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Welt

Gestrandet vor den Toren von Bagdad

Immer noch harren Tausende Menschen in der brütenden Hitze des Zentraliraks aus. Ihre Hoffnung: Schutz in der Hauptstadt finden, um dem Krieg gegen den IS zu entfliehen. Birgit Svensson aus Bagdad.

Es ist unerträglich heiß. Die Schamal-Winde treiben den Staub in alle Poren. Es gibt kaum Schatten. Hinter den vielen Menschen, die in dieser Hitze ausharren, tobt der Krieg gegen "Daesh", wie sie die Terrormiliz "Islamischer Staat" hier nennen. Vor ihnen liegt Bagdad, wo sie Zuflucht suchen wollen.

Tausende Menschen sind gestrandet zwischen der irakischen Hauptstadt Bagdad und dem umkäpften Ramadi, etwa 80 Kilometer weiter westlich, in der Provinz Anbar. Sie lagern am Ende der Brücke über den Euphrat, die man auf dem Weg nach Bagdad überqueren muss. Andere liegen auf dem Boden in den Vororten der kleinen Stadt Habanija, auf halbem Weg zwischen Ramadi und Falludscha. Dahinter liegt Abu Ghraib, die einzige Stadt in Anbar, die der IS noch nicht kontrolliert.

Von dort aus sind es nur noch acht Kilometer bis zur Stadtgrenze von Bagdad. Doch die meisten Flüchtlinge lässt man nicht hinein in die Hauptstadt. Nur wer einen "Sponsor" in Bagdad findet - jemanden, der einem in der Stadt eine Unterkunft gibt - oder wer selbst eine Adresse in Bagdad nachweisen kann, darf die Stadt betreten. Denn die Sicherheitskräfte befürchten, dass sich IS-Kämpfer unter die Flüchtlinge mischen könnten.

Als noch keine Hilfsorganisationen vor Ort waren, sind die Menschenmassen teilweise mit Gewalt vom Eindringen in die Hauptstadt abgehalten worden. Für die rüde Behandlung der Gestrandeten wurden die Sicherheitskräfte scharf kritisiert. Doch die beiden offenbar koordinierten Anschläge in der Nacht zum Freitag scheinen die Bedenken zu rechtfertigen: Wenige Minuten vor Mitternacht explodierten zwei Bomben vor zwei Hotels, in denen hauptsächlich Ausländer wohnen.

Einige Flüchtlinge haben deshalb aufgegeben und sind in den Süden weitergezogen. Andere sind nach Hause zurückgekehrt. Aber sie werden wiederkommen, vermuten Helfer vor Ort, spätestens wenn die Kämpfe um Ramadi heftiger werden. Am Dienstag haben irakische Regierungstruppen die Gegenoffensive begonnen, um die Provinzhauptstadt zurückzuerbobern.

Irak Bagdad Flüchtlinge aus Ramadi

Flüchtlinge aus Ramadi, das unter der Kontrolle des IS steht

IS treibt Flüchtlingswelle vor sich her

„Ich kann die entsetzten Augen der Kinder nicht vergessen“, berichtet Saad von seinen Eindrücken in den Tagen vor zwei Wochen, nachdem der IS die volle Kontrolle über Ramadi und Umgebung übernah. Hunderte Soldaten der irakischen Armee liefen damals weg und überließen die Zivilisten sich selbst. „Die Opfer sind die Kinder, die Frauen“, sagt Saad, der eigentlich aus Falludscha stammt, der größten Stadt in Anbar, genau zwischen Bagdad und Ramadi. Er flüchtete im Februar letzten Jahres, als Daesh dort erstmal die Kontrolle übernahm. Seitdem gab es immer wieder Kämpfe um Ramadi - mit wechselnden Erfolgen.

Was jetzt geschieht, ist bereits die vierte Flüchtlingswelle aus Bagdads Nachbarprovinz Anbar. Die Vereinten Nationen (UNO) schätzen, dass bisher mehr als 300.000 Menschen die Provinz verlassen haben. Allein in den letzten Tagen sollen 90.000 geflohen sein.

Saad hat eine Arbeit als Elektronikingenieur in einer staatlichen Behörde in Bagdad gefunden. Die Bezahlung ist schlecht. Nachmittags fährt er Taxi. Jetzt fährt er mit seinem Auto Wasser und Lebensmittel zu den gestrandeten Flüchtlingen am Rande von Bagdad.

Hilfsorganisationen bringen Wasser und Lebensmittel

„Die Lage ist unübersichtlich“, kommentiert Martin Johnson von RIRP (Rebuild and Relief), der einzigen deutschen Organisation, die seit Jahren in Bagdad und Umgebung präsent ist und im Namen der UNO Binnenflüchtlinge betreut. Zusammen mit anderen Hilfsorganisationen versucht RIRP den Flüchtlingen aus Ramadi zu helfen und verteilt Nothilfepakete an die Gestrandeten. 20.000 Stück waren es rund um die irakische Hauptstadt allein in diesen Tagen.

