehr als 12,5 Millionen Haushalte in Deutschland haben eine sogenannte Holzfeuerstätte. Tendenz steigend. "Es gibt diverse Gründe, von Erdöl und Gas umzusteigen", sagt Stefan Langer, Sprecher des Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerks: "Manche rüsten aus ökologischen Gründen um, andere haben eine emotionale Verbindung zu dieser archaischen Form des Heizens. Eine dritte Gruppe heizt aus Kostengründen mit Holz und will sich unabhängig machen vom ständigen Preispoker der Energielieferanten."

Hark der Kaminofen als Heizzentrale

Behagliche Wärme, romantische Atmosphäre am Kamin

Besonders auf dem Land ist Heizen mit Holz günstig. Wer nicht über eigene Baumbestände verfügt, unterhält Kontakte zu Waldbauern oder Förstern. Holz gehört auch zu den nachwachsenden Rohstoffen und ist klimaneutral, weil bei dessen Verbrennung nur soviel klimaschädliches Kohlendioxid freigesetzt wird, wie zuvor während der Wachstumsphase gebunden wurde. Andererseits kann die Feinstaubproduktion durch die Holzfeuerungsanlagen längst mit der schädlichen Feinstaubbelastung aus Dieselmotoren auf Deutschlands Straßen konkurrieren.

"Alte Öfen sind Dreckschleudern"

Besonders offene Kamine und Kohleöfen, die Jahrzehnte alt sind, machen Bundesumweltministerin Barbara Hendriks (SPD) zu schaffen. Der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgeschlagene Feinstaub-Grenzwert von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft am Tag werde in ländlichen Regionen oft überschritten. Hendricks hat vorgeschlagen, bei bestimmten Wetterlagen mit lokalen Aufrufen vor einer zu starken Inanspruchnahme von Holzöfen zu warnen. Auch Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes (UBA), rät vom Heizen mit offenen Kaminen oder Holzkohleöfen ab. Diese machten im Winter bis zu 25 Prozent der Feinstaubbelastung aus. Damit überträfen sie zeitweise die Emissionen von Autos, so Krautzberger. Der Wirkungsgrad der Öfen liegt jedoch nur bei 25 bis 30 Prozent. Der Rest der produzierten Wärme verpufft.

"Alte Öfen sind Dreckschleudern", sagt auch Stefan Langer vom Schornsteinfegerverband. Rechtlich darf diese veraltete Variante des Kamins nur gelegentlich und nicht zur Wohnraumbeheizung betrieben werden, da sie nicht dem Stand der neuesten Technik entsprechen. Das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz hat enschieden, dass solch ein Kamin nicht mehr als an acht Tagen pro Monat und dann nur noch fünf Stunden befeuert werden darf.

Ohnehin gelten ab 1. Januar 2015 strengere Grenzwerte, um schadstoffintensive Öfen zu verbieten. Je nach Baujahr müssen Schornsteine mit Filtern nachgerüstet werden, "sonst drohen die Stilllegung oder bei Zuwiderhandlung bis zu 5000 Euro Bußen", warnt Schornsteinfeger Stefan Langer. Die Vorgaben sind so streng, dass selbst ein 2014 gekaufter Ofen nachgerüstet werden muss, weil er im laufenden Jahr noch einen Staub – und Kohlenmonoxidgrenzwert von 0,075 Gramm pro Kubikmeter erreichen, ab Januar aber nur noch 0,04 Gramm/ m3 produzieren darf. Betroffen sind vor allem Herde, Kamine und Öfen, die vor 1975 in Betrieb genommen wurden.

Schornsteinfeger bei der Arbeit

Feinstaubkontrolle durch Schornsteinfeger

Weniger restriktiv ist die Vorgabe für Brennstoffe. Laut Erster Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (1.BImSchV) dürfen unbehandelt sogar Brenntorf, Reisig, Zapfen, Sägemehl, sowie Stroh und Getreidepflanzen verheizt werden, sofern sie nicht als Lebensmittel deklariert wurden.

