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Gutenberg im Cyberstorm

Zur Zukunft des Lesens

Wie lesen wir in Zukunft? Wird es in 100 Jahren noch Bücher geben? Oder nur noch E-Books? Gedanken zum Lesen im digitalen Zeitalter von DW-Redakteur Jochen Kürten.

Die Frage ist doch: Was werden wir in Zukunft lesen? Und nicht wie? Sicher, man kann, und das tun ja auch viele, sich die Frage stellen, wie die Menschen in näherer Zukunft lesen. Und sie ist ja auch berechtigt. Wird es weiterhin Bücher geben? Wird das E-Book jenes aus Papier verdrängen? Wird es in hundert Jahren noch Bibliotheken geben? Werden dort Studenten und andere Wissbegierige stehen und sich an Buchrücken orientieren und bestimmte Titel aus den Regalen ziehen? Wird es weiterhin Buchhandlungen geben, oder werden diese verdrängt worden sein von Bestellservice-Riesen wie Amazon?

Werden die Menschen nur noch auf Tablets (oder auf ganz andere Geräte, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können) schauen, um an Informationen zu gelangen? Und auch Romane und Erzählungen auf glänzenden Mattscheiben lesen? All diese Fragen werden derzeit häufig gestellt. Seit ein paar Jahren schon diskutiert man darüber. Und mit dem Einzug immer ausgereifterer Lesegeräte, Smartphones und Tablets wird, zumindest von einem Teil der Diskutanten, die Debatte auch immer drängender geführt.

Viele Antworten, viele Spekulationen

Und es gibt ja auch schon Antworten auf die vielen Fragen. Ja, lautet die eine, immer mehr Menschen schauen nicht mehr in Bücher, sondern nehmen Texte auf Lesegeräten wahr. Nein, lautet die andere Antwort, die Lesegeräte haben, in Deutschland zumindest, immer noch einen bescheidenen Anteil von unter 5 Prozent am Umsatz und werden keine ernsthafte Konkurrenz für herkömmliche Bücher sein.

Ein Frau liest gleichzeitig in einem Buch und einem Kindle (Foto: dpa)

Werden wir in Zukunft E-Books oder Bücher lesen?

Aber sicher wird das Buch irgendwann in naher Zukunft aussterben, sagen die einen mit inbrünstiger Überzeugung. Allein die (Papier-)Ressourcen wird man nicht mehr haben, um klassische Bücher herzustellen. Das traditionelle Buch werde sich von selbst erledigen, schon jetzt sei es doch nur noch etwas für die ewig Gestrigen einer aussterbenden Generation. Schon die Jugendlichen von heute nähmen doch kaum noch ein Buch in die Hand, keinen Text mehr, der auf Papier gedruckt ist, und wenn, dann nur noch, um an Infos zur Inbetriebnahme des neusten Smartphones zu kommen.

Ha, auch in Zukunft werde es noch Bücher geben, halten die Verteidiger des Kulturgutes Buch dann dagegen. Lexika, die vielleicht, würden aussterben. Andere Sachbücher möglicherweise auch. Aber Romane und Erzählungen würden auch in Zukunft in Büchern konsumiert. Und im Bereich des Verkaufs hätten die großen Buchhandelsketten zwar Federn lassen müssen, aber gerade die kleinen, hochspezialisierten und literarischen Buchhandlungen blühten doch auf - halten die Verteidiger des "alten" Systems dagegen. Und überhaupt, die Verlage! Es würden immer wieder neue gegründet, junge, engagierte Buchmenschen mit klassischer Bildung werde es weiterhin geben.

Wie gesagt, das alles sind notwendige und bisweilen aufschlussreiche Debatten. Sie werden geführt auf Buchmessen und in den Feuilletons, bei Literaturfestivals und ganz privat zu Hause zwischen Menschen, die sich für den Buchmarkt interessieren. Mal mehr, mal weniger heftig wird gestritten und gemutmaßt, spekuliert und in die Zukunft geschaut. Manches kann man ja auch schon jetzt feststellen. Eben den Verlust einiger großer Buchhandlungen, den Zugewinn von Anbietern wie Amazon. Man kann auch konstituieren, dass sich sachorientierte Texte tatsächlich eher in den elektronischen Bereich verlagern, schöngeistige dagegen dem klassisch, handwerklich gut gemachten Buch zu einem Comeback verholfen haben.

Alles dreht sich nur noch ums Medium …

DW-Redakteur Jochen Kürten (Foto: DW/Henriksen)

DW-Redakteur Jochen Kürten

Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück. Ich glaube, dass manche, die so eifrig über E-Books und den digitalen Wandel philosophieren, es auch deshalb tun, weil Bücher sie gar nicht interessieren. Nicht der Inhalt, oder, Pardon, der Content. Denn das ist doch viel einfacher: zu sprechen über Statistiken und Daten, über Märkte und Macher als über einen Roman von Lutz Seiler, der sich über 450 Seiten mit der vergangenen DDR beschäftigt. Oder über die Neuübersetzung eines 1000-seitigen Romanklassikers von Balzac.

Was ich sagen will: Bei allem Interesse für den Wandel der Kulturtechnik des Lesens - es ist doch auch eine Frage der Zeit. Lesen kostet Lebenszeit. Für mich ist das keine verlorene Zeit. Doch immer wieder nur darüber zu spekulieren, wie wir in 50 Jahren möglicherweise lesen, dazu fehlt mir die Zeit. Da lese ich lieber ein gutes Buch!