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Wirtschaft

Fusionitis light

Fast drei Jahre lag das Geschäft für Unternehmensfusionen am Boden. Seit Jahresbeginn steigt die Zahl der Firmenübernahmen wieder. In den Investmentbanken wittern die Vermittler von Firmenhochzeiten Morgenluft.

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Meister Proper auf Brautschau: Procter & Gamble heizt das Übernahmefieber an

Der Markt für Unternehmensübernahmen regt sich. Spätestens seit der kanadische Aluminiumkonzern Alcan die feindliche Übernahme seines französischen Konkurrenten Pechiney angekündigt hat, keimt die Hoffnung in den Investmentbank-Etagen, dass sich die mageren Zeiten dem Ende nähern.

Derzeit steigt die Zahl der strategischen Fusionen und Übernahmen wieder. Im Banker-Jargon heißt das "Mergers and Acquisitions", kurz "M & A". In den vergangenen Jahren waren es hauptsächlich Unternehmensteile, die den Besitzer wechselten, weil die Verkäufer ihre tiefroten Bilanzen aufmöbeln mussten.

Die fetten Jahre sind vorbei

Ein Beispiel ist die geplante Übernahme des amerikanischen Spezialisten für Unternehmens-Software Peoplesoft durch den Branchengiganten Oracle. Für den strategischen Schachzug ist der exzentrische Oracle-Boss Larry Ellison bereit, mehr als sechs Milliarden US-Dollar auf den Tisch zu blättern. Der Deal ist zwar immer noch klein im Vergleich zur Riesen-Übernahme von Mannesmann durch Vodafone, bei der die Briten mehr als 200 Milliarden Euro für den Düsseldorfer Mischkonzern aufbringen mussten.

Doch die Fusions-Spezialisten in den Investmentbanken sind bescheiden geworden. Zwei magere Jahre haben den Glanz der ehemaligen Stars im internationalen Finanzzirkus verblassen lassen. Von knapp vier Billionen US-Dollar im Rekordjahr 2000 stürzte der Weltmarkt für Fusionen und Übernahmen auf etwas mehr als eine Billion US-Dollar im vergangenen Jahr ab.

Zu viele Fehlinvestitionen

Tausende von Übernahmespezialisten wurden auf die Straße gesetzt. Von rund 500 M & A-Experten etwa bei J.P. Morgan in Frankfurt ist nur die Hälfte übrig geblieben. Die Zahlen bei der Konkurrenz sehen ähnlich aus. Von den restlichen Investment-Bankern erwarten die übernahmebereiten Unternehmen, dass Transaktionen bis ins kleinste Detail durchleuchtet werden.

Kein Wunder: Zu viele Unternehmens-Hochzeiten, die in den Jahren der M & A-Hysterie von den Bankern gestiftet worden waren, hatten sich in teure Flops verwandelt. Am Ende zog etwa BMW die Notbremse und trennte sich von der britischen Tochter Rover, die den Münchnern außer Rekordverlusten nichts eingebracht hatte.

Übernahmeschlachten auf Niedrigzinsniveau

Seit dem Absturz der Aktienkurse wird nur noch ein Bruchteil der Geschäfte mit eigenen Aktien bezahlt. Dafür locken stabile Zinsen auf historisch niedrigem Niveau und eine geringe Inflation potenzielle Firmenkäufer. Dazu kommt, das amerikanische Konzerne wie Exxon oder Johnson & Johnson über prall gefüllte Kriegskassen verfügen und auf niedrig bewertete europäische Traditionsmarken schielen. Die Übernahme des deutschen Kosmetik-Konzerns Wella durch Proctor & Gamble für mehr als sieben Milliarden Euro sehen viele Beobachter nur als Auftakt für die Einkaufstour amerikanischer Unternehmen in "Old Europe".

Deutschland im Abseits

Ebenfalls viel M & A-Potenzial steckt in der weiteren Entflechtung der Deutschland AG, die – entgegen aller Ankündigungen - noch immer in den Kinderschuhen steckt. Erst vor kurzem hatte Josef Ackermann, ehemaliger Investment-Banker und seit Mai 2002 Chef der Deutschen Bank, angekündigt, die Firmenbeteiligungen seines Geldhauses konsequent verkaufen zu wollen. Und die Deutsche-Bank-Beteiligungen können sich sehen lassen: Zwölf Prozent an DaimlerChrysler, etwa 3,5 Prozent an der Allianz, zehn Prozent an Linde, und knapp 30 Prozent am Axel-Springer-Verlag stehen auf Josef Ackermanns Verkaufsliste.

Noch hat der Fusionitis-Boom Deutschland links liegen gelassen. Im ersten Quartal 2003 wurden lediglich 312 M & A-Geschäfte abgewickelt, gut 16 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Doch selbst der Präsident des Bundeskartellamtes Ulf Böge rechnet damit, dass es mit der Stabilisierung des Aktienmarktes auch in Deutschland zu mehr Fusionen kommen wird. Kapital, das nach einer guten Anlage suche, sei hinreichend vorhanden, meint der oberste Wettbewerbshüter. Der für Konzerne steuerlich interessante Verkauf von Beteiligungen, die nicht zum Kerngeschäft zählen, geht weiter.

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