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Deutschland

Gemeindeleben ohne Kirchensteuer

Wer Kirchensteuern zahlt, ist Mitglied, kann am Gemeindeleben innerhalb einer der beiden großen Kirchen teilnehmen. Freie evangelische Christen, Muslime und Juden haben es viel schwerer, ihre Gemeinden zu finanzieren.

In der Bonner Hatschiergasse, wenige hundert Meter von der Kennedybrücke entfernt, steht seit 2007 ein schmucker Neubau. Auf der weißen Fassade hängt ein Kreuz, darunter steht der Schriftzug: FREIE EVANGELISCHE GEMEINDE. Der funktionelle Bau ist die Heimat eben dieser Gemeinde, die Woche für Woche rund 750 Gottesdienstbesucher begrüßen kann. Vor genau 150 Jahren wurde die Gemeinde gegründet. Hatte sie zu Beginn der 1970er Jahre noch gut 40 Mitglieder, so sind es heute 550. Damit ist sie die größte im Bund freier evangelischer Gemeinden in Deutschland. Das Besondere, wie bei allen Freikirchen: Die gesamte spirituelle und diakonische Arbeit, die Gehälter der hauptamtlichen Mitarbeiter, die Kosten für Baumaßnahmen und Unterhalt des Gemeindezentrums - all das wird ausschließlich aus Spenden von Mitgliedern und Freunden finanziert.

Fröhliche Spender

Freie evangelische Gemeinde Bonn. Das 2007 eingeweihte Gemeindezentrum Foto Andreas Stein 10/2012 Bild zugeliefert von Klaus Krämer Deutsche Welle Kultur/Hintergrund Religion und Kirche

Das neue Gemeindezentrum

Gut fünf Millionen Euro habe allein der Neubau gekostet, sagt Pastor Andreas Fehler. Da müsse zwar noch einiges an Schulden getilgt werden, dennoch würden die Spenden ausreichen. Einen festen Obolus, den die Mitglieder entrichten müssen, gibt es nicht: "Jeder soll soviel geben, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat. In der Bibel steht: 'Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.' In dem Augenblick, wo ich Vorgaben mache, weicht die Freude." Die Zahlen geben dem Pastor und der Gemeindeleitung recht: "Im Schnitt spendet jedes Gemeindemitglied 1200 Euro pro Jahr". Das ergibt rund 650.000 Euro. Da bleibt auch noch etwas übrig für die Integrationsarbeit mit ausländischen Mitbürgern, ein spezielles Bildungsprogramm durch die eigene Christliche Volkshochschule oder für die Verteilung von Lebensmitteln an Bedürftige, wovon auch andere Bürger der Bundesstadt profitieren.

"Geld folgt Visionen"

Die Basis allen Engagements sei der gemeinsame Glaube an Jesus Christus, sagt der Geistliche. Hinzu komme jedoch etwas sehr Wichtiges, denn, so Fehler, "wir müssen den Menschen der Gemeinde die Vision von Gemeinde vermitteln und dann geben sie freiwillig und fröhlich und viel. Das ist meine Erfahrung: Geld folgt Visionen." Die Vision der Gemeinde sei es, dass man weitere Menschen mit der guten Botschaft von Jesus Christus erreiche und dass die Gemeinde weiter wächst.

Freie evangelische Gemeinde Bonn. Foto Rami Shakil 10/2012 Bild zugeliefert von Klaus Krämer Deutsche Welle Kultur/Hintergrund Religion und Kirche

Andreas Fehler und Ariane Pohl

Freilich gibt es auch Menschen, die gar nichts oder nur wenig geben können. So ist die 24-jährige Ariane Pohl zwar derzeit ohne Arbeit, sagt aber: "Man kann immer ein bisschen abzweigen. Kleine Beträge helfen auch schon." Und hier spricht die junge Frau aus Erfahrung, denn sie erlebt, was mit ihrem Spendengeld geschieht. Überhaupt sei das der Vorteil gegenüber der Kirchensteuer der Volkskirchen, wie Pastor Fehler bestätigt. "Die Leute identifizieren sich mit der Arbeit, sie haben eine persönliche Beziehung zu ihrer Gemeinde, sie arbeiten mit." Allerdings geht es vielen freien Gemeinden finanziell längst nicht so gut wie der in Bonn.

Geheimnis muslimischer Gemeinden

An dem Neubau der Moschee in Köln fahren am Donnerstag (09.08.2012) im Abendlicht Autos vorbei. Am Samstag (18.08.2012) endet der islamische Fastenmonat Ramadan. Foto: Oliver Berg dpa/lnw

Neue DITIB-Moschee in Köln-Ehrenfeld

In Sachen Finanzen ergeht es den muslimischen Moscheegemeinden ähnlich. Sie sind fast ausnahmslos - nach deutschem Recht gegründete - Vereine, die Mitgliedsbeiträge erheben können. Dennoch finanzieren sie sich vor allem aus freiwilligen Spenden. Ihre sozialen Aktivitäten hängen vom ehrenamtlichen Engagement der Mitglieder ab. Aus staatlichen Quellen sprudelt kein Geld. Dennoch: Muslimische Gemeinden machten aus ihren Finanzen ein Geheimnis, stellt Claudia Dantschke, Leiterin der Arbeitsstelle Islamismus und Ultranationalismus am Zentrum Demokratische Kultur in Berlin, fest: "Eine Summe zu nennen, die den Aufwand für die Gestaltung muslimischen Lebens in Deutschland ermöglicht, wäre vermessen." Der größte Kostenfaktor für eine Moscheegemeinde: die Beschäftigung eines Imams. Der sei unverzichtbar als Seelsorger, Leiter des Freitagsgebets und Mann für alle religiösen Fragen.

