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Europa

Gefahr durch linken und rechten Terror in Griechenland

Nach der Verhaftung eines Terrorverdächtigen in Athen wird über seine Komplizen und Machenschaften spekuliert. Experten sehen eine neue Generation von Terroristen am Werk.

Spezialkräfte in Athen in Uniform mit Schutzschildern vor einem Einkaufszentrum (Foto:

Spezialkräfte der Polizei in Athen bei der Verhaftung des prominenten Terroristen Nikos Maziotis

Die Polizei hatte den 31-jährigen mutmaßlichen Terroristen schon lange unter Beobachtung, bevor sie ihn Anfang Oktober im Athener Viertel Byron verhaftete. Ihm werden die Mitgliedschaft in einer Terrororganisation und eine Vielzahl von weiteren Straftaten vorgeworfen. Nach Informationen der Athener Zeitung "Kathimerini" war er vermutlich seit 2009 in der linksextremen Gruppe "Revolutionärer Kampf" aktiv und gilt als enger Vertrauter des Top-Terroristen Nikos Maziotis. Dieser war seit 2012 auf der Flucht und wurde erst im Juli nach einer Schießerei auf offener Straße festgenommen.

Maziotis soll am Anschlag auf die Residenz des deutschen Botschafters in Athen im Dezember 2013 beteiligt gewesen sein. Nach eigenen Angaben verübte der "Revolutionäre Kampf" seit 2003 mehrere Angriffe auf Ministerien, Polizeiwachen und Banken. Weitere Splittergruppen, wie die "Sekte der Revolutionäre" und die "Verschwörung der Zellen des Feuers" haben sich zu Brand- und Bombenanschlägen in dicht besiedelten Vierteln der griechischen Hauptstadt bekannt. Für Aufsehen sorgte ein fehlgeschlagener Anschlag in der Athener U-Bahn im Jahr 2012. Gerade noch rechtzeitig entdeckte damals ein Fahrer die aktivierte Bombe bei seinem Kontrollgang durch die Waggons.

Der Terrorismus in Griechenland nimmt neue Dimensionen an: Das ist das Fazit von Mary Bossi, Professorin für internationale Sicherheit an der Universität Piräus. "Früher wurden Anschläge nur auf staatliche Einrichtungen, ausländische Botschaften und Industrielle verübt. Mittlerweile kommt es auch zu Angriffen in Räumlichkeiten, in denen unbeteiligte Bürger verkehren." In Bekennerschreiben lieferten die Täter unterschiedliche Begründungen dafür: "Manchmal werfen sie den Bürgern vor, sie seien eben nicht unbeteiligt, da sie nicht gegen die etablierte Ordnung aufbegehren".

Kein einheitliches Täterprofil

Aufräumarbeiten nach einem Bombenanschlag in Athen im Juni 2013 (Foto: Reuters)

Bombenanschlag in einem Athener Vorort im Sommer 2013

Mary Bossi hat mehrere Bücher zum griechischen und internationalen Terrorismus verfasst und gilt in Griechenland als ausgewiesene Expertin für Sicherheitsfragen. Oft würde sie gefragt, wie Terroristen ticken, sagt sie. Eine Antwort sei eigentlich nicht möglich, da es keine homogene extremistische Szene und auch kein einheitliches Täterprofil gebe. Dennoch gebe es Gemeinsamkeiten: Es handele sich fast ausschließlich um junge Menschen und es sei auffällig, dass sie die ideologischen Schlachten der Vergangenheit hinter sich ließen. Vom Marxismus-Leninismus würden sie sich endgültig verabschieden. Dafür fänden sie verstärkt ideologischen Rückhalt im Anarchismus, erläutert die Professorin aus Piräus.

