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Welt

Gesucht wird: Die Rolle der USA in der Welt

Die Debatte darüber, ob die US-Außenpolitik einen Punkt erreicht hat, an dem sich die Supermacht aus der Welt zurückzieht, beschäftigt amerikanische Experten und sollte Europa beunruhigen.

Das Gefühl, dass mit der US-Außenpolitik etwas nicht stimmt, ist nicht neu für die Amerikaner. Man könnte sogar behaupten, dieses Gefühl war ein Grund dafür, dass sie im Jahr 2008 einen jungen Senator wählten, der die Dinge anders machen wollte und versprach, zwei langwierige Kriege der USA zu beenden.

Während die Debatte über die zukünftige Rolle Amerikas in der Welt seit dem vor sich hin plätscherte, bedurfte es der jüngsten Explosion von Gewalt im Nahen Osten und der Ukraine, gekoppelt mit einem Artikel von dem herausragenden neokonservativen Denker Robert Kagan und der Kritik von Hillary Clinton an Barack Obama, um eine echte Diskussion voranzutreiben.

Im Wesentlichen kreist die Diskussion um die Frage, ob die USA auch zukünftig die entscheidende Supermacht auf der Welt sein wollen und können und ob Obamas außenpolitische Zurückhaltung die neue Normalität ist - oder sein sollte.

Kagan befürchtet, dass die Selbstbeschränkung amerikanischer Macht zum neuen Standard der US-Außenpolitik werden könnte. Ungeachtet des Aufstiegs von China und der Veränderungen in der globalen Machtstruktur, glaubt Kagan, dass die USA ihre Rolle als einzige Supermacht weiter erhalten und die Welt entsprechend prägen können. Das Problem, so argumentiert er, ist, dass die Amerikaner selbst die dominierende Rolle ihres Landes in der Welt immer skeptischer betrachten.

Drohende Loslösung von der Weltpolitik

US-Präsident Obama (Foto: REUTERS/Kevin Lamarque)

US-Präsident Obama übt außenpolitisch Zurückhaltung

"Niemand hat in letzter Zeit mal eine Umfrage dazu gemacht, ob die Vereinigten Staaten ihre Verbündeten im Falle eines Krieges zwischen, sagen wir, China und Japan, verteidigen sollten - oder Estland zur Hilfe eilen sollten, wenn dort ein ähnlicher Konflikt mit Russland entstehen würde wie derzeit in der Ukraine. Die Antworten könnten durchaus interessant sein", schreibt Kagan.

Kagan argumentiert, dass, auch wenn die US-Außenpolitik nicht immer erfolgreich war, sie im Großen und Ganzen als positiv betrachtet werden könne. "Wenn es in den letzten 70 Jahren weniger Aggression, weniger ethnische Säuberungen, weniger territoriale Eroberungen gab, liegt es daran, dass die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten Aggressoren bestraft und abgeschreckt haben und manchmal selbst eingegriffen haben, um ethnische Säuberungen oder territoriale Ausbreitungen zu verhindern und umzukehren."

Kagans Essay ist ein Appell für eine aktive, internationalistische Außenpolitik der USA, deren Tage noch lange nicht gezählt sind, sofern das amerikanische Volk dahinter steht: "Die Welt wird sich sehr viel schneller verändern als viele glauben. Und es gibt keine demokratische Supermacht, die in den Startlöchern steht, um die Welt zu retten, wenn diese demokratische Supermacht ins Wanken gerät."

Externe Faktoren zwingen den USA eine neue Rolle auf

Barry Posen, ein führender Vertreter des Realismus, zeigt sich von Kagans Worten unbeeindruckt: "Robert Kagan darf glauben, was er möchte, und die Welt so formen, dass seine Theorie darüber, wie die Welt funktioniert, passend erscheint", so Posen, Professor für Politikwissenschaft am Massachusetts Institute of Technology, im Gespräch mit der DW.

