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Europa

Gauck dankt Belgien für Versöhnung

1914 war Belgien ein neutrales Land. Trotzdem marschierten deutsche Truppen ein. In Lüttich haben jetzt Könige und Staatschefs des Beginns des Ersten Weltkriegs gedacht - des "Großen Krieges", wie er in Belgien heißt.

"Kann man hier irgendwo William und Kate sehen?", fragt eine Mittfünfzigerin aus Lüttich, die zusammen mit ihrer Freundin am Zaun der alliierten Gedenkstätte im Stadtteil Cointe wartet. Doch sie schwenkt ihren Fotoapparat vergeblich. Die Zeremonie zur Erinnerung an den Kriegsbeginn vor hundert Jahren findet auf der anderen Seite des schlanken weißen Turms der Gedenkstätte statt. Viele Schaulustige wollen einen Blick auf den Prinzen und seine Frau werfen, die Großbritannien bei der Gedenkfeier vertreten. Großbritannien war eine der Garantiemächte, die 1914 über die Neutralität Belgiens wachen sollten. Philippe, der König der Belgier, hatte zum zentralen Gedenken nach Lüttich eingeladen. Neben dem französischen Präsidenten Francois Hollande und dem spanischen König Felipe nahm auch der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck teil.

Der König der Belgier dankte den Alliierten für ihre Unterstützung im Krieg, aber auch bei der Versorgung der hungernden Bevölkerung. "Es war eine bespiellose humanitäre Anstrengung, das kleine tapfere Belgien am Leben zu erhalten", sagte der König mit Blick auf die Lebensmittel, die aus den USA, Kanada und Großbritannien geliefert wurden. "Heute haben wir ein vereintes, friedliches Europa erreicht. Davon konnten unsere Großväter damals nur träumen. Wir müssen weiter an diesem Projekt arbeiten", sagte Phillipe am Fuß des Mahnmals, an dem die Staatsoberhäupter einen Kranz mit weißen Rosen niederlegten. Die Rosen hatten sie zuvor eigenhändig aufgesteckt. Bundespräsident Joachim Gauck sagte, er sei dankbar, dass er als Deutscher in Lüttich sprechen dürfe. Das sei nicht selbstverständlich. "Ich danke alle Belgierinnen und Belgiern, dass sie uns nach zwei Kriegen, nach zweimaligem Überfall auf ihr Land, nach all den Gräueln und dem Elend sehr bald die Hand zur Versöhnung gereicht haben."

Frieden als Verantwortung

Prinz William, Gattin Kate, Präsident Hollande und Präsident Gauck - Foto: Yves Herman (Reuters)

Gemeinsam gedenken: Prinz William, Gattin Kate, Präsident Hollande und Präsident Gauck

Das alte Europa sei heute ein friedlicher Kontinent, sagte der Bundespräsident. Daraus leitet er auch eine Verantwortung der Europäer für die aktuellen Konflikte in der Welt ab. "Frieden und Versöhnung ist möglich. Aus einem Kontinent fortwährender Feindschaft und immer neuer Kriege ist ein Kontinent des Friedens geworden. Diese Zeugenschaft sollte uns aber auch daran erinnern, dass wir eine gemeinsame Verantwortung haben für die Welt. Wir können nicht gleichgültig bleiben, wenn Menschenrechte mißachtet werden, wenn Gewalt angedroht oder ausgeübt wird. Wir müssen aktiv eintreten für Freiheit und Recht, für Aufklärung, für Gerechtigkeit und Humanität."

Die Gedenkfeier endete dann auch mit der Europa-Hymne, dem Schlußsatz aus Beethovens Neunter Sinfonie, gesungen von einem in weiß gekleideten Jugendchor. Die Lütticher Bürger und die breite Öffentlichkeit konnte sich die militärische Zeremonie mit Darbietungen alliierter Militärkapellen nur am Fernseher anschauen.

