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Kultur

Geschichten aus dem Morgenland

Ein Schatz der Weltliteratur konnte jüngst gehoben werden. Die Erzählungen "Tausend und Ein Tag" standen lange im Schatten eines anderen berühmten Buches. Eine verlegerische Großtat in Zeiten des digitalen Wandels.

Was für ein Prachtband. Sage und schreibe viereinhalb Kilo wiegt er. Schlägt man ihn auf und blättert die knapp 1100 Seiten durch, so stößt man auf ausklappbare vielfarbige Illustrationen. Die Seiten sind eng bedruckt, unzählige Geschichten laden zum Schmökern ein. Anmerkungen und ein Nachwort, in dem Herausgeber Rainer Schmitz die komplizierte Editionsgeschichte erläutert, ergänzen das Herzstück des Buches. Und das sind die Erzählungen von "Tausend und Ein Tag".

Wer nun denkt, hier handele es sich um einen Druckfehler, es müsste doch "Tausend und Eine Nacht" heißen, der irrt. "Tausend und Ein Tag" erschien nur ein paar Jahre später als sein heute noch berühmtes Vorbild. Es wurde zwar nicht zu einem derart großen und nachhaltigen Welterfolg - wurde jedoch damals vielfach gedruckt und gelesen. Nur eben in den letzten 150 Jahren nicht mehr. Dieses Versäumnis wurde nun behoben.

Mutiges Buchprojekt im digitalen Zeitalter

Viereinhalb Kilo Buch - und das in Zeiten des digitalen Wandels! Möglich gemacht hat es der Verlag "Die Andere Bibliothek" und dessen Herausgeber Christian Döring. Kurz vor dem 30-jährigen Verlagsjubiläum hat man sich quasi selbst beschenkt mit diesem prachtvollen Folioband, der ein Stück vergessene Weltliteratur wieder ans Tageslicht befördert. Döring verschließt sich den digitalen Entwicklungen auf dem Buchmarkt keineswegs. Auf die Frage, wie denn so ein schwerer Band in die heutige Zeit passe, sagt Döring: "Wir verbinden beides, auf der Frankfurter Buchmesse haben wir sogar die ersten E-Books der 'Anderen Bibliothek' vorgestellt." So könne man beispielweise vergriffene Bücher über den Umweg E-Book dem Leser relativ schnell und unkompliziert wieder anbieten.

Auf der anderen Seite hätten traditionelle Bücher aber unschlagbare Vorteile: "Das schöne Buch ist wieder im Kommen, davon hat die 'Andere Bibliothek' sehr profitiert", meint Döring. Die beiden Gründungsväter der bibliophilen Reihe (Hans Magnus Enzensberger und der Buchgestalter Franz Greno, Anm. der Red.) hätten die Reihe einst als Zeichen gegen den Mainstream gegründet, das sei damals eine weise Idee gewesen: "Sie haben die 'Andere Bibliothek' eingeführt, auch wenn sie das E-Book nicht erahnt haben. Eine andere, anspruchsvolle Buchform zu entwickeln, war damals eine kluge Idee, die sich heute wie eine Utopie bewährt."

Visuell ansprechend, inhaltlich profund

Die "Andere Bibliothek" war 1985 angetreten mit dem Anspruch, schöne Bücher mit anspruchsvollen Inhalten herauszubringen, Visuelles und Intellektuelles miteinander zu verbinden. "Schön" hieß in diesem Zusammenhang: handwerklich exquisit gemacht, auf bestem Papier gedruckt, mit einem individuell gestalteten Einband, Fadenheftung und Lesebändchen. Monat für Monat erschien seitdem ein Band, 361 sind es bisher. Veröffentlicht wurden Romane und Sachbücher, politische Abhandlungen, lange Vergessenes, Skurriles und Klassisches. Heute verfügt man über einen festen Stamm von rund 2000 Abonnenten, die das wagemutige Buch-Projekt nachhaltig auch wirtschaftlich sichern.