Imam-Import

Claudia Dantschke, Leiterin der Arbeitsstelle Islamismus und Ultranationalismus der ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH Berlin. Copyright: Ali Yildirim Presse Agentur, Berlin / AYPA

Claudia Dantschke

Für die Bezahlung des Imams gibt es verschiedene Modelle: Manche werden aus den Spenden der Mitglieder entlohnt. Das funktioniert zumeist nur, wenn der Vorbeter nicht vollzeitig tätig ist und Nebeneinkünfte hat. Demgegenüber hat die größte islamische Gemeinschaft in Deutschland, die "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion", kurz DITIB, einen klaren Vorteil gegenüber allen anderen muslimischen Gemeinschaften. Ihre Imame werden nicht von einer Gemeinde, sondern vom türkischen Staat bezahlt. Das Amt für Religiöse Angelegenheiten des türkischen Staates, die Religionsbehörde Diyanet, bildet Imame aus, entsendet sie für drei bis vier Jahre in deutsche Moscheegemeinden und zahlt ihr Gehalt.

Geldregen aus der Wüste

Seit etwa zehn Jahren sehen Moscheegemeinden zunehmend ihre Hauptaufgabe darin, neue repräsentative Moscheen zu bauen - nicht zuletzt, um ihrem "Hinterhof"-Image zu entkommen. Für den Moscheebau spielen neben den Spenden einfacher Mitglieder auch solche von muslimischen Unternehmern eine Rolle. "Und da kommen dann auch Spenden aus der Türkei und aus arabischen Ländern mit zum Tragen", sagt Islam-Expertin Claudia Dantschke. "Hier spielen vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate eine Rolle, von denen es dann größere Spenden gibt. Für einen Scheich aus den Arabischen Emiraten, der für den Bau einer repräsentativen Moschee spendet, ist die Motivation eine missionarische. Er erhofft sich dadurch einen Beitrag zur Verbreitung des Islam zu leisten."

Eine der fünf Säulen des Islam ist der so genannte Zakat – die Almosensteuer. Danach spendet der Gläubige einen bestimmten Prozentsatz seines Jahresverdienstes. Das regelmäßige Einfordern der Almosensteuer werde allerdings, so Claudia Dantschke, im Alltag kaum praktiziert. "Eine große emotionale Spendenbereitschaft besteht, wenn es darum geht, Muslime in aller Welt zu unterstützen, die in Not sind."

Drei Geldquelle für jüdische Gemeinden

Synagoge Berlin Oranienburger Straße Teilansicht der Oranienburger Straße in Berlin mit der Neuen Synagoge, einem Gebäude von herausragender Bedeutung für die Geschichte der jüdischen Bevölkerung der Stadt und ein wichtiges Baudenkmal aus der zweiten Hälfte des 19.Jahrhundert, aufgenommen am 11.10.2008. Foto: Karlheinz Schindler +++(c) dpa - Report+++

Neue Synagoge Berlin - Kuppel und Davidstern

Spenden spielen zwar in Jüdischen Gemeinden auch eine Rolle, allerdings keine herausragende. Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, konstatiert: "Es kommt durchaus vor, dass Mitglieder für bestimmte Events und Projekte der Gemeinde spenden. Es gibt natürlich auch Mäzene innerhalb und außerhalb der jüdischen Gemeinde, die sich auch mit Spenden beteiligen, aber das ist nicht so üppig, um es mal vorsichtig zu formulieren."

Die größte Finanzierungsquelle für das jüdische Leben in Deutschland ist die sogenannte Kultussteuer. Das sind im Schnitt zwischen fünf und sechs Prozent der Einkommenssteuer. Die wird über das Finanzamt eingezogen oder von den Gemeinden selber, da sie den Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts haben. Eine weitere wichtige Einnahmequelle resultiert aus den Landesstaatsverträgen. Stephan Kramer erklärt: "Die Landesverbände der jüdischen Gemeinden bekommen staatliche Mittel prozentual oder nach Köpfen – je nach dem, wie die Verteilungsschlüssel ausgearbeitet worden sind. Sie werden von den Landesverbänden an die Mitgliedsgemeinden vergeben."

Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland

Stephan Kramer

Diese staatliche Unterstützung hat historische Gründe. Über die Ermordung von Menschen jüdischen Glaubens hinaus wurde auch das jüdische Gemeindeleben und dessen Infrastruktur im Nationalsozialismus völlig zerstört. Auch Mittel, die Eigentum der Gemeinden oder in Stiftungen eingebunden waren, wurden vom Nazi-Staat konfisziert - oder besser gesagt: geraubt. Aus diesem Grund sieht Stephan Kramer in der staatlichen Unterstützung eine moralisch-ethische Verpflichtung, die zu recht erfolgt und "zumindest einen Beitrag dazu leistet, um jüdisches Leben wieder zu ermöglichen."

Bilanz nicht möglich?

Wie hoch die Summe dessen ist, was aus den drei Finanzquellen fließt, wisse auch der Zentralrat der Juden in Deutschland nicht, so dessen Generalsekretär zur Deutschen Welle: "Dass lässt sich nicht zusammenrechnen, weil in den Bundesländern unterschiedliche Staatsverträge geschlossen sind und auch unterschiedliche Leistungen gezahlt werden." Zu Spenden, die innerhalb oder für die einzelnen Gemeinden geleistet würden, gebe es keine Statistik. Mancherorts, so Kramer, sei die Situation die, "dass das Geld kaum dazu reicht, ein Minimum an seelsorgerischer Arbeit, an sozialer Arbeit, aber auch an kultureller Arbeit zu gewährleisten."

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