Minimäßig, aber maximal schädlich

Alle Brennstoffe werden in so leichte Feinstaubteilchen umgewandelt, dass sie nicht sofort zu Boden sinken, sondern eine gewisse Zeit in der Atmosphäre herum wirbeln. Mit bloßem Auge sind die Partikel nicht wahrzunehmen. Während bestimmter Wetterlagen kann man sie als diesige Dunstglocke sehen. Sogar in der Gruppe der kleinen Staubteilchen unterteilen Wissenschaftler die Korngrößen in Fein- und Grobfraktionen. Zur Kategorie PM10 zählen Staubteilchen, deren aerodynamischer Durchmesser kleiner als 10 Mikrometer (10 Millionstel Meter) beträgt. Lungengängige Partikel messen weniger als 2,5 µm Durchmesser, ultrafeine weniger als 0,1 µg pro Kubikmeter Luft. Das entspricht der Größe eines 100 Milliardstel Meters. Begünstigt durch den Wind können sogar leichter Saharastaub oder Vulkanasche aus Island bis nach Deutschland transportiert werden. Weitere natürliche Feinstaub-Quellen sind Emissionen aus Meeren, Bodenerosion, aber auch Aerole wie Staub in der Raumluft, Zigarettenqualm und natürliche organische Anteile wie Viren, Bakterien, Pollen, Sporen.

Feinstaubmessung Autos Smog Halle Deutschland

Feinstaubmessanlage

In Ballungsgebieten ist die Belastung durch Feinstaub besonders hoch. Durch die enge und hohe Bebauung in Häuserschluchten können die giftigen Abgase der Fahrzeuge in den Straßen nicht verflüchtigen, die überwiegend durch die Verbrennung von Dieselkraftstoff entstehen.

Von Feinstaub umgeben

"Selbst durch Bremsen und Reifenabrieb entsteht Feinstaub auf den Straßen", sagt der Toxikologe Jens-Uwe Voss. Feinstaub entsteht quasi überall: In der industriellen Produktion, beim Pflügen in der Landwirtschaft, in Büros produzieren Drucker Feinstaub. Ungeputzte Räume sind Feinstaubhorte. Besonders gefährdet sind aktive und passive Raucher, die Zigarettenqualm einatmen. An der Spitze der Feinstaub-Verursacher liegen aber Braunkohlekraftwerke. Sie produzieren neben Staubemissionen Stickoxide und Schwefeldioxide sowie Ruß.

"Zu viel Feinstaub ist eindeutig gesundheitsschädigend“, sagt Dr. Jens-Uwe Voss. Er dringt beim Einatmen in die Lunge, lagert sich dort ab, was zu Asthma-Anfällen, Blutgefäßverstopfungen, Verkalkung der Herzkranzgefäße und Lungenkrebs führen kann. Je kleiner die Partikel, desto tiefer können sie in Lunge, Nase und Rachenraum eindringen. In Deutschland gilt, dass ein Grenzwert von 50 Mikrogramm Luft nur an 35 Tagen überschritten werden darf. Aktuelle Daten lassen sich auf der Internetseite des

Umweltbundesamts

abrufen.

Klimaschutz: Deutsche Autos

Was hinten rauskommt: Feinstaub mit Stickstoffmonoxid-Anteil

"Innenräume kann man lüften oder feucht putzen, Laserdrucker kann man aus Büros verbannen, aber man kann der Außenluft nicht ausweichen", mahnt Jens-Uwe Voss. Die Partikel seien so winzig, sagt Voss, dass selbst ein Mundschutz oder eine Gesichtsmaske das Eindringen in Nase oder Lunge nicht verhindern könnten. "Ein gesunder Mensch merkt die Belastung nicht, während sich das Krankheitsbild eines Asthmatikers deutlich verschlechtern könne. Ein eindeutiger Indikator sei die Sterblichkeitsrate. Sie steigt im Winter bei Inversionswetterlage an, wenn sich schlechte Luft breit macht.

Noch problematischer als Feinstäube durch Holzverbrennung ist Stickstoffdioxid-Gas, das durch die Verbrennung von Dieselkraftstoff entsteht. Es reagiert mit Luftsauerstoff und Wasser. Bei Regen kann das saure Gemisch Mauerwerke zerfressen und das Waldsterben begünstigen. "Es wäre längst möglich, den Anteil an Stickstoffdioxiden zu verringern, aber die Automobilindustrie hält die Mehrkosten dafür offenbar nicht für vermittelbar", sagt der Toxikologe Voss.

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