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Aktuell Deutschland

Gedenken an KZ-Befreiungen vor 70 Jahren

Mehr als 350.000 Häftlinge erlitten den KZ-Horror in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen. In bewegenden Gedenkfeiern wurde an die Befreiung der Überlebenden im April 1945 erinnert.

Das frühere KZ Ravensbrück (Foto: dpa)

Ein ehemaliger KZ-Häftling aus Polen sitzt an der Gedenkstätte "Mauer der Nationen" im ehemaligen KZ Ravensbrück

"Die Erinnerung hat kein Verfallsdatum". Mit diesen Worten rief Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in Sachsenhausen dazu auf, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Das Lager Sachsenhausen stehe "für die Monströsität eines Regimes, das das Grauen institutionalisierte, sagte Steinmeier vor rund 1000 Gästen. Zu der Gedenkveranstaltung waren auch etwa 70 Überlebende gekommen. Der Außenminister verwies darauf, dass die Nazis bereits bei der Planung Sachsenhausens "nach der besten Architektur für die Umsetzung barbarischer Ziele" gestrebt hätten.

Frank-Walter Steinmeier legt einen Blumenstrauß nieder (Foto: dpa)

Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkfeier zur Befreiung des ehemaligen KZ Sachsenhausen

Mit Blick auf Anschläge auf Asylbewerberheime oder Angriffe auf Juden in Deutschland sagte Steinmeier, die Mehrheit der Deutschen stehe zwar für ein weltoffenes Land. "Aber dennoch passiert all dies bei uns in Deutschland."

Todesmärsche kurz vor der Befreiung

Im KZ-Sachsenhausen, das im Sommer 1936 während der Olympischen Spiele in Berlin errichtet wurde, waren zwischen 1936 und 1945 über 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende wurden Opfer von systematischen Vernichtungsaktionen der SS oder kamen durch Hunger, Krankheiten oder Zwangsarbeit ums Leben.

Auf den Todesmärschen nach der Evakuierung des Lagers Ende April 1945 starben weitere Tausende Häftlinge. Im Totenbuch der Gedenkstätte sind die Namen von 22.000 Opfern verzeichnet. Etwa 3000 im Lager zurückgebliebene Kranke, Ärzte und Pfleger wurden am 22. und 23. April 1945 von sowjetischen und polnischen Soldaten befreit.

Bewegendes Gedenken in Ravensbrück

Auch im früheren Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück in Brandenburg wurde an die Befreiung der Häftlinge vor 70 Jahren erinnert. An der Gedenkveranstaltung nahmen fast 90 Überlebende und 1000 weitere Gäste aus aller Welt teil. Die Ehrenvorsitzende des internationalen Ravensbrück-Komitees, Annette Chalut, sagte, dass sich die ehemaligen Häftlinge wegen ihres hohen Alters bei der Gedenkfeier vielleicht ein letztes Mal dort versammelt hätten.

Die NS-Verbrechen und ihre Opfer "dürfen niemals vergessen werden", sagte die 90-jährige Französin, die als Widerstandskämpferin in Ravensbrück inhaftiert war. Es sei nun Aufgabe der kommenden Generationen, diese Erinnerung zu bewahren und weitere Menschheitsverbrechen zu verhindern. "Wir haben die Pflicht zu absoluter Wachsamkeit", betonte Chalut. "Das Böse kann jederzeit wiederkommen."

"Wehret den Anfängen!"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka mahnte zu einem entschiedenen Auftreten gegen Fremdenhass. Aus den Gräueltaten der Nationalsozialisten ergebe sich eine Verpflichtung und Verantwortung, sagte Wanka. "Wir dürfen nicht schweigen, wenn wir Zeuge werden von Rassismus, Antisemitismus, Extremismus."

"Das Erinnern hat keinen Schlusspunkt", betonte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke. Fremdenhass auf der Straße, Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und Morddrohungen gegen Menschen, die sich für Flüchtlinge engagieren, müsse mit deutlicher Gegenwehr und solidarischem Handeln begegnet werden, sagte Woidke. Der SPD-Politiker forderte: "Wehret den Anfängen!" Vor den grausamen Verbrechen, die die Nazis im sogenannten Konzentrationslager Ravensbrück und an anderen Orten verübt hätten, versage auch heute die Sprache, betonte Woidke. Die Überlebenden mahnten, dass unter die NS-Vergangenheit "kein Schlussstrich" gezogen werden dürfe.

Hunger, Zwangsarbeit, medizinische Experimente

Im größten Frauen-KZ der Nationalsozialisten auf deutschem Gebiet kamen nach Angaben der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten mehr als 25.000 Frauen und 2500 Männer ums Leben – sie wurden ermordet, starben an Hunger oder Krankheiten oder durch medizinische Experimente.

Gedenkplatte im KZ Ravensbrück (Foto: picture-alliance)

Eine Gedenkplatte erinnert in der Gedenkstätte des KZ Ravensbrück an die Todesopfer

In Ravensbrück waren zwischen 1939 und 1945 mehr als 150.000 Menschen aus mehr als 40 Nationen inhaftiert. Die Häftlinge mussten in rund 40 Außenlagern Zwangsarbeit leisten. Kurz vor Kriegsende trieben SS-Einheiten mehr als 20.000 Häftlinge aus Ravensbrück auf Todesmärsche. Am 30. April 1945 wurden die verbliebenen rund 2.000 kranken Häftlinge von der Roten Armee befreit.

cw/qu (afp, dpa, epd)