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Wirtschaft

Geheimnisumwittert: Der neue Suez-Kanal

Anfang August hat die ägyptische Regierung mit dem Ausbau des Suez-Kanals begonnen. Pläne des Mega-Projekts sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Deshalb bleiben viele Fragen offen.

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Eine zweite Spur für den Suez-Kanal

Bagger graben tiefe Löcher in die Erde. Hunderte Lastwagen werden mit Tonnen von Sand beladen. Und überall stehen bewaffnete Soldaten. Auf der ansonsten normal anmutenden Baustelle des neuen Suez-Kanals auf der Sinai-Halbinsel, nur wenige Kilometer östlich der Stadt Ismailia, hat das ägyptische Militär das Sagen. Das ganze Areal ist Sperrgebiet. Die Streitkräfte entscheiden darüber, wer das Gelände betreten darf, wer über Ägyptens Prestige-Projekt berichten darf und wer nicht. Denn "hier geht es um die nationale Sicherheit", lässt ein Oberoffizier mitteilen, nachdem er uns das Filmen untersagt hat, trotz offizieller Einladung des Gouverneurs.

Ein nationales Projekt

Unter dem gleichen Vorwand der nationalen Sicherheit werden wichtige Informationen der Öffentlichkeit vorenthalten. Und so staunte die Welt nicht schlecht, als Präsident Abdel Fattah Al Sisi am Anfang August den Bau eines zweiten Suez-Kanals verkündete. Nicht nur, dass der Bau an diesem Tag bereits begonnen hatte, auch die Frist für die Fertigstellung erschien angesichts der Größe des Vorhabens recht sportlich. In nur einem Jahr sollen die ersten Schiffe durch den neuen Kanal fahren. "Ich weiß nicht, wie sie das machen wollen. Experten wie ich können keine Einschätzung geben, wie und ob das alles zu realisieren ist, denn keiner hat Zugang zu den Projektdaten", sagt Amr Adly vom Carnegie Middle East Zentrum in Kairo.

Und so müssen sich Experten, Medien und Öffentlichkeit mit den spärlichen Aussagen der Suez-Kanal-Behörde zufrieden geben. "Statt 40 oder 50 Schiffe können nach dem Bau 80 oder 90 Schiffe am Tag den Kanal passieren. Davon werden alle Länder der Welt profitieren", verspricht etwa Generalmajor Kamel Al Wazir, oberster Ingenieur des Militärs. Vor allem werde sich die Wartezeit für Schiffe verkürzen. Derzeit ist der 163 Kilometer lange Kanal auf drei Strecken nur einspurig befahrbar. Schiffe müssen im Schnitt bis zu 18 Stunden warten, bis sie passieren können. Deswegen soll nun eine 35 Kilometer lange Wasserstraße neu gebaut werden, die parallel zur alten verläuft.

Der Kanal wäre dann in der Mitte zweispurig befahrbar. Zudem soll eine 37 Kilometer lange Strecke des alten Kanals vertieft werden, damit auch große Schiffe die Durchfahrt vom Roten ins Mittelmeer nutzen können. Die Wartezeit soll sich dann um gut ein Drittel verkürzen, so die Angaben der Behörden. "Ein Geschenk an die ganze Welt", beschrieb Präsident Al-Sisi das Projekt während seiner Rede vor den Vollversammlung der UN Anfang der vergangenen Woche. Die Botschaft richtete sich jedoch vor allem an die Landsleute zu Hause.

Bauarbeiten am zweiten Suez-Kanal

Filmen und Fotografieren verboten

Fragwürdige Zahlen

Denn Al-Sisi braucht das Nationgefühl der Ägypter für den neuen Kanal. Davon hängt die Finanzierung des Projekts ab. Die mittlerweile auf acht Milliarden US-Dollar geschätzten Baukosten will sich der Staat bei seinen Bürgern leihen. Ein Vorhaben, das auf breite Zustimmung in der Bevölkerung gestoßen sein soll. In nur zwei Wochen sollen Staatsanleihen im Wert von mehr als sechs Milliarden US-Dollar verkauft worden sein, so die Angaben von Hashem Ramez, Präsident der ägyptischen Zentralbank.

Und das, obwohl es keine Klarheit über die Wirtschaftlichkeit des Projekts gibt. Denn Projektstudien sind bisher unter Verschluss geblieben. Der Vorwand auch hier: die nationale Sicherheit. Hany Tawfik, Chef der Ägyptischen Vereinigung für direkte Investitionen, berät unter anderem Kleinanleger. Ihm sind zur Zeit die Hände gebunden. "Ich muss wissen, wie viele Schiffe jetzt Afrika umfahren und wie viele nach der Fertigstellung den neuen Kanal nutzen würden", sagt er. Zudem müsse man wissen, wie viel Geld diese Schiffe sparen würden, um die Höhe der Gebühren zu ermitteln, die der ägyptische Staat verlangen könne. Erst dann könne man die Wirtschaftlichkeit des Projekts prüfen, so Hany Tawfik. "Eine solche Studie habe ich nicht gesehen", fügt er hinzu.

Der ägyptische Staat hingegen verspricht, dass die Einnahmen des Suez-Kanals von aktuell rund fünf Milliarden US-Dollar pro Jahr sich nach dem Bau verdoppeln werden. "Mir bleibt nichts anderes übrig, als diese Zahlen zu glauben", sagt Wirtschaftsexperte Hany Tawfik.

Politisch motiviertes Mega-Projekt

Der Suez-Kanal ist der Hauptdevisenbringer für die ägyptische Wirtschaft, die seit der Revolution nahezu am Boden liegt. Seit seiner Verstaatlichung 1956 ist der Kanal für die meisten Ägypter zu einem Symbol der Unabhängigkeit und der nationalen Selbstbestimmung geworden. Und die Machthaber wissen um diese Befindlichkeiten ihrer Landleute.

Und so geben sich Politiker seit Beginn der Bauarbeiten die Klinke in die Hand, um die Fortschritte zu begutachten. Staatliche Medien verkünden jeden Tag, wie tief bereits gegraben wurde. Der zweite Suez-Kanal soll vor allem nationale Einheit und Stabilität demonstrieren. Ob er sich am Ende auch rentieren wird, bleibt noch offen. Eines hat er jedoch jetzt schon geschafft: Über die eigentlichen Probleme des Landes wie Armut, Ungerechtigkeit und Repressionen spricht niemand mehr.

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