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Asien

Frisches Gemüse vom Balkon in Vietnam

"Urban Gardening", der Trend zum eigenen Anbau von Obst und Gemüse in der Stadt, hat inzwischen auch Vietnam erreicht. Immer mehr Vietnamesen wollen sicher gehen, dass ihr Essen nicht belastet ist.

Das Misstrauen der Verbraucher in Vietnam ist groß. Fast kein Tag vergeht, an dem die Medien nicht über einen neuen Lebensmittelskandal berichten. Dabei geht es einerseits um mangelnde Hygiene und daraus folgende Erkrankungen.

2015 gab es nach Angaben der Behörde für Lebensmittelsicherheit in Vietnam 171 Fälle von Lebensmittelvergiftungen. 5000 Menschen waren davon betroffen, 23 starben. Andererseits geht es um die wachsende Belastung von Gemüse und Obst mit Pflanzenschutzmitteln. Im Fokus stehen dabei oft Importe aus China, aber immer mehr auch heimische Produkte.

Trend zum urbanen Gartenbau

"Sauberes und sicheres Gemüse", wie das Schlagwort der Stunde lautet, ist in Großstädten wie Hanoi und Saigon, aber zunehmend auch auf dem Land ein viel diskutiertes Thema. Die Verbraucher sind verunsichert. Auf den Märkten sprechen sie darüber, wo saubere Lebensmittel angebaut und verkauft werden. Viele Menschen betreiben einen erheblichen Aufwand, um beim Händler ihres Vertrauens einzukaufen.

"Die meisten Bewohner Hanois haben genaue Vorstellungen davon, wo sie welches Produkt kaufen", berichtet die Südostasienwissenschaftlerin Sandra Kurfürst im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Sie sind bereit, durch die halbe Stadt zu fahren, um bei einem bestimmten Händler das Fleisch, bei einem anderen das Gemüse und bei einem dritten Öl und Reis zu kaufen." Wer den Stau in Hanoi kennt, weiß, dass der Einkauf unter diesen Voraussetzungen mitunter Stunden dauern kann.

Mitten in Hanoi hockt ein urbaner Gärtner vor seinen Gemüsebeeten (Foto: S. Kurfürst)

Mitten in der Millionenstadt Hanoi: Ein Anwohner nutzt eine Brachfläche für den Gemüseanbau

Um den Risiken schlechter Lebensmittel zu entgehen, setzen viele Angehörige der Mittelschicht in Hanoi inzwischen auf eine Alternative: Eigenanbau auf Brachflächen zwischen den Häusern, auf Balkonen und auf Dächern. Sandra Kurfürst vom "Global South Studies Center" an der Universität Köln hat den Trend zur Selbstversorgung 2014 und 2015 erforscht. Dass die Selbstversorgung mit sauberem Gemüse in Vietnam ein "heißes Thema" ist, sei schnell klar geworden.

"Die Menschen hatten Lust, ihre urbanen Gärten zu zeigen und davon zu erzählen", sasgt Kurfürst. Die Hauptmotivation sei dabei die Lebensmittelsicherheit, aber auch Stressabbau spiele eine Rolle im hektischen Leben der Metropole. Angebaut werden vor allem Kräuter wie Koriander und Thai-Basilikum, aber auch Sojasprossen für die klassische Reissuppe für kleine Kinder und Kranke sowie Gemüse, beispielsweise Tomaten, Kohlrabi und Chilis.

Begrenztes Umweltbewusstsein

Den Trend haben inzwischen auch die lokalen Medien aufgegriffen. "Es wird nicht nur viel über Lebensmittelsicherheit berichtet, sondern auch über den heimischen Anbau von Obst und Gemüse." In den Sozialen Medien wie Facebook gibt es große Gruppen, in denen sich vor allem junge Leute über die besten Anbautechniken austauschen, sagt Kurfürst.

Bund rote Perilla aus Selbstanbau (Foto: S. Kurfürst)

Frische Kräuter sind ein essentieller Bestandteil der vietnamesischen Küche

Sie beobachtet aber gleichzeitig ein mangelhaftes Bewusstsein für den größeren Zusammenhang: "Solange die Leute das selbst anbauen, gehen sie davon aus, auf der sicheren Seite zu sein. Egal wo die Erde oder das Wasser herkommen. Das Bewusstsein für darüber hinausgehenden Umweltschutz ist oft noch nicht da."

Sie berichtet von einem Fall am Westsee Hanois, wo die urbanen Gärtner ein Brachland genutzt haben. Dahinter stehe ein Hotel, das Abwässer unkgeklärt in den See leite. Die Menschen nutzten den See dann als Quelle für die Bewässerung ihres Gemüses. Hier sei noch viel Aufklärung nötig, meint Kurfürst.

Regierung handelt

Da der Anbau auf Dächern und Balkonen nicht ausreicht, um eine ganze Familie zu ernähren, müssen die meisten noch zusätzlich einkaufen gehen. Hier setzt die Regierung an. Aufgeschreckt durch zwei Cholera-Ausbrüchen 2007 und 2008 gab es landesweite Hygienekampagnen. Allein 2007 hatten sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation 1880 Menschen mit dem Brechdurchfall infiziert.

Aufklärung fand etwa mit Informationsblättern über die Volkskomitees bis in die Familien statt. "Es sind verschiedene Gesetze zur Lebensmittelsicherheit verabschiedet worden", weiß Kurfürst. Die Gesetze von 2008 und 2011 regeln die Rechte und Pflichten von Firmen und Bürgern, die in der Lebensmittelindustrie oder im Restaurantgewerbe arbeiten. Kurfürst urteilt: "Das sind gute erste Schritte, die in die richtige Richtung gehen, aber mit der Implementierung hakt es noch." Das liege unter anderem daran, dass es an Kapazitäten fehle, um die gesetzlichen Standards flächendeckend zu überprüfen.

Gartenanlage in Hanoi vor weißen Hochhäusern (Foto: S. Kurfürst)

Die Stadt Hanoi wächst rasant. Auf den Freiflächen zwischen den Hochhäusern wird gegärtnert.

Die Regierung setzt insbesondere auf den Ausbau von Supermärkten. "Es gibt einen nationalen Standard, nach dem die Lebensmittel im Supermarkt geprüft werden", sagt Kurfürst und hält das für einen sinnvollen Schritt. "Der Aufbau von Supermärkten ist nachvollziehbar im Zuge von Urbanisierung und Modernisierung, um einen gewissen Hygienestandard zu erreichen. Doch entspricht dies nicht dem Konsum- und Einkaufsverhalten von vielen Hanoiern, die lieber auf den lokalen Märkten oder bei den Straßenhändlern einkaufen."

Das mag an den höheren Preisen im Supermarkt oder an der Gewohnheit liegen. Denn in vielerlei Hinsicht ist die alte dörfliche Struktur der Hanoier Viertel und damit die Konzentration auf den Markt im eigenen oder im Nachbarviertel noch weit verbreitet.

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