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Standpunkt

Gastkommentar: Lautsprecherpolitik

In China und den USA droht der Nationalismus die politische Vernunft zu übertrumpfen. Beide Regierungen sollten endlich miteinander statt nur übereinander reden, meint Peter Sturm von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

China und die Vereinigten Staaten reden zurzeit heftig übereinander. Strittige Themen gibt es ja einige. Streit um Einflusszonen ist aber zwischen großen Mächten seit Jahrhunderten üblich. Niemand müsste sich also Sorgen machen, denn es ist ebenso üblich - das allerdings erst seit Jahrzehnten -, dass solche Interessengegensätze politisch ausgetragen und ausgeglichen werden. Wenn allerdings in einem oder gar beiden Ländern Politik nach der Methode "Lautsprecher" gemacht wird, sollte man schon etwas genauer hinschauen.

Im Konflikt China-Amerika haben die Lautsprecher freilich unterschiedliche Qualität. In Washington sieht es zurzeit so aus, als sei ein großes Maß an sachlicher Ahnungslosigkeit im Spiel - zumindest dann, wenn Präsident Trump selbst das Wort ergreift. Die Verlautbarungen aus Peking atmen dagegen ein wenig den Geist des Kindes, das sich unversehens im dunklen Wald wiederfindet und seine Angst durch lautes Pfeifen zu überspielen versucht.

Sturm Peter Frankenberger Frankfurter Allgemeine Zeitung (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Peter Sturm ist Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Das passt ins Bild chinesischer Politik: Peking sieht überall Feinde. In diesem Weltbild werden dann sogar einzelne Parlamentarier aus Hongkong plötzlich ganz groß und gefährlich, nur weil sie (politisch chancenlos) die Unabhängigkeit der chinesischen Sonderverwaltungszone für möglich erklären. Wenn eine Regierung, die so "tickt", nun von einer Macht, die sie aus guten Gründen wirklich ernst nimmt, zu hören bekommt, dass man ihr künftig nicht mehr alles durchgehen lassen werde, sind heftige Reaktionen naheliegend. Wenn sich dann noch nationalistische Kräfte - zum Beispiel im Militär - des Themas bemächtigen, sind auch irrationale Aktionen nicht mehr auszuschließen.

Den Ungeist des Nationalismus hat die chinesische Regierung schon vor Jahren aus der Flasche entweichen lassen, weil er als Legitimation für die Herrschaft der angeblich kommunistischen Partei gut zu gebrauchen war. Jetzt wird die Flasche auch in Washington geöffnet. Dort nennt man das dann "America first". Das kann, muss aber nicht zum Zusammenstoß führen. In beiden Hauptstädten gibt es Menschen, die wissen, wie man "Vernunft" buchstabiert. Sie sollten sich der Mikrofone an den Lautsprechern bemächtigen. Und China und die Vereinigten Staaten sollten miteinander statt immer nur übereinander reden.

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