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Politik

Friedlicher Kampf gegen den Zaun

Der Ort Bil'in bei Ramallah ist zum Symbol des friedlichen Widerstands gegen die israelische Sperranlage geworden. Hier versammeln sich Gegner der Mauer und der israelischen Palästinenserpolitik aus aller Welt.

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Heftiger Wortwechsel, aber keine Gewalt: Protest am Sperrzaun in Bil'in

In der Schule des palästinensischen Dorfes Bil'in herrscht festliche Stimmung. In einem Zelt aus buntem Stoff sitzen etwa hundert Besucher aus dem In- und Ausland: Palästinenser, Israelis und Europäer. Sie sind zu einer Konferenz über den friedlichen Widerstand gegen Landenteignungen gekommen. Gerade werden die Namen der so genannten Märtyrer verlesen, der Palästinenser, die im Kampf gegen die israelische Besatzung ihr Leben verloren haben.

Demonstration an der Baustelle

Bil'in gilt als Symbol für den gewaltlosen Kampf gegen die Landenteignung und den Bau des israelischen Sperrwalls. Im Jahr 1990 wurde fast das gesamte zu dem Dorf gehörende Land enteignet. Dort entsteht jetzt eine jüdische Siedlung. Auch Radwan Yassin hat so rund zehn Hektar seines Landes verloren. "Es gehört mir. Ich habe sonst auf der ganzen Welt keinen anderen Platz, wo ich leben kann. Ich leiste Widerstand, wir alle leisten friedvollen Widerstand, bis wir unser Land zurückbekommen."

Radwan Yassin koordiniert den Widerstand gegen die Landenteignung. Jede Woche ziehen er und die anderen aus dem Dorf, zusammen mit Unterstützern aus Israel und dem Ausland, an die Baustelle. Dort soll der israelische Sperrzaun entstehen. Er soll die Palästinenser endgültig von ihrem enteigneten Land abschneiden und die Siedler vor den Palästinensern schützen. "Jede Woche, nach den Freitagsgebeten, gehen alle von der Moschee aus an den Ort, wo die Mauer errichtet werden soll. Wir versuchen auf unser konfisziertes Land zu gelangen. Es ist uns sogar gelungen, dort auf unserem enteigneten Land zwei kleine Häuser zu bauen. Das ist schon ein Fortschritt im Kampf gegen die Mauer."

Souvenir aus Berlin

Radwan Yassin, der kleine freundliche Mann aus Bil'in, war gerade in Berlin. Er hat eine Postkarte mitgebracht, auf der unter einem Plastikglas ein winziges Stück von der Mauer aufgeklebt ist. "Das verkaufen sie dort für zwei Euro fünfzig. Wenn wir das auch machen, könnte das unser Erdöl werden. Die Mauer könnte so für uns von einer Bedrohung zu einer Chance werden. Wir könnten Millionen von Euros verdienen. Im Moment geht es nicht, weil die Mauer noch steht, aber wenn wir sie niedergerissen haben, dann werden wir das tun."

Unterstützung bekommen die Palästinenser von Bil'in von Israelis wie Uri Avnery, dem inzwischen 82-jährigen Doyen der israelischen Friedensbewegung. Auch Rabbi Arik Ashermann ist in Bil'in ein gern gesehener Gast. Er ist der Vorsitzende der Organisation "Rabbiner für Menschenrechte", ein hoch aufgeschossener junger Mann mit Vollbart, dichtem Lockenschopf und leuchtend blauen Augen. "Wir glauben, dass alle Menschen im Angesicht Gottes geschaffen sind." sagt er. "Deswegen treten wir auch für die Rechte der Palästinenser ein."

Die Organisation hilft den Palästinensern, zum Beispiel bei der Oliven- und der Getreideernte, und auch, wenn es Probleme mit Gewalt von Seiten der Siedler gibt. Oder Probleme mit dem Sicherheitszaun. "Wir sind nicht gegen den Zaun, aber wir sind gegen den Verlauf, der die Menschen von ihren Feldern abschneidet. Und darum schicken wir Freiwillige, die die Palästinenser beschützen. Wir pflanzen Bäume, wo die Gefahr besteht, dass Boden enteignet wird, und wir helfen den Leuten vor den Gerichten, dass sie ihr Land behalten können", sagt Ashermann.

Europäische Juden gegen Israels Politik

Nicht nur Israelis, auch europäische Juden sind zu der Konferenz über den gewaltlosen Widerstand nach Bil'in gekommen. Sie gehören der Organisation "European Jews for a Just Peace - europäische Juden für einen gerechten Frieden an." Eine von ihnen ist Fanny-Michaela Reisin aus Berlin, Professorin für Software Engineering an der Technischen Fachhochschule. Sie lehnt die israelische Politik gegenüber den Palästinensern rundheraus ab. "Wir haben es hier mit einem dauerhaften Krieg zu tun, einer hochmodernen, bestens ausgerüsteten Armee und einer Bevölkerung ohne Staat, ohne Militärgewalt. Diese Asymmetrie ist so groß, dass ich einfach nicht verstehe, dass sie nicht gesehen wird." Diese Gewalt aber, so Reisin, wende sich nicht nur gegen die Palästinenser. Sie mache auch den Juden in Israel das Leben zur Hölle. Denn sie zwinge sie, in beständiger Furcht vor der Rache und dem Zorn der Palästinenser zu leben.

Glaubt sie, dass Versöhnung dennoch möglich ist? "Ich bin der festen Überzeugung: wenn in Israel heute beschlossen würde, Frieden zu schließen, den Palästinensern ihren souveränen Staat zu lassen, dass dann die Mehrheit der Palästinenser glücklich wäre, an der Seite Israels gemeinsam hier zum Blühen der Region beizutragen."

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