1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Friedlicher Jahrestag der Gezi-Proteste

Die erste Begegnung mit der türkischen Staatsmacht am Taksim-Platz verlief ohne Gewalt. Regierungsgegner wollen auch in anderen Stadtteilen an die Gezi-Proteste vor zwei Jahren erinnern. Aus Istanbul Baha Güngör.

Die Sonne und der fast wolkenlose Himmel über Istanbul trügen. Im Schatten sind es gefühlt höchstens 14-15 Grad.

Dennoch könnte es ein heißer Tag werden: Es wimmelt von zivilen und uniformierten, bestens ausgerüsteten Polizisten, die am und rund um den zentralen Taksim-Platz postiert sind. Der Gezi-Park ist hermetisch abgeriegelt. Ab dem späten Vormittag sind weite Teile des Platzes vor den Treppen zur Grünanlage auch für Fußgänger gesperrt. Die Fahrzeuge, für die die Verkehrssperrung nicht gilt, sind Wasserwerfer, Mannschaftsbusse und Streifenwagen mit und ohne Blaulicht und der Aufschrift "Polis". Sie stehen an strategisch wichtigen Punkten und beobachten die an ihnen vorbeiziehenden Ströme von Passanten, darunter viele Touristen. Sie sehen besorgt aus. An den Zugängen zu allen schmalen Seitenstraßen stehen Polizisten.

Taksim-Platz abgeriegelt

Gegen Mittag fahren zwei Wasserwerfer in die Einkaufsstraße Istiklal Caddesi. Um sie herum und an den Seitenstraßen stehen Bereitschaftspolizisten mit Stahlhelm, Schlagstock und Gasmaske in der Hand. Junge Polizisten, die ohne Ausrüstung so aussehen, als ob sie keiner Fliege etwas antun könnten.

Polizei-Kordon bei Gezi-Protesten in İstanbul - Foto: DW / Baha Güngör

Die Polizei signalisiert Lässigkeit und Coolness

Dass dieser Anschein trügt, ist den Menschen hier noch in sehr guter Erinnerung: Als sich vor zwei Jahren die Proteste gegen die Zerstörung des Gezi-Parks als einziger "grüner Lunge" inmitten Tausender Büro- und Wohngebäude erhoben und Menschen auf dem Platz Zeltlager errichteten, gingen die uniformierten Staatsdiener in kugelsicheren Westen unverhältnismäßig hart gegen die Demonstranten vor.

Nelken zum Gedenken an acht Todesopfer

"Es werden immer noch 27 Menschen vermisst", sagt eine 58-jährige Dame, die in der Nähe wohnt. Die Polizisten seien "ehrenlos" gewesen: "Sie haben junge Menschen bewusstlos geschlagen und dann vor meinen Augen in die Müllcontainer geworfen", schimpft sie.

Dieses Jahr steht sie wieder zwischen den Fronten: Auf der einen Seite postieren sich Wasserwerfer. Von der anderen Seite nähern sich Demonstranten und skandieren: "Taksim ist unser, wird unser bleiben!" Rund 1000 Menschen hat die Organisation "Taksim-Solidarität" auf die Straße gebracht. Sie wollen am Gezi-Park hunderte Nelken im Gedenken an die Ereignisse und an die acht Todesopfer vor zwei Jahren niederlegen. Das wird ihnen jedoch nicht erlaubt. Immer wieder rufen die Demonstranten: "Dieb, Mörder!"

Gemeint ist Staatschef Recep Tayyip Erdogan: Es war damals seine Entscheidung, die friedlichen Zeltlager der Umwelt- und Friedensaktivisten mit Tränengas und Wasserwerfern, ohne Rücksicht auf alte Menschen, Frauen und Kinder brachial niederzureißen.

"Wir wollen keine Zusammenstöße"

Ausschreitungen in Istanbul bei Gedenken an Gezi-Opfer Berkin Elvan - Foto: AFP/Getty Images/B. Kilic

Noch Mitte März dieses Jahres kam es bei einer Demonstration in Erinnerung an ein Gezi-Park-Opfer in Istanbul zu Ausschreitungen

Dass hunderte Bäume im Gezi-Park nach wie vor stehen und das geplante Großbauprojekt "Kaserne mit integriertem Einkaufszentrum" immer noch nicht realisiert werden kann, ist vielen zivilen Gesellschaftsgruppen zu verdanken. Sie haben es trotz ihrer verschiedensten politischen Zielrichtungen geschafft, gemeinsam die Staatsgewalt in die Schranken zu weisen.

Der Rechtsanwalt Can Atalay, einer der Wortführer von "Taksim-Solidarität", senkt das Megaphon, um mir zu sagen: "Wir wollen heute keine Zusammenstöße. Erdogan wartet nur darauf, damit er uns dann die Schuld zuschieben kann." Dann hebt er die Flüstertüte wieder und spricht die Namen der Todesopfer hinein. Die Demonstranten rufen im Chor zurück: "Lebt!"

Erdogans unbeschränkte Macht wackelt

Es ist kein Geheimnis, dass die Beliebtheit der seit 13 Jahren alleinverantwortlich regierenden religiös-konservativen AKP nach dem Aufstieg Erdogans zum Präsidenten spürbar gesunken ist. Die AKP könnte, wenn der Kurden-Partei HDP bei der Wahl am 7. Juni erstmals der Einzug ins Parlament gelingen sollte, zu einer Koalition gezwungen sein. Beobachter sprechen von Versuchen, die Wahlen abzusagen. Denn Erdogans Plan, ein Präsidialsystem durchzusetzen, um seine Macht zu zementieren, setzt einen weiteren AKP-Sieg mit mindestens 367 der 550 Sitze voraus.

Türkei Gezi Proteste in İstanbul - Foto: DW / Baha Güngör

Kaum ein Durchkommen für Passanten in der Einkaufsstraße Istiklal-Caddesi

In der Einkaufsstraße Istiklal-Caddesi stehen sich noch immer Polizei und Demonstranten gegenüber. Mutig ziehen Passanten an ihnen vorbei und bummeln an den Schaufenstern entlang. Die Geschäfte haben teilweise ihre Rollgitter oder Blechrollläden zur Hälfte heruntergezogen. "Wir haben Kampferfahrung", sagt der Verkäufer einer Boutique. "Sobald die Wasserwerfer spritzen und die ersten Tränengasbomben abgefeuert werden, können wir binnen Sekunden in unseren Geschäften verschwinden und alles abriegeln."

Friedliches Ende

Doch dazu kommt es vorerst nicht. Demonstranten und Polizei ziehen sich zurück. Und schon dröhnt wieder laute Musik aus den Geschäften und Einkaufspassagen. Die Menschen atmen auf. Straßenhunde und -katzen kriechen auch aus ihren Verstecken hervor. Niemand aber kann mit Sicherheit sagen, ob der zweite Jahrestag der Gezi-Park-Proteste am Abend weiterhin friedlich bleiben wird.

Die Demonstranten halten bei ihrem Rückzug noch ein Spruchband hoch: "Heute bleiben die zurück, die für morgen Widerstand leisten!" Derweil haben die Polizisten die Stahlhelme abgenommen und ihre Gasmasken und Schlagstöcke beiseite gelegt. Sie sehen wieder jung und friedlich aus, als ob sie keiner Fliege etwas antun könnten.

Die Redaktion empfiehlt