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Standpunkt

Gastkommentar: Der Terror im Iran und die sunnitische Minderheit

Von den Sunniten im Iran nahm das Ausland bisher kaum Notiz. Das könnte sich nach dem Doppelanschlag von Teheran am Mittwoch jetzt ändern, meint Friederike Böge von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Iran - Terror (IRNA)

Öffentlicher Abschied von den Opfern der beiden Anschläge vom Mittwoch in Teheran

Die Attentäter von Teheran waren Iraner. Sie wurden vom sogenannten "Islamischen Staat" innerhalb des Landes rekrutiert. Und sie stammten aus "bestimmten Regionen" Irans, so die offizielle Darstellung in Teheran. Das lenkt den Blick auf die sunnitische Minderheit in Iran, die je nach Schätzung etwa acht bis zehn Prozent der Bevölkerung ausmacht und vor allem in den Grenzregionen zu Irak, Turkmenistan, Afghanistan und Pakistan stark vertreten ist.

Die Sunniten stehen in der Zentralregierung in Teheran von jeher unter Verdacht, unsichere Kantonisten zu sein. Deshalb ist die Minderheitenpolitik des Landes untrennbar mit der Sicherheitspolitik verknüpft. Nicht zufällig ist der amtierende Sonderbeauftragte des Präsidenten für Minderheitenfragen, Ali Younesi, ein früherer Geheimdienstchef.

Trotz Benachteiligung kaum Sympathie für Extremisten

Irans Sunniten klagen seit langem über mangelnde politische Partizipation, die Unterentwicklung der Grenzprovinzen, die Verwehrung von verfassungsrechtlich garantiertem Schulunterricht in nicht-persischer Sprache und vor allem das harsche Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen friedlich vorgetragenen Protest. Bislang gab es dennoch wenig Sympathien unter Irans Sunniten für die dschihadistischen Bewegungen in der Region.

Kommentarbild Friederike Böge (F.A.Z./ Wolfgang Eilmes)

Friederike Böge ist Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Die Kriege in Irak und Syrien stellen ihre Loyalität aber auf eine harte Probe. Von Iran unterstützte schiitische Milizen gehen in den beiden Nachbarländern mit großer Brutalität nicht nur gegen sunnitische Terrorgruppen vor, sondern auch gegen sunnitische Zivilisten, denen sie eine Nähe zu solchen Gruppen unterstellen.

Der IS jedenfalls scheint zu hoffen, in den Reihen der Sunniten Hass auf die Zentralregierung säen zu können. In den vergangenen Monaten hat die Terrorgruppe ihre Propaganda in persischer Sprache deutlich ausgebaut. Im März erschien ein Video, in dem sunnitische Iraner offen zum Aufstand gegen das schiitische Regime aufgerufen wurden.

Die Propaganda bleibt nicht ohne Widerhall: Im August vergangenen Jahres gab der iranische Geheimdienstminister bekannt, dass bereits 1500 junge Iraner versucht hätten, sich dem IS anzuschließen, was aber verhindert worden sei. Nach offiziellen Angaben wurden in den vergangenen Jahren zudem 58 mit dem IS verbündete Terrorzellen enttarnt.

An Versuchen, Iran zu treffen, hat es also nicht gemangelt. Dass es den Dschihadisten nicht schon vor dem Mittwoch dieser Woche gelungen ist, erstmals auf iranischem Boden zuzuschlagen, ist vor allem den allgegenwärtigen iranischen Geheimdiensten mit ihrem überbordenden Überwachungsapparat zuzuschreiben.

Vergeltung für den Gesichtsverlust des Sicherheitsapparats?

Der Doppelanschlag vom Mittwoch mitten in Teheran, noch dazu auf hochsymbolische Ziele wie das Parlament und das Grabmal des ersten Revolutionsführers Ajatollah Ruhollah Chomeini, bedeutet für die Sicherheitsbehörden einen enormen Gesichtsverlust. Für sie wird die Versuchung groß sein, die Überwachung und robuste Präsenz gerade in jenen Regionen weiter auszubauen, in denen der Anteil der Minderheiten groß ist. Präsident Hassan Rohani allerdings wird alles daransetzen, dies zu vermeiden. Denn er hat bei seiner Wiederwahl im Mai in den von Sunniten bewohnten Provinzen einen überdurchschnittlich hohen Anteil der Stimmen erhalten.

Das weitere Vorgehen wird nun davon abhängen, welche Hintergründe über die Attentäter von Teheran noch zutage treten. Besonders harsch wird die Reaktion sein, wenn sich herausstellt, dass die Terrorzelle mit Unterstützung des saudischen Geheimdienstes handelte, dem Erzrivalen, mit dem Iran um die Vorherrschaft in der Region ringt. Selbst den Revolutionsgarden in Iran dürfte allerdings klar sein, dass eine weitere Entfremdung der eigenen sunnitischen Bevölkerung einen Teufelskreis in Gang setzen könnte, von dem vor allem der IS profitieren würde.

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