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Kultur

Frauensache Religion

Frauen gestalten den Alltag in ihren Religionen. Die Führung aber übernehmen meist Männer. Die Sarah-Hagar-Initiative in Deutschland möchte das ändern.

Religiöse Symbole für Islam, Christentum und Judentum

Religiöse Symbole für Islam, Christentum und Judentum

Jeden Tag soll Beruria 300 jüdische Gerichtsurteile auswendig gelernt haben - mehr als jeder Mann vor ihr. Rabia stellte mit ihrer Wissