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Kommentare

Kommentar: Iraks militante Krieger

Dass das irakische Militär im Kampf gegen den "Islamischen Staat" bislang unterlag, ist politisch nachvollziehbar. Beunruhigend ist die große Rolle, die die Religion in dem Konflikt spielt, meint Kersten Knipp.

Es stimmt: Die irakische Armee macht gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) keine gute Figur. Als die Dschihadisten zuletzt die Stadt Ramadi eroberten, war das für sie offenbar kaum mehr als ein Spaziergang mit ein wenig Abenteuer-Animation. Denn Gegenwehr leistete niemand. Eigentlich wäre das die Aufgabe der irakischen Armee gewesen. Doch die Soldaten und mit ihnen die Kommandeure zogen es vor, zu fliehen. Sie überließen die Stadt ihrem Schicksal. Und das hieß für mehrere hundert ihrer Bewohner: dem Tod. Die IS-Terroristen setzten auch in Ramadi auf das bewährte Mittel von Blut und Schreckensherrschaft.

Die reguläre Armee flieht – und Bagdad setzt auf militärische Alternativen. Auf schiitische Milizen, auf Gruppen wie die Kataib Hisbollah, Asaib Ahl al-Haq und die Badr-Organisation. Deren Kommandeure haben gute Beziehungen in den Iran. Der Chef der Badr-Organisation, Hadi al-Amiri, kämpfte während des irakisch-iranischen Krieges 1980-88 sogar auf Seiten Teherans. Inzwischen ist er Mitglied des irakischen Parlaments. Seit dem Aufkommen des IS aber auch einer der meistgefürchteten - und darum meistgefragten - Milizenführer. Gefragt, weil offenbar nur Truppen wie die seine gegen den IS ankommen. Die Effektivität seiner Truppe stellte er in den letzten Monaten eindrücklich unter Beweis. Nun soll er Ramadi zurückerobern.

Angst der Sunniten vor schiitischer Dominanz

Knipp Kersten Kommentarbild App

DW-Redakteur Kersten Knipp

Seine Effektivität ist aber auch eine der Erklärungen für die Schwäche und die schwache Kampfmoral der regulären irakischen Armee. Denn deren sunnitische Angehörige werden sich dreimal überlegen, ob es sich lohnt, den IS zu bekämpfen – um später, sollten die Dschihadisten vertrieben worden sein, in einem von Schiiten dominierten Staat zu leben. Was das heißt, haben sie in den letzten Jahren hinlänglich erfahren. Unter Premier Nuri al-Maliki wurden die Sunniten an den gesellschaftlichen Rand gedrängt – und zwar derart massiv, dass sich nicht wenige dem IS anschlossen. Tatsächlich besteht der IS im Irak zu bis zu 90 Prozent aus irakischen Sunniten.

Gegen diese gehen die Schiiten ähnlich rücksichtslos vor wie die IS-Terroristen gegen ihre Gegner. In einem UN-Menschenrechtsbericht vom Sommer 2014 werden den schiitischen Milizen "Folter, Entführungen und Vertreibungen" zur Last gelegt. In einem Bericht vom März dieses Jahres spricht die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) von Vertreibungen in tausenden Fällen. Auch Häuser von Sunniten wurden HRW zufolge zerstört. Der radikalsunnitische Teufel soll offenbar mit dem radikalschiitischen Beelzebub ausgetrieben werden. Das sunnitische Soldaten angesichts solcher Verbrechen keine allzu große Kampfmoral beweisen, liegt auf der Hand.

Fragwürdige Traditionen

Die Religion wurde und wird im Irak wieder und wieder missbraucht. In ihrem Namen wurden Menschen aufeinander gehetzt, sie mordeten und verstümmelten einander auf das Furchtbarste. Natürlich: In einem vielfach geschundenen Land wie dem Irak bietet Religion oft den letzten Trost. Allerdings muss man auch fragen, wie es kommt, dass sich Menschen von den Hasspredigern beider Seiten so leicht aufwiegeln lassen. Ganz offenbar verfügen sowohl der sunnitische als auch der schiitische Islam über ein beachtliches Mobilisierungspotential. Wenn man sieht, wie irakische Schiiten und Sunniten - nicht alle, aber doch erschreckend viele - im Namen des Glaubens und mit frommen Schlachtrufen auf den Lippen aufeinander losgehen, drängt sich die Frage auf, inwieweit hier Traditionen im Spiel sind, die es besser nie gegeben haben sollte. Sicher, Religion lässt sich missbrauchen, gerade in seit Jahrzehnten von Zynikern regierten Ländern wie dem Irak. Dennoch bleibt die Frage, ob Theologen und Prediger in all der Zeit wirklich alles richtig gemacht haben.

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