Im DW-Gespräch: Der Verleger Christian Döring mit Jochen Kürten (Foto: JK)

Im DW-Gespräch: Der Verleger Christian Döring

"Wir drucken nur Bücher, die wir selbst lesen möchten", hieß einst das Motto von Enzensberger und Greno. Und weil man in Zeiten des beginnenden Wandels des Buchmarktes gespürt hat, dass es einen Leserkreis gibt, der bereit ist, traditionell hergestellte Bücher zu kaufen, setzte man noch einen drauf. Vor einigen Jahren begann man, rund 100 Euro teure großformatige Foliobände herauszugeben. Auch diese konnten auf dem umkämpften Buchmarkt erstaunlicherweise etabliert werden.

"Wir wollen das Buch fühlen..."

Der jüngste dieser Prachtbände beherbergt jetzt die Erzählungen aus 1001 Tag. Diese Geschichten auf dem Tablet zu lesen, wäre zwar möglich, doch ein sinnliches Vergnügen würde sich kaum einstellen: "Wir wollen das Buch fühlen, die Seiten umblättern", sagt Christian Döring, der die "Andere Bibliothek" und damit auch die Foliobände seit drei Jahren betreut: "Der Lesestoff vergeht beim elektronischen Lesen. Ich habe keine Orientierung, wie ich sie in einem klassischen Buch bei der Lektüre habe."

"Tausend und Ein Tag" ist eine Märchensammlung, die der französische Orientalist François Pétis de la Croix Ende des 17. Jahrhunderts zusammentrug. Bei seinen Reisen durch den Orient hatte er die Erzählungen vermutlich von einem persischen Freund erhalten. Der wiederum hatte sie aus Indien mitgebracht. De la Croix brachte das in eine für europäische Leser konsumierbare Form und veröffentlichte sie zu Beginn des 18. Jahrhunderts in fünf Bänden.

Über die Treue der Männer

In einer Rahmenerzählung erfährt der Leser von einer Prinzessin, die nach einem Traum überzeugt ist, niemals heiraten zu wollen, weil alle Männer untreu seien. Ihr Vater, der König, will seine Tochter aber unbedingt unter die Haube bringen. Er beauftragt die Amme der Prinzessin, diese mit Erzählungen zu überzeugen - Erzählungen, die von der Treue der Männer handeln. Diese Geschichten, die den Leser in den nahen und fernen Orient bis nach China führen, machen das Kernstück des Buches aus.

Im Gegensatz zum Vorbild "1001 Nacht" stammen die Geschichten des neu aufgelegten Bandes "weiter aus dem Osten: Statt eines höfisch-europäisierten Orientalismus spricht hier der Orient selbst." Die kulturhistorische Hintergründe und die komplizierte Überlieferungsgeschichte von Herausgeber Rainer Schmitz erläutert zu bekommen, ist mindestens ebenso unterhaltsam wie die eigentlichen Erzählungen: Eine Art frühe Weltkulturgeschichte aus Zeiten, in denen man das Wort Globalisierung noch nicht kannte. Die Texte haben eine lange Reise hinter sich: In Indien entstanden, kamen sie über Persien und den arabischen Sprachraum nach Europa, zunächst nach Frankreich, dann in den deutschsprachigen Raum. Auch hier entwickelten sie sich zu einem frühen Bestseller.

Kein Buch für die Insel

Einziger Nachteil der opulenten Prachtausgabe laut Christian Döring: "Sie können dieses Buch mit den über 1000 Seiten nicht mit auf irgendeine Insel nehmen, außer Sie melden Übergepäck an." Kein Buch für die Insel also, dafür ein wahres Kleinod, opulent gestaltet, prächtig anzusehen, wunderbar zu lesen.

Tausend und Ein Tag - Morgenländische Erzählungen, hrsg. von Rainer Schmitz, Folioband der Anderen Bibliothek, Berlin 2014, knapp 1200 Seiten, bis 31.12.2014: 99 Euro, ISBN 978-3847700159.

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