Dem Marxismus-Leninismus verpflichtet war die bislang gefährlichste griechische Terrorgruppe "17. November" - benannt nach dem Datum des Studentenaufstandes gegen die Militärdiktatur im Herbst 1973. Zu den Opfern der Gruppe gehörten ein Industriemagnat, ein konservativer Zeitungsverleger sowie Diplomaten aus Großbritannien und den USA. Auch ein Panzerfaust-Anschlag auf die Residenz des deutschen Botschafters 1999 ging auf ihr Konto. Erst 2002 wurde die Untergrundorganisation nach jahrzehntelanger Fahndung aufgedeckt. Doch sie sorgt immer noch für Schlagzeilen: Am Anfang des Jahres nutzte Christodoulos Xiros, ein verurteiltes Mitglied der Gruppe, einen Hafturlaub zur Flucht - und wurde bis heute nicht gefunden.

Viele befürchten nun, dass der 56-Jährige neue Anschläge vorbereitet oder seine Erfahrungen an die jüngere Generation von Terroristen weitergibt. "Es gab in Griechenland einen ersten Terror-Zyklus, der mit der Zerschlagung des '17. November' zu Ende ging, aber dadurch wurde das Problem nicht aus der Welt geschafft", meint Thanos Dokos, Generaldirektor des renommierten Athener Think Tank ELIAMEP. Sei es wegen der Untätigkeit und falschen Zuversicht der Behörden oder aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen im Land: Der Terrorismus ist immer noch präsent in der griechischen Gesellschaft, erläutert Dokos im Gespräch mit der DW. Einen Aufschwung hätten die Radikalen insbesondere im Dezember 2008 erhalten - nach dem Tod eines 15-Jährigen durch eine Polizeikugel im Athener Autonomen-Viertel Exarcheia.

Radikalisierung in Krisenzeiten

Nikos Michaloliakos, Vorsitzender der rechtsextremen Partei Goldene Morgenröte (Foto: EPA)

In Untersuchungshaft: Nikos Michaloliakos, Parteichef der rechtsextremen "Goldenen Morgenröte"

Für Dokos ist es beunruhigend, dass gerade in Krisenzeiten viele junge Griechen mit radikalem Gedankengut in Kontakt kommen und erst dadurch ihre politische Sozialisation erfahren. Sowohl Links- als auch Rechtsterrorismus seien äußerst gefährlich - doch es gebe auch gewisse Unterschiede, meint der Analyst: "Für die Demokratie in Griechenland stellt der Rechtsterrorismus eine größere Gefahr dar, weil er offen agiert und ganze soziale Gruppen, insbesondere die Einwanderer, zur Zielscheibe macht. Andererseits: Genau aus diesen Gründen sind Täter in diesem Milieu vielleicht leichter auszumachen".

Jahrelang wurden die Schlägertruppen der rechtsextremen Partei "Goldene Morgenröte" unterschätzt. Die Wirtschaftskrise öffnete dieser Gruppierung anscheinend Tür und Tor: Seit der Parlamentswahl im Juni 2012 ist die Partei mit 18 Abgeordneten im Parlament vertreten. Nach dem Mord an einem griechischen Musiker und Linksaktivisten durch mutmaßliche Mitglieder der "Goldenen Morgenröte" im September 2013 wurde die Staatsanwaltschaft aktiv. Sie wirft heute insgesamt 32 Parteimitgliedern vor, die rechtsextreme Gruppierung in eine "kriminelle Vereinigung" umgewandelt zu haben. Parteichef Nikos Michaloliakos und weitere Führungsmitglieder sitzen in Untersuchungshaft. Ihr Prozess wird voraussichtlich im November beginnen.

Die Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen und ihre Enttäuschung über die altgedienten Politiker ergeben eine explosive Mischung, befürchtet der Analyst Thanos Dokos. Terrorexpertin Mary Bossi sieht die politischen Parteien in der Pflicht: "Junge Menschen haben Visionen, innere Spannungen und einen Hang zur Polemik. Darauf finden die etablierten Parteien keine Antworten." Deshalb würde sich gerade die Jugend Parallelwelten schaffen, die mit den aktuellen politischen und ideologischen Debatten im Land nicht übereinstimmen.

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