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Deutschland

Gastarbeiter: Die ewige Sehnsucht nach Portugal

Seit den 1960er Jahren hat es viele Portugiesen zum Arbeiten nach Deutschland gezogen. Ihr Plan: Im Ausland Geld verdienen und dann zurück in die Heimat gehen. Für manche von ihnen kam es aber anders.

Der millionste Gastarbeiter Armando Rodrigues auf seinem neuen Moped (Archivbild)

Der einmillionste Gastarbeiter in Deutschland kam aus Portugal

Adelino S. erinnert sich noch genau an seine Ankunft in Deutschland. Das war im Juni 1961, kurz vor seinem 23. Geburtstag. Ein Freund in Köln besorgte ihm eine Unterkunft und einen Job. Adelino S. war eigentlich als Tourist nach Köln gekommen, aber dann spontan als Arbeitnehmer geblieben. Auch heute lebt der inzwischen 75-jährige Witwer noch in Deutschland.

Ulrich Tings arbeitet in der Katholischen Portugiesischen Mission in Krefeld und Mönchengladbach. Durch seine Arbeit hat er engen Kontakt zu portugiesischen Migranten, auch zu jenen, die als sogenannte

Gastarbeiter

in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen sind. Doch schätzungsweise 90 Prozent der Portugiesen dieser ersten Generation hätten Deutschland wieder verlassen, so Tings. Die meisten portugiesischen Gastarbeiter seien nach Deutschland gekommen, um Arbeit zu finden. Viele junge Leute fürchteten auch die Diktatur von Antonio de Oliveira Salazar, die erst 1974 durch die sogenannte Nelkenrevolution beendet wurde.

Anwerbeabkommen mit Portugal wird 50 Jahre alt

Auch Adelino S. hatte seine Heimat wegen der politischen Verhältnisse verlassen. In Deutschland fühlte er sich sicher und willkommen. Heute erinnert er sich noch gerne an die ersten Jahre: "Damals in Köln haben wir immer die Schlachtplatte gegessen. Die gab es damals in den Kneipen." Zu dem deftigen Fleischgericht hat er aber kein Kölsch getrunken, wie in der Rheinmetropole üblich, sondern Milch. "Uns hatte jemand gesagt, dass die Deutschen zu jeder Mahlzeit Milch trinken würden. Und das haben wir dann auch gemacht." Adelino S. hatte sich schnell in Deutschland integriert. Und ein paar Jahre später verliebte er sich und heiratete eine Deutsche.

Nelkenrevolution in Portugal (Foto: casacomun)

Adelino S. fürchtete die Diktatur in Portugal, die mit der Nelkenrevolution 1974 ein Ende fand

Genau wie er sind in den 1960er Jahren viele junge Menschen aus ganz Europa in die Bundesrepublik gekommen. Die Wirtschaft brummte und Arbeiter wurden dringend gesucht. Deswegen unterzeichnete die Regierung auch Anwerbeabkommen mit anderen Ländern, um gezielt Arbeitskräfte anzuheuern. Das Anwerbeabkommen mit Portugal feiert am 17. März 2014 sein 50-jähriges Jubiläum. Die Arbeitslosigkeit in Portugal war zu jener Zeit hoch - und die Perspektive, im fernen Deutschland zu arbeiten, Geld zu sparen, für viele attraktiv.

Bangen um die Aufenthaltsgenehmigung

"Die portugiesischen Migranten sind heute sehr gut integriert", weiß Tings von der Katholischen Portugiesischen Mission. "Viele sind zugleich auch sehr stolz auf ihr Vaterland." Und gingen deswegen irgendwann wieder zurück, erklärt er. Auch Margarida C. und ihr Mann Miguel träumen davon, ihren Lebensabend in der geliebten Heimat zu verbringen. Die beiden sind schon seit 1988 in Krefeld. Dass sie nach Deutschland gezogen sind, war eine spontane Entscheidung. Das Ehepaar war damals zu Besuch bei Verwandten und ist dann einfach geblieben. "Wir sind an einem Sonntagmittag hier angekommen. Und am nächsten Morgen fragte mich schon meine Schwägerin, ob ich mit ihr zu ihrer Arbeitsstelle gehen will, um nach einem Job zu fragen. Da habe ich zugesagt." Margarida C. wurde eine Tätigkeit als Reinigungskraft angeboten. Ihr Hab und Gut haben sie und ihr Mann dann in Portugal zurückgelassen. Ihre Stelle als Altenpflegerin in Portugal kündigte sie.

Der Anfang in der Fremde war schwer - vor allem, weil ihr Mann Miguel nicht sofort einen Job gefunden hat und das Paar daher um die Aufenthaltsgenehmigung bangen musste. Der Druck zu arbeiten war groß. Schließlich wurde Miguel C. doch noch fündig. Und das Paar konnte bleiben. Beide sprachen zunächst kein Deutsch, gelernt haben sie es nach und nach im Alltag, durch Gespräche mit Kollegen und Nachbarn. Margarida C. sagt, dass sie sich in Deutschland sehr willkommen gefühlt habe.

Wenn Migration krank macht

An ihrem Wohnort am Niederrhein ist Margarida C. bestens vernetzt und integriert: Die heute 55-Jährige engagiert sich im Gemeinderat der Katholischen Portugiesischen Mission und ist seit vielen Jahren Mitglied einer portugiesischen Folkloregruppe. Margarida C. liebt diese Musik, sie erinnert sie an ihre Kindheit und Jugend in Portugal: "Ich vermisse meine Familie in Portugal. Ich möchte gerne wieder zurück. Aber wann? Das wissen wir nicht."

Gastarbeiter in Deutschland (Archivbild)

Viele Menschen kamen in den 1960er Jahren zum Arbeiten nach Deutschland

Die Sehnsucht nach Portugal ist bei ihrem Mann Miguel noch größer. Seit Jahren fühlt er sich zwischen Deutschland und seiner Heimat zerrissen. Aus finanziellen Gründen war eine Heimkehr der beiden bis heute nicht möglich. Die innere Zerrissenheit führte bei Miguel C. schließlich zu einer Depression, die ihn zum Frührentner machte. "Er ist viel Zuhause und hat nur wenige Kontakte", erklärt seine Frau. Dies belaste auch sie sehr.

"Viele der Älteren sind zurückgegangen"

Ulrich Tings macht sich Sorgen um Miguel C. Er kennt ihn und seine Frau durch die Mission: "Die Migration ist ihm auf die Seele geschlagen." So wie das Paar träumen viele von einer Rückkehr nach Portugal. Dabei haben es Rückkehrer in der alten Heimat nicht unbedingt einfacher: "Viele merken dann, dass sie nicht mehr so Fuß fassen können, wie gewünscht", weiß Tings aus Erfahrung. In Portugal werden sie als "alemães", also als Deutsche, bezeichnet.

Adelino S. ist eine Ausnahme. Er will seinen Lebensabend in Deutschland verbringen. "Viele der Älteren sind nach Portugal zurückgegangen. Aber die Kinder und Enkelkinder sind alle geblieben", sagt er. Auch seine Kinder leben in Deutschland und Italien. Einmal im Jahr besucht er noch seine Schwester in Lissabon. Aber sein Leben findet hier statt. "Was sollen wir da, wenn wir hier unsere Familien haben? In Portugal sind wir doch schon zweite Klasse."

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