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Dramatische Stunden in Banjul

Gambias Autokrat gibt auf

Yahya Jammeh tritt ab und steht kurz davor, Gambia zu verlassen. DW-Korrespondent Adrian Kriesch berichtet über die nervenaufreibenden Verhandlungen, die das Land vor einem Krieg bewahrten.

Freitagmittag in Gambias Hauptstadt Banjul. Die Straßen vor dem State House sind menschenleer. Plötzlich treffen mehrere Autos in einem Konvoi ein. Zwei Rolls-Royce sind dabei, in ihnen sitzen die Präsidenten Mauretaniens und Guineas. Sie sind gekommen um ein letztes Mal mit Yahya Jammeh zu verhandeln. Dem Besitzer der Rolls-Royce. Sein Name ist sogar in die Kopfstützen im Auto eingraviert. Dem Besitzer Gambias, sagen manche Gambier spöttisch. Dem Mann, der nach 22 Jahren im Amt und trotz einer Wahlniederlage nicht abtreten will.

Die westafrikanische Staatengemeinschaft ECOWAS hat Jammeh aufgefordert, bis 12.00 Uhr zurückzutreten. Danach werde einmarschiert. Tausende Soldaten aus dem Senegal, Nigeria und Ghana stehen kampfbereit, einige bereits auf gambischen Boden. Die Frist verstreicht.

"Wir sind doch keine Idioten!"

14.30 Uhr. Plötzlich Bewegung zwei Straßen weiter. Dutzende Männer kommen aus einer Moschee, das Freitagsgebet ist vorbei. Mit dabei: Ousman Bargie, Chef der gambischen Streitkräfte. Er ist äußerst gut gelaunt. Junge Männer knipsen Selfies mit ihm, Bargie macht mit den Fingern das Peace-Zeichen. "Es wird keinen Krieg geben", sagt er der DW. "Wir sind doch keine Idioten! Ich liebe meine Soldaten und die Gambier." Bargie spricht das erste Mal von Jammeh als Ex-Präsidenten und sieht einer möglichen Militärintervention gelassen entgegen: "Falls unsere Brüder hierher geschickt werden, werden wir sie mit einer Tasse Tee willkommen heißen." Die Meute um ihn jubelt. "Das sind definitiv gute Nachrichten, Gott sei dank", sagt jemand. "Eine friedliche Lösung, das ist meines Erachtens das Beste", ergänzt sein Nebenmann.

Ousman Bargie (DW/A. Kriesch)

Generalstabschef Ousman Bargie

Nur wenige hundert Meter weiter kämpft Jammeh um seine Macht. Im Dezember 2016 hatte er völlig überraschend die Wahlen verloren – trotz jahrelanger Einschüchterungen der Opposition und massiven Menschenrechtsverletzungen. Zunächst akzeptierte er das Ergebnis und gratulierte dem Sieger Adama Barrow. Doch wenige Tage später forderte er Neuwahlen. Er spricht von Unregelmäßigkeiten und will eine Entscheidung vom Obersten Gerichtshof des Landes. Der hat jedoch nur noch einen Richter und kann nicht entscheiden, nachdem Jammeh vor Jahren alle anderen gefeuert hatte. Also will Jammeh so lange im Amt bleiben, bis Nigeria und Sierra Leone Richter schicken, was erst im Mai möglich sei.

Freundeskreis wird kleiner

Also pokert Jammeh weiter. Ruft den Ausnahmezustand aus. Löst sein Kabinett auf. Viele Beobachter glauben, er wolle bei der ECOWAS einen besseren Amnestie-Deal für sich und vor allem für seine Vertrauten aushandeln. Doch der Kreis seiner Freunde wird immer kleiner. Etliche Minister haben längst den Hut geworfen, die Vizepräsidentin, sein Anwalt.

Auch im Ausland hat er es sich längst verscherzt. Seine Verhandlungspartner bei der ECOWAS sind fast alles Staatschefs, die selbst lange in der Opposition waren und demokratisch gewählt wurden – Buhari in Nigeria, Ouattara in der Elfenbeinküste, Sal im Senegal, Akufo-Addo in Ghana. Und bei der ECOWAS-Vorsitzenden verliert er das Vertrauen spätestens, als er im staatlichen Fernsehen ein privates Telefongespräch der beiden veröffentlichen lässt. Die letzten guten Kontakte: Mauretaniens Mohamed Ould Abdel Aziz, selbst ehemaliger Putschist, und Guineas Alpha Conde, einer der wenigen öffentlichen Kritiker einer Militäraktion in Gambia.

Roter Teppich ohne Jammeh

16 Uhr. Die nächste Deadline verstreicht. Am Flughafen von Banjul stellt sich das Militärorchester auf, die Präsidenten werden erwartet. Auf der anderen Seite des Flughafens steigen die letzten Pauschaltouristen in zwei Thomas Cook-Flieger. Tausende wurden in den letzten Tagen ausgeflogen, die Tourismus-Industrie ist über Nacht so gut wie erledigt.

Die Musiker setzen die Instrumente an, doch es kommen nur zwei Diplomatenfahrzeuge Guineas, laden Gepäck aus einem Privatflugzeug. Der Flieger hebt leer ab, Soldaten rollen den roten Teppich wieder ein, die Kapelle packt zusammen. Der mauretanische Nationalflieger parkt weiter neben der Startbahn. Jammeh bleibt im Land. Noch.

Gambia Soldaten Am Flughafen (DW/A. Kriesch)

Der rote Teppich wird eingerollt

Bis in die Nacht werden weiter Details verhandelt, Rolls-Royce pendeln zwischen dem State House und einem Hotel. Kurz nach zwei Uhr in der Nacht hält Jammeh eine Rede im Staatsfernsehen. Seine Letzte. Ein Blutvergießen sei unnötig, er trete zurück.

Auf den Straßen bleibt es ruhig, keine Feiern. Gambia ist müde, ausgelaugt von der langen Ungewissheit und Anspannung. Feiern wollen viele Gambier erst, wenn wirklich alles klar und Jammeh außer Landes ist – und Präsident Barrow zurück in Gambia.