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Demokratie

Gambia: Das Ende der Euphorie

Vor sechs Monaten wurde Adama Barrow zum neuen Präsidenten Gambias gewählt. Nach 22 Jahren Diktatur feierten viele Gambier den Sieg des Oppositionspolitikers frenetisch. Doch die Stimmung ist abgekühlt.

Selten hat eine Wahl so viele Hoffnungen auf dem afrikanischen Kontinent geweckt, wie die von Adama Barrow. Viele Gambier hofften, dass sein Sieg eine neue Ära für ihr Land einläuten würde. Zehntausende feierten den Sieg des bis dahin kaum bekannten Geschäftsmannes im Dezember 2016 auf den Straßen der Hauptstadt Banjul. Autokonvois fuhren hupend durch die Stadt, Menschen tanzten gemeinsam und riefen in Sprechchören Barrows Namen. Sie hofften, dass die Wahl eine Zeitenwende markieren würde: Das Ende der Herrschaft des autoritären Langzeitpräsidenten Yahya Jammeh und der Aufbrauch des Landes in eine bessere Zukunft.

Nun ist Adama Barrow seit sechs Monaten im Amt. Aus Euphorie ist Ernüchterung geworden. Dabei wollte der neue Mann an der Spitze vieles ändern. Er versprach den Gambiern Freiheit, Demokratie, Fortschritt und Wohlstand. Doch viel hat sich bisher noch nicht getan - das von ihm versprochene "neue Gambia" liegt noch in weiter Ferne. "Es herrscht so viel Chaos und Ungewissheit, wir wissen nicht einmal, wohin uns diese Regierung führt", sagt die Studentin Mariama Danso im DW-Gespräch.

 Unterstützer Adama Barrow jubeln und schwenken die gambische Fahne (Reuters/T. Gouegnon)

Barrow-Unterstützer feiern die Vereidigung des neuen Präsidenten im Senegal

Die Gambier sind geteilter Meinung. Manche teilen die Meinung von Mariama Danso, die Regierung würde dringend notwendige Reformen nicht schnell genug auf den Weg bringen. Andere sagen, es brauche Zeit und Ressourcen, um 22 Jahre Missmanagement und Veruntreuung durch seinen Amtsvorgänger Jammeh und dessen Regierung aufzuarbeiten. "In meinen Augen hat er bisher viel erreicht", sagt der Barrow-Anhänger Lamin Saidykhan. "Seit seinem Amtsantritt werden erstmals demokratische Grundsätze geachtet. Wir haben endlich Presse- und Meinungsfreiheit."

Schweres Erbe für Barrow

Denn Barrow trat ein schweres Erbe an. Sein Amtsvorgänger Yahya Jammeh hatte das kleine westafrikanische Land jahrzehntelang ausgeplündert. Er unterdrückte die Opposition, ließ kritische Diplomaten ausweisen und Regimekritiker von der Bildfläche verschwinden. Journalisten landeten im Gefängnis oder wurden am hellichten Tag erschossen. Auch bei seinen Wahlsiegen soll der Autokrat kräftig mitgeholfen haben: Opposition und unabhängige Beobachter warfen im mehrmals Wahlbetrug vor. 2011 hatte der die letzten Präsidentschaftswahlen noch mit 72 Prozent der Stimmen gewonnen. Bei den Wahlen im Dezember kam er dann überraschend nur auf 39,6 Prozent der Stimmen. Barrow gewann klar mit 43,3.

Zunächst kündigte Jammeh an, die Niederlage zu akzeptieren - zur Verblüffung der Opposition und internationaler Beobachter. Eine Woche später änderte er seine Meinung. Wahlsieger Barrow floh in den Senegal, wo er als Präsident vereidigt wurde. Die westafrikanische Staatengemeinschaft ECOWAS schickte Truppen, um Jammeh zum Aufgeben zu bewegen. Ende Januar gab er schließlich dem Druck nach und ging ins Exil nach Äquatorialguinea. Zuvor aber plünderte er noch ordentlich die ohnehin schon leere Staatskasse. 10 Millionen Euro soll er gestohlen haben.

Ex-Präsident Jammeh winkt Anhängern aus einer Flugzeugtür zu (Picture-Alliance/dpa/J. Delay)

Vor seinem Gang ins Exil plünderte Ex-Präsident Jammeh die Staatskasse

An diesem finanziellen Erbe drohe die frisch vereidigte Regierung zu scheitern, sagt der Ökonom Nyan Nije. "Barrows größte Herausforderung ist es, eine starke Wirtschaftsführung zu etablieren", sagt Nije, der früher als Berater im Finanzministerium tätig. "Diese braucht die Regierung dringend, um Regierungs- und Wirtschaftsinstitutionen im Land wiederherzustellen." Nur so könne Gambia ein Rechtsstaat werden.

Zu viel Zeit vergeudet?

Die Regierung habe seit Jammehs Rücktritt zu viel Zeit vergeudet, kritisiert der senegalesische Analyst Malamine Bodian. "Die ersten sechs Monate haben kaum Veränderungen gebracht." Die Gambier seien enttäuscht. Es herrsche zwar endlich Pressefreiheit, aber die innere Sicherheit sei bedroht. "Es gibt immer mehr bewaffnete Überfälle, auch der Drogenhandel nimmt alarmierende Ausmaße an", so Bodian. Gerüchte, dass Jammeh-treue Soldaten einen Putsch planen, hält der Politikwissenschafter Amadou Fall für unwahrscheinlich. "Ich denke, die größte Gefahr für das Land ist die mangelnde Erfahrung der Leute, die jetzt in der Regierung sitzen." 

Freiwillige Rückkehrer aus Libyen stehen auf dem Flughafen in Banjul in einer Schlange (Reuters/L. Gnago)

Tausende Gambier sind seit Barrows Amtsantritt freiwillig zurückgekehrt.

Denn große politische Erfahrung hat Adama Barrow nicht: In England hat er für ein paar Jahre als Wachmann gearbeitet. In Gambia war er lange als Immobilienmakler und Bauunternehmer tätig. Während seine Regierung versucht, den abgewirtschaften Staat in Schwung zu bringen, warten viele Gambier auf die Umsetzung seiner Wahlversprechen. Sie wollen bessere Lebensbedingungen und Arbeitsplätze. Die Bevölkerung ist im Schnitt gerade mal 19 Jahre alt und lebt von nur einem Euro am Tag.

Viele hoffen auf ein besseres Leben in Europa - gemessen an der Gesamtbevölkerung hat Gambia eine der höchsten Auswanderungsraten der Welt. Die Regierung müsse diesen jungen Menschen zwingend eine Perspektive bieten, dabei müsse man allerdings nach vorne schauen, meinen viele Gambier. "Jammeh ist jetzt weg. Die Regierung muss aufhören, ihn für alles, was im Land passiert verantwortlich zu machen", sagt die Studentin Mariama Danso. "Wir müssen aus seinen Fehlern lernen und eine Lösung für unsere Probleme finden."

Mitarbeit: Mamadou Alpha Diallo, Omar Wally und Christina Krippahl

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