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Europa

Gedenkfeier in Auschwitz ohne Putin

Die Ukraine-Krise wirft einen Schatten auf das Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch Sowjettruppen vor 70 Jahren. Ein Gast wird fehlen: Wladimir Putin. Ein Skandal?

Die Opfer und nicht die Politiker sollen im Vordergrund stehen. Deshalb habe man keine formellen Einladungen an Staats- und Regierungschefs für die Gedenkfeier am Dienstag verschickt, so das polnische Museum Auschwitz-Birkenau. Wer teilnehmen möge, sei willkommen. Doch dieser Wunsch droht ins Gegenteil umzuschlagen: In der Öffentlichkeit wurde bisher weniger über die letzten Überlebenden des berüchtigten Konzentrationslagers diskutiert als über die Abwesenheit eines prominenten politischen Gastes.

Weder Auschwitz noch Prag

Russlands Präsident Wladimir Putin kommt nicht nach Auschwitz. Sein Pressesprecher erklärte, es habe "keine persönliche Einladung" gegeben. Ob eine solche Einladung erwartet wurde, ließ er offen. Auch nach Prag werde Putin nicht fliegen, berichtete das tschechische Fernsehen. Dort wird am 26. und 27. Januar beim Welt-Holocaust-Forum an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Doch anders als die polnische Gedenkstätte lud der tschechische Präsident Milos Zeman seinen russischen Kollegen Putin ein.

Als Nachfolgestaat der Sowjetunion beansprucht Russland eine besondere Rolle im Sieg über Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Die Rote Armee befreite Auschwitz-Birkenau vor genau 70 Jahren - am 27. Januar 1945. Mehr als eine Million Menschen, vor allem Juden, wurden dort ermordet.

Ein Mann eine Kerze an der ehemaligen Laderampe der Deutschen Reichsbahn in Berlin auf, von wo aus die Nazis Berliner Juden in das Konzentrationslager Auschwitz deportierten. (Foto: AP)

Gedenken an die Opfer des Holocaust - hier in Berlin

Neue Spannungen wegen der Ukraine

Früher waren russische Präsidenten nicht jedes Jahr nach Auschwitz gereist. Beim 60. Jahrestag der Befreiung war Putin jedoch dabei. Schon 2005 war die Gedenkfeier von Spannungen wegen der Ukraine überschattet. Unter den Gästen war der frisch gewählte prowestliche ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko - an die Macht gekommen war er in Folge der sogenannten "Orangenen Revolution". Russland unterstellt dem Westen, die Fäden gezogen zu haben.

Diesmal kommt der jetzige ukrainische Präsident Petro Poroschenko nach Auschwitz. Die aktuelle Ukraine-Krise übertrifft jedoch die damaligen Ereignisse. Russland beschuldigt den Westen, einen gewaltsamen Sturz des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch im Winter 2014 unterstützt zu haben. Die westlichen Regierungen ihrerseits werfen Moskau die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und die militärische Hilfe für prorussische Separatisten in der Ostukraine vor. Beide Seiten haben Sanktionen erlassen.

Konfrontation mit Polen

Das wirkt sich auch auf die Nachbarländer aus. Besonders Polen fühlt sich wieder bedroht. Nach 1945 war das kommunistische Polen Teil des von der Sowjetunion dominierten Ostblocks. Heute ist das Land Mitglied der Europäischen Union und der NATO, doch die Angst vor dem starken Nachbar Russland ist offenbar groß. Seit der Ukraine-Krise sind die Beziehungen zwischen Warschau und Moskau deutlich abgekühlt. Im August 2014 verweigerte Polen dem Flugzeug des russischen Verteidigungsministers aus formellem Grund das Überflugrecht.

In den Tagen vor dem Holocaust-Gedenktag sorgten Äußerungen des polnischen Außenministers für scharfe Töne aus Moskau. Grzegorz Schetyna sagte in einem Interview, es seien ukrainische Soldaten gewesen, die Auschwitz befreit hatten. Russische Medien schäumten vor Wut. Politiker in Moskau warfen Polen "Geschichtsfälschung" und "Zynismus" vor. Auch auch die Tatsache, dass Putin nicht nach Auschwitz reist, trifft in Russland auf ein harsches Echo: Der Kreml-nahe Publizist Maxim Schewtschenko attestierte Polen "widerlichen Snobismus". Sogar der Oppositionspolitiker Boris Nemzow sprach von einem "großen Fehler" Polens. "Die Abwesenheit Putins wird als äußerste Respektlosigkeit gegenüber dem Gedenken an die toten Häftlinge und ihre Befreier wahrgenommen", schrieb Nemzow in seinem Blog.

Einen diplomatischen Eklat wird es bei der Gedenkfeier in Auschwitz jedoch nicht geben. Eine Woche vor dem Stichtag teilte Moskau mit, Sergej Iwanow, Leiter des Präsidialamtes, werde Russland vertreten.

G20-Gipfel in Brisbane Putin verlässt Gipfel vorzeitig (Foto: Reuters)

G20-Gipfel: Putin reist vorzeitig ab

Kein Treffen mit Poroschenko in Auschwitz

Deutsche Osteuropaexperten sind sich bei der Bewertung des Falls uneins. Putin nicht persönlich einzuladen, sei kein Skandal, sagte Gerhard Simon von der Universität Köln zur DW: "Er hätte kommen können, wenn er hätte kommen wollen." Simon schließt nicht aus, dass der Kremlchef nicht kommt, um sein "Isoliertsein nicht zusätzlich zu demonstrieren". "Möglicherweise sitzen die Erfahrungen von Brisbane in Australien ihm noch in den Knochen", so Simon. Beim G20-Gipfel im November 2014 zeigten westliche Staatschefs dem russischen Präsidenten wegen seiner Ukraine-Politik die kalte Schulter. Putin reiste vorzeitig ab.

Carmen Scheide, Osteuropahistorikerin von der Universität St. Gallen in der Schweiz findet es falsch, dass Putin nicht ausdrücklich nach Auschwitz eingeladen wurde. "Es ist ein Fehler, er hätte dabei sein sollen", sagte sie der DW. Trotz aktueller politischer Differenzen wegen der Ukraine hätte man Putin einladen sollen, "um zu zeigen: Wir haben eine gemeinsame Vergangenheit, die sich nicht auseinanderdividieren lässt."

Die Anwesenheit des ukrainischen Präsidenten Poroschenko in Auschwitz hätte man auch nutzen können, sagt Scheide. Vor kurzem platzte ein geplantes Treffen zwischen Putin und Poroschenko in Kasachstan, bei dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande hätten dabei sein sollen. Der Kölner Politologe Simon ist da skeptisch. "Es gibt so viele Chancen für die beiden, miteinander zu sprechen, da braucht man nicht die Auschwitz-Gedenkfeier."

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