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Aktuell Europa

Gehen die Gefechte in Berg-Karabach weiter?

Nach dem Aufflammen des Konfliktes zwischen Armenien und Aserbaidschan mit mindestens 30 Toten will Aserbaidschan nun die Kämpfe einstellen. Die Regierung in Baku kündigte einen einseitigen Waffenstillstand an.

Als Zeichen des guten Willens sei die Feuerpause beschlossen worden, teilte das aserbaidschanische Verteidigungsministerium mit. Allerdings würden alle von den armenischen Truppen besetzten Gebiete befreit, sollte das armenische Militär seine Provokationen nicht stoppen, hieß es einschränkend weiter. Von armenischer Seite gab es hierzu bislang keine Stellungnahme.

Die internationale Gemeinschaft blickt weiterhin mit Sorge in die Region. Seit dem Waffenstillstand im Jahre 1994 entflammte der Streit beider Länder um die Grenzregion Berg-Karabach immer wieder. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief die Beteiligten in New York auf, die Waffenstillstandsvereinbarung vollständig zu respektieren. Zudem sei er besonders besorgt über den Einsatz schwerer Waffen und die hohe Opferzahl. Auch die USA, Russland, die EU und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) dringen auf ein Ende der Gewalt. Die Gefechte waren mit mindestens 30 getöteten Soldaten die heftigsten seit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens zwischen beiden Ländern vor 22 Jahren.

Nach den Kämpfen begannen beide Länder damit, sich gegenseitig die Schuld zuzuweisen und die gegenwärtigen Verluste aufzurechnen. So sollen nach Angaben des armenischen Präsidenten Serge Sarkissjan 18 armenische Soldaten getötet, weitere 35 wurden verletzt. Sarkissjan sagte bei einer vom Fernsehen übertragenen Ansprache nicht, ob es sich bei den Opfern um Angehörige der regulären Streitkräfte oder um Mitglieder von Truppen aus Berg-Karabach handelte, das von Armenien unterstützt wird.

Schwere Kämpfe mit Panzern und Artillerie

Laut Verteidigungsministerium im aserbaidschanischen Baku hätten armenische Einheiten zwölf aserbaidschanische Soldaten getötet und einen Hubschrauber abgeschossen. Aserbaidschan hatte zudem angegeben, die eigenen Streitkräfte hätten mehr als hundert armenische Soldaten getötet, sowie sechs Panzer und 15 Artillerieeinheiten zerstört. Das armenische Verteidigungsministerium wies dies als "offensichtliche Desinformation" zurück.

Nach Angaben des von Armenien unterstützten Verteidigungsministeriums in Karabach wurde beim Beschuss armenischer Dörfer in der umstrittenen Region durch aserbaidschanische Artillerie ein zwölfjähriger Junge getötet. Baku meldete einen getöteten Zivilisten auf aserbaidschanischer Seite.

Der russische Präsident Wladimir Putin appellierte an die beiden ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan, Zurückhaltung zu üben, um weitere Opfer zu vermeiden. Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Außenminister Sergej Lawrow telefonierten mit ihren aserbaidschanischen und armenischen Kollegen.

OSZE soll vermitteln

US-Außenminister John Kerry forderte in einer Erklärung von Armenien und Aserbaidschan, "sich strikt an die Waffenruhe zu halten". Die "instabile Lage vor Ort" zeige, warum die Beteiligten sofort in einen umfassenden Verhandlungsprozess für eine Beilegung des Konflikts treten müssten, der unter der Federführung der sogenannten Minsker Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) stehen solle.

Steinmeier rief - auch im Namen des deutschen OSZE-Vorsitzes - dazu auf, "die Kampfhandlungen unverzüglich einzustellen und den Waffenstillstand in vollem Umfang zu respektieren". Laut Auswärtigem Amt telefonierte Steinmeier mit seinen Kollegen in beiden Ländern. Auch die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini, der Generalsekretär des Europarats, Thorbjörn Jagland, und Frankreichs Staatschef François Hollande riefen zur Deeskalation auf.

Erdogan befeuert Konflikt

Einzig der türkische Präsident Recep Tyyip Erdogan ergriff Partei und stellte sich auf die Seite Aserbaidschans: "Wir werden Aserbaidschan bis zum Ende unterstützen. Wir beten dafür, dass unsere aserbaidschanischen Brüder mit den kleinstmöglichen Verlusten die Oberhand in diesen Kämpfen gewinnen", sagte Erdogan am Rande seines USA-Besuchs.

Armenien Aserbaidschan Gefechte Berg-Karabach Foto: Reuters/V. Baghdasaryan/Photolure

Bei den Kämpfen im Südkaukasus sind durch den Einsatz von Panzern auch Häuser zerstört worden.

Langjährige Auseinandersetzungen

Der Streit um das Gebiet Berg-Karabach macht den Südkaukasus zu einem Pulverfass. Der Konflikt reicht zurück in die Zeit der Sowjetunion. Die beiden ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan streiten seit vielen Jahren um die Region Berg-Karabach. Proarmenische Rebellen hatten das mehrheitlich von christlichen Armeniern bewohnte Gebiet, das zu Sowjetzeiten dem muslimisch geprägten Aserbaidschan zugeschlagen worden war, Ende der 80er Jahre mit Eriwans Unterstützung unter ihre Kontrolle gebracht. Im Zuge eines jahrelangen Kriegs wurden hunderttausende Menschen aus beiden Ländern vertrieben und schätzungsweise 30.000 Menschen getötet. International wird Berg-Karabach weiterhin als Teil Aserbaidschans angesehen, Armenien erkennt dies aber nicht an.

Das erdölreiche Aserbaidschan, dessen Verteidigungsbudget bisweilen höher war als Armeniens gesamter Staatshaushalt, drohte wiederholt damit, Berg-Karabach zurückzuerobern, sollten internationale Bemühungen zur Lösung des Konflikts zu keinem Ergebnis führen. Das von Moskau unterstützte Armenien versichert, es könne jeder Offensive standhalten. Die sogenannte Minsk-Gruppe der OSZE - mit den USA, Russland und Frankreich an der Spitze - vermittelt in dem Konflikt. Die Verhandlungen sind aber ins Stocken geraten.

cgn/qu (afp, afpe, ap, dpa)