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Kultur

Gefahren durch tierische Einwanderer

Das Einschleppen invasiver Arten gilt neben dem Klimawandel als eine der Hauptbedrohungen für die Artenvielfalt der Erde. Die Globalisierung, aber auch Tierschützer, fördert dieses Phänomen.

Der amerikanische Mink, Quelle: dpa

Bedrohung für europäische Nerze: der amerikanische Mink

Wer Tiere liebt, trägt keine Pelze. Unter diesem Motto lassen Tierschützer immer wieder Zuchtnerze aus ihren Käfigen frei. Vor kurzem haben sie in Dänemark und im Norden Deutschlands wieder einige Tausend dieser amerikanischen Nerze, sogenannte Minke, frei gelassen. Eine Aktion, die einem Boomerang gleicht, und das in doppeltem Sinne, sagt Klaus Henle, Leiter des Instituts für Naturschutzforschung am Umweltforschungszentrum Leipzig. "Die Nerze sind in der Regel bereits seit längerer Zeit in der Zucht, und durch die Zucht verändert sich ihr ganzes Verhalten. Sie haben nicht gelernt, Nahrung zu fangen, dadurch überlebt nur ein kleinerer Teil der freigelassenen Nerze.”

Der überlebende Teil freigelassener oder abgehauener Nerze ist aber immer noch größer als die Population der einheimischen, europäischen Nerze – sie gelten in einigen Regionen bereits als ausgestorben, weil sie vor Jahrzehnten wegen ihrer Pelze stark gejagt wurden. Zudem beschnitt die Landwirtschaft ihren Lebensraum, legte Feuchtgebiete trocken und veränderte Flussläufe. Diese Räume beansprucht aber auch der amerikanische Mink: "Es gibt Regionen in Europa, wo beide aufeinander stoßen und wo sich der amerikanische Nerz durchsetzt."

Mink gegen Nerz

Die Folge: Der Mink vermehrt sich stärker, so dass er den europäischen Nerz möglicherweise bald vollständig verdrängt haben wird. Und da der Mink nicht nur ein guter Schwimmer, sondern auch Taucher ist, frisst er die Eier von Wasservögeln oder die Jungtiere. Ob er diese Arten bedroht oder gar ausrottet, ist noch nicht erforscht. Klaus Henle erinnert an Australien. Hier habe es nur wenig mehr als ein Jahrhundert gedauert, bis kleine Beuteltierarten verschwunden waren. Gejagt wurden sie von den Katzen und Füchsen, die die Einwanderer mitgebracht hatten.

Seefrosch

Seefrösche haben dominante Gene und verdrängen so andere Arten

Wie lange würden solche Prozesse auf einer Insel dauern? Elke Schüttler, eine Forscherin am Leipziger Institut, hat dazu auf Navarino, einer Insel im Süden Chiles, geforscht. Auch hier ging es um amerikanische Nerze, die auf der Insel heimisch geworden sind. Einheimische berichten vom Rückgang der Magellan-Gänse und anderer Vögeln durch Minks. Schüttler kann das teils bestätigen. "Es ist aber nicht so, dass er nun mit allen Vogelarten Schluss machen würde", sagt sie. Vor allem Arten wie Möwen, die nicht in Kolonien nisteten und Verteidigungsstrategie hätten, seien nicht betroffen. Bodenbrüter, die sich bislang nur auf Raubvögel eingestellt hätten, sind besonders in Gefahr.

Dominante Seefrösche

Fremde Raubtiere können andere Tierarten verdrängen und auslöschen. Ein weniger dramatischer Weg ist die genetische Veränderung einheimischer Arten durch fremde. Klaus Henle nennt als Beispiel Seefrösche, die eigentlich in Osteuropa heimisch sind. Wenn sie sich mit einer anderen Froschart paaren, setzen sich häufig die Seefrosch-Chromosomen durch.

"Dadurch wird die eine Art langsam aus der Population verdrängt", erklärt Henle. Froschschenkel gelten besonders in Frankreich als Delikatesse. Und da der Seefrosch mehr Fleisch besitzt, wird er in Frankreich öfter gezüchtet als andere Arten - und entkommt dann öfter. Die Folge hat jetzt eine Studie an südfranzösischen und nordspanischen Flüssen aufgezeigt: Einige kleinere Froscharten sind kaum noch aufzufinden.

Invasion ist nicht rückgängig zu machen

Hamburger Hafen

Kontainerschiffe transportieren Arten von einem Kontinent zum anderen

Kann man derartige Prozesse rückgängig machen? Klaus Henle schüttelt den Kopf: "Wenn eine Art sich erstmal etabliert und größere Gebiete angenommen hat, dann ist es in der Regel nicht mehr möglich, sie wieder zu entfernen. Wir haben selten die Chancen, eingeschleppte Arten wieder zu entfernen". Normalerweise sei das nur möglich, wenn die neue Art sich noch nicht ausgebreitet hätte. "Dann hat man noch eine Chance, später nur in ganz wenig Fällen."

Ermutigend ist, dass gezielte Ansiedlungen fremder Arten kaum noch vorkommen – der Mensch hat also doch gelernt. Dafür werden umso mehr Arten durch den globalen Handel transportiert oder fahrlässig freigelassen, wie die amerikanischen Nerze. Durch die Globalisierung steigt also die Gefahr, dass tierische Einwanderer zur Bedrohung für intakte Ökosysteme werden.

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