Wie Kagan hat auch Posen seinen eigenen Blick auf das, was derzeit mit der US-Außenpolitik los ist und wie deren Zukunft aussehen sollte. Allerdings unterscheidet sich dieser diametral von Kagans Sichtweise. Posen argumentiert, dass die Strategie einer globalen und liberalen Hegemonie Amerikas fehlgeschlagen sei, und dass es für die USA an der Zeit ist, ihren außenpolitischen Aktivismus zu überwinden.

Merkel, Hollande und Cameron in Brüssel (Foto: Reuters)

Berlin, Paris und London könnten Moskaus Macht ausgleichen

Er zitiert die von der der US-Regierung beauftragte Studie "Global Trends 2030", die vom National Intelligence Council veröffentlicht wurde. Darin heißt es, dass es zukünftig drei oder vier etwa gleich große globale Mächte geben wird. Während die Macht der USA (und der EU) bis 2030 zurückgehen werde, werde der Einfluss von China und Indien zunehmen.

Botschaft an Europa

Angesichts dieses Trends und der Erfahrungen mit Amerikas Versuch, die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten, sei es nicht nur sinnlos, sondern kontraproduktiv, den alten Kurs beizubehalten, sagt Posen. "Ich denke, wir können anhand der letzten 20 Jahre sehen, dass diese Strategie nicht zielführend war."

Folglich sollten die USA ihre globale Militärpräsenz drastisch senken, den Verteidigungshaushalt auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (im Vergleich zu 3,8 Prozent heute) zurückfahren und die Europäer ihre Sicherheit in die eigenen Hände nehmen lassen.

"Wir leben nicht wie Europa neben diesem seltsamen Russland. Wir müssen uns nur mal die Zahlen ansehen. Selbst wenn man all die kleinen Mächte mal vernachlässigt - die größeren Staaten Deutschland, Großbritannien und Frankreich haben den Reichtum, die Technologie und die Atomwaffen, um mit dem, was von Russland übriggeblieben ist, selbst fertig zu werden."

Führungsrolle weiter notwendig

Treffen von brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff und Xi Jinping in Brasilien (Foto: REUTERS/Sergio Moraes)

Den BRIC-Staaten fehlt ein gemeinsames Konzept

Stephen Sestanovic, ehemaliger US-Botschafter in der Sowjetunion, der die Außenpolitik von Truman bis Obama für sein neues Buch "Maximalist" untersucht hat, ist überzeugt, dass eine Verteilung der globalen Macht stattfindet und dass dies die aktuelle internationale Ordnung ändern wird. Er glaubt aber, dass die USA und ihre Partner am besten geeignet sind, auch in Zukunft die Welt zu führen.

"Die BRIC-Länder [Brasilien, Russland, Indien und China, Anm. d. Red.] haben kein gemeinsames Konzept. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten haben im Gegensatz dazu eine einheitlichere Interessenlage. Einer der Schlüsselfaktoren in den nächsten Jahrzehnten wird sein, ob diese gemeinsamen Vorstellungen weiter Bestand haben, ob der Block, der sich in mehr als einem halben Jahrhundert um die USA gebildet hat, auch weiterhin die gleiche Wirksamkeit entfalten kann, die er in der Vergangenheit gehabt hat."

Dem Argument von Posen, dass die Europäer und andere Staaten zukünftig den Amerikanern mehr Lasten abnehmen sollten, kann Sestanovich nicht ganz folgen. "In einer idealen Welt wäre das natürlich richtig und auch möglich. Aber wenn die Amerikaner nach Europa, in den Nahen Osten oder Ostasien blicken, sehen sie keine anderen Länder, die in der Lage sind für die Stabilität zu sorgen, die in unserem und ihrem Interesse ist. Für die absehbare Zukunft würde die eingeschränkte Rolle, in der die Realisten Amerika sehen wollen, zu erheblicher Instabilität und wachsenden Herausforderungen für die amerikanischen Interessen führen. "

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