Belgien leistete vergeblichen Widerstand

König Philippe von Belgien - Foto: Chris Jackson (Getty Images)

Kranzniederlegung: Der belgische König ehrt die Gefallenen

Am 4. August 1914 überschritten deutsche Truppen die belgische Grenze. Das neutrale Land hatte den Deutschen den Durchmarsch nach Frankreich verweigert. Lüttich war damals mit 12 Forts schwer befestigt. Die belgische Armee war allerdings klein und den deutschen Angreifern zahlenmäßig unterlegen. Dennoch leistete Lüttich überraschend einige Tage Widerstand, was in Belgien heute als heldenhafte Tat gefeiert wird. Die deutsche Armee setzte erstmals die "dicke Bertha", eine Kanone mit dem enormen Kaliber von 42 Zentimetern, und einen Zeppelin ein, um Lüttich sturmreif zu schießen. Ende August 1914 fiel auch die letzte große belgische Stadt Antwerpen. Erst in Westflandern am Flüsschen Ijzer kam der deutsche Vormarsch zum Stehen. Ein jahrelanger verlustreicher Stellungskrieg zwischen den Alliierten und den deutschen Truppen entbrannte, in dessen Verlauf auch Giftgas zum Einsatz kam. Die belgische Bevölkerung litt vier Jahre unter einer brutalen deutschen Besatzung. Der damalige belgische König Albert, ein Verwandter des angreifenden deutschen Kaisers, führte die verbliebenen belgischen Truppen selbst im Kampf in Westflandern. Dafür wird er noch heute von den Belgiern verehrt. "Dieser Abwehrkampf war ganz entscheidend und hat praktisch den Fortbestand des belgischen Staates gesichert", so der belgische Historiker Herbert Ruland gegenüber der Deutschen Welle.

Bundespräsident Joachim Gauck besucht am Nachmittag die Stadt Löwen, wo deutsche Truppen die unersetzliche Universitätsbibliothek in Brand steckten. Ende August 1914 wurden große Teile der mittelalterlichen Stadt als Vergeltung für angebliche belgische Freischärler-Angriffe von den Besatzern zerstört.

Gedenken mit Bürgerfest und Eiskaffee

Ausstellung über den Ersten Weltkrieg am Place Lambert - Foto: Bernd Riegert (DW)

Lüttich im Krieg: Ausstellung für die Bürger

Auf dem Lambert-Platz vor dem ehemaligen fürstbischöflichen Palais hatte die Stadt Lüttich große Säulen mit der Aufschrift "Frieden" in mehreren Sprachen installiert. Schautafeln und Kunstwerke erinnerten an die Ereignisse vor hundert Jahren. Mit Musik und Modenschauen aus der damaligen Zeit sollte das Lebensgefühl in Lüttich im Sommer vor dem Ausbruch des Krieges beschworen werden. Hier konnten dann auch Belgier und Touristen einen Blick auf den belgischen Monarchen werfen. Philippe zeigte sich am Nachmittag auf dem Balkon des Palais, allerdings ohne William und Kate. Die fotogenen Mitglieder der britischen Königsfamilie waren bereits nach Mons weitergereist, um auf dort auf einem britischen Soldatenfriedhof der Gefallenen zu gedenken. In der Nähe des Lambert-Platzes serviert Thierry Marée den Besuchern in seinem Café die weltweit bekannte Spezialität Café Liegeois, ein Eiskaffee mit Vanillegeschmack. Dazu erzählen sich die Lütticher eine in Deutschland wenig bekannte Anekdote: Bis zum Ausbruch des Krieges 1914 hieß dieses Getränk in Belgien und Frankreich noch Wiener Kaffee. Da man aber mit Österreich, einem Verbündeten Deutschland nichts mehr zu tun haben wollte, ersetzten die Gastwirte die österreichische Hauptstadt kurzerhand durch Lüttich. Der Name hat sich auch hundert Jahre danach noch gehalten.

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