Irak Bagdad Flüchtlinge aus Ramadi

Allein in den letzte Tagen sollen 90 000 Menschen aus der Provinz Anbar geflohen sein

Insgesamt hat die UNO über ihr Kinderhilfswerk UNICEF und ihr Welternährungsprogramm WFP 180.000 "Emergency Kits" bereitgestellt. Darin enthalten sind neben Lebensmitteln, Speiseöl, Handtüchern, Seife und Plastikeimern vor allem Flaschen mit Trinkwasser. Bei den derzeit herrschenden Temperaturen von mehr als 40 Grad ist vor allem Wasser überlebensnotwendig. Deshalb werden zusätzlich Tanklastwagen mit Wasser zu den Flüchtlingen geschickt.

Sie zu erreichen, ist allerdings eine Herkulesaufgabe. Die Menschen seien in ständiger Bewegung, erzählt Projektleiter Johnson. Oft genüge ein Gerücht oder eine falsche Information, damit sie fluchtartig einen Platz verlassen, an dem sie sich einige Tage lang aufhielten. „Es ist wie ein Abtasten, sie gehen vor und zurück.“ Johnson lässt jetzt Camps errichten, kleine Zentren, in denen die Flüchtlinge sich melden können, versorgt werden und auch Schatten vor der brütenden Hitze finden.

Nothilfe statt Wiederaufbau

Die Hilfsorganisation RIRP, für die Johnson arbeitet geht auf eine Initiative des Deutschen Arndt Fritsche zurück. Nach dem Sturz Saddam Husseins hatte der Hesse seine Arbeit im Irak begonnen. Damals herrschte Aufbruchstimmung. An dem Wiederaufbau des Landes, das durch Kriege und Embargos am Boden lag, wollte auch der 44-Jährige teilhaben und gründete die Initiative „Iraq Reconstruction Program“. Er bekam Geld von den deutschen Industrie- und Handelskammern und wollte deutsches Know-how mit irakischen Arbeitskräften verknüpfen. In vielen deutschen Firmen erinnerte man sich damals an das eigene Engagement im Irak während der 1980er Jahre, als man Industriebetriebe errichtete und irakische Ingenieure ausbildete. Eine Renaissance jener Zeit - das war Fritsches Idee.

Irak Anbar Hilfsorganisation RIRP

Die Organisation RIRP versucht zu helfen

Doch es kam anders. Der irakische Widerstand gegen die US-amerikanischen Besatzer wurde stärker und verzahnte sich schließlich mit den Terroristen von Al Qaida. Zwei Militäroperationen der USA in der Provinz Anbar spülten schon 2005 gewaltige Flüchtlingswellen nach Bagdad. Die Not der Zivilbevölkerung nimmt seitdem kein Ende. Mittlerweile sind laut UNO, fast drei Millionen Menschen innerhalb des Irak auf der Flucht - zunächst durch die Kämpfe gegen Amerikaner und Briten, dann durch Al Qaida und jetzt wegen des IS. Arndt Fritsche musste umdenken.

Seine neue Organisation RIRP, was übersetzt „Wiederaufbau und Erleichterung“ bedeutet, organisierte fortan Flüchtlingsunterkünfte, baute behelfsmäßige Unterkünfte, installierte Container, sanitäre Einrichtungen und renovierte Schulen. In den Provinzen Anbar und Dijala, zwei Nachbarprovinzen der Hauptstadt, die besonders stark vom Terror betroffen sind, bohrten Fritsche, Johnson und die über 40 irakischen Mitarbeiter nach Wasser, errichteten Brunnen und Filtersysteme, kümmerten sich auch um die Abwässer. Auch in Bagdad selbst, das selbst in schlimmsten Zeiten Sitz seiner Organisation blieb, versuchte Fritsche die Lebensbedingungen der Gestrandeten zumindest ein klein wenig zu verbessern. So auch in einem wild entstandenen Lager im Südwesten der Hauptstadt, wo in diesen Tagen Flüchtlinge aus Ramadi ankommen.

"Wen sie fanden, haben sie erschossen"

Eine von ihnen ist Samiha. Sie spricht von Salafisten, wenn sie das Eindringen der IS-Kämpfer beschreibt. Sie seien von Haus zu Haus gegangen, nachdem sie die Stadt eingenommen hatten. Alles hätten sie durchkämmt. „Als ich ihnen sagte, dass mein Mann nicht zuhause sei, haben sie mich geschlagen.“ Die 45-jährige, ganz in schwarz gekleidete Frau zeigt blaue Flecken an Armen und Beinen und deutet an ihr rechtes Auge, das ebenfalls Blutergüsse aufweist.

Daesh habe nach regierungstreuen Polizisten und Soldaten gesucht. „Wen sie fanden, haben sie sofort erschossen.“ Ihr Mann sei Polizist gewesen, sei aber weggelaufen. Wo er jetzt ist, weiß Samiha nicht. Nach den Schlägen habe sie sich mit ihrer Tochter auf den Weg Richtung Bagdad gemacht. Ein Freund, der hier im Lager wohne, habe sie reingeholt. Jetzt lebt sie in einer ausrangierten, völlig heruntergekommenen ehemaligen Kaserne der Saddam-Armee. Eine illegale Mülldeponie hat sich nebenan entwickelt. Es stinkt nach vermoderten Essensresten und giftigen Dämpfen. Doch Samiha meint, es sei allemal besser als die tägliche Todesangst, „die dich auffrisst“.

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