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Wissen & Umwelt

Vision einer nachhaltigen Zukunft

"Leben und wirtschaften, ohne unseren Planeten zu zerstören", das wünscht sich Umweltministerin Barbara Hendricks auf der Klimakonferenz des Deutschen Städte- und Gemeindesbundes in Bonn. Und der Vorsatz der Kommunen?

Den 28. Juli 2014 wird Jürgen Langenberg sein Leben lang nicht vergessen. Der Branddirektor der Feuerwehr Münster zeigt Fotos und berichtet von dem Starkregen, der die Straßen damals in reißende Flüsse verwandelte. Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war nie so viel Regen in der westfälischen Stadt hernieder geprasselt.

Autos wurden unter herabstürzenden Bäumen begraben. Die Einsatzwagen von Feuerwehr, Rettungsdiensten und Polizei blieben in den Fluten stecken. Zwei Menschen starben. Gräber auf dem Friedhof sackten ab. Die Pumpwerke und die Zentralsteuerung des Abwassersystems konnten die Mengen nicht mehr verteilen, sie versagten ihren Dienst. Mehr als 10.000 Tonnen musste die Stadtreinigung entsorgen, Möbel und Hausrat, die unbrauchbar geworden waren. "Sonst fallen 6000 Tonnen Sperrgut an in einem Jahr", relativiert Langenberg die Menge. Durch das Unwetter entstanden Schäden in Höhe von 290 Millionen Euro.

Steigendes Hochwasser auf der Stadtstrecke der Elbe in Magdeburg (Foto: picture alliance).

Aus Schaden gelernt - Elbehochwasser 2013 bei Magdeburg

Solch ein Ereignis kann jede Stadt, jedes Dorf in Deutschland treffen. Darüber sind sich die Teilnehmer der Klimakonferenz des Deutschen Städte- und Gemeindesbundes (DStGB) einig. Solche Szenarien könnten die Regel werden, warnte auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) in ihrer Rede. "Zehn der wärmsten Jahre mit Starkregen, Hitze- und Dürreperioden - seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1880 - gab es seit dem Jahr 2000. Der Klimawandel ist somit einer der großen Herausforderungen des Jahrhunderts." Klimaschutz müsse zur dauerhaften Aufgabe werden, so Hendricks. Die Kommunen seien auf einem guten Weg. Fortschritte mahnte Hendricks dagegen bei der Autoindustrie und der Landwirtschaft an.

Städte werden zu Hitzeinseln

Die extremen Hitzetage würden zunehmen, was besonders in Städten zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen werde, so die Ministerin. Denn hier fehle es an Windschneisen zur Belüftung. "Wir brauchen mehr Grün und mehr Wasser. Sie wirken temperatursenkend. Städte werden in Zukunft nur noch attraktiv sein, wenn sie den Klimaschutz ernst nehmen", sagte Hendricks mit Verweis auf eine Studie. Demzufolge wünschen sich vier von fünf Befragten mehr Umweltbewusstsein und eine Abkehr von Lärm und Feinstaubemissionen durch Autos."

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (Foto: DW/K.Jäger).

Hendricks: "Leben und wirtschaften, ohne den Planeten zu zerstören"

Zur Gestaltung der kommunalen Zukunft gehöre auch der Klimaschutz, pflichtete DStGB-Präsident und Bürgermeister der Stadt Bergkamen, Roland Schäfer, bei.

Er sagte, die Kommunen seien intensiv bemüht, Energiesparmaßnahmen umzusetzen. Als Beispiele nannte er die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED-Lampen. Dadurch können 80 Prozent Strom gespart werden. Kindertagesstätten, Turnhallen und andere Gebäude der öffentlichen Hand werden nach energetischen Gesichtspunkten saniert. Wurde 2000 sechs Prozent des Stroms durch erneuerbare Energien erzeugt, so waren es zu Beginn 2015 32 Prozent Energie, die durch Wind, Photovoltaik und Biogas gewonnen wurden.

Umsatteln und Teilen

Eine größere Herausforderung bestehe darin, die Mobilität klimafreundlicher umzugestalten. Der DStGB-Präsident nannte den Radschnellweg zwischen Duisburg und Hamm als vorbildlich und hob hervor, dass seine Familie auf sieben Fahrräder zurückgreifen könne. Er lobte den Trend zur Aufgabe des Besitzanspruchs und die Initiativen von Urban Gardening, Food- und Carsharing. Dennoch sei das vorgegebene Ziel der Bundesregierung - bis 2020 40 Prozent weniger Treibhausgase als in 1990 zu emittieren - sehr ambitioniert.

Bonns Oberbürgermeister (OB) Ashok-Alexander Sridharan nannte dazu Zahlen: "Um bis 2020 nur 28 Prozent weniger CO2 freizusetzen, müsste die Stadt Bonn 53 Millionen Euro aufwenden. Mittel, die in absehbarer Zeit nicht zur Verfügung stehen." Die Bundesregierung habe im Rahmen ihrer nationalen Initiative Klimaschutzmanager finanziert, die in den Kommunen Konzepte und Maßnahmen zum Klimaschutz entwickelten. Offen sei, wie es weitergehen solle nach Beendigung der Förderung.

Im Klimaschutz sieht Sridharan aber dennoch weiterhin Zukunftschancen. Er verwies auf private Investitionen bei der energetischen Gebäudesanierung und notwendige Fachkräfte in Schlüsselbranchen.

Blitzeinschlag auf einer Powerpointfolie und Menschen von hinten (Foto: DW/K.Jäger).

Teilnehmer der DStGB-Konferenz sehen Bilder vom Blitzeinschlag in Münster

Lutz Trümper, Magdeburgs Behördenchef, pflichtete seinem Kollegen bei. Die Frage des Geldes dürfe sich jetzt nicht stellen. Gerade in Zeiten niedriger Zinsen müsse in den Klimaschutz investiert werden: "Die Umweltpolitik hat größere Relevanz. Wenn wir jetzt nicht handeln, und zwar im größeren Stil, dann können Menschen in Afrika nicht mehr leben. Dann wird das dramatische Konsequenzen haben", warnte Trümper.

Auch er untermauerte seinen Vortrag durch Fotos der Elbehochwasser 2002 und 2013. Der Wasserstand des Flusses war auf mehr als sieben Meter gestiegen - normal sind knapp zwei Meter. Zwischen 300 und 400 Millionen Euro wurden die Schäden beziffert. Daraus hat die Verwaltung Lehren gezogen. "Bürger haben mich anfangs gefragt: Was bringt es, wenn wir Energie sparen und in China werden Kohlekraftwerke gebaut?" Er habe die Hoffnung geäußert, dass jemand als Vorbild agieren müsse, damit die anderen zum Umdenken animiert würden. "Wir müssen die Bürger motivieren, mitzumachen, energieeffizient zu handeln. Umwelterziehung müsse in den Kindertagesstätten und damit so früh wie möglich erfolgen", regte Oberbürgermeister Trümper an.

Die Städte müssen grüner werden

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sagte, bis 2050 müssten die Kommunen gänzlich CO2-frei werden. "Lassen Sie uns eine Vision entwickeln, wie wir leben und wirtschaften, ohne unseren Planeten zu zerstören. Die Vision sind Städte und Gemeinden, die lebenswert sind, weil sie die Bedürfnisse der Menschen - zu leben und zu arbeiten, sich fortzubewegen und sich zu entspannen - natürlich auch in einer nachhaltigen Lebensweise miteinander verbinden." Die Teilnehmer spendeten viel Applaus, wohlwissend, dass diese Vision gigantische Aufgaben nach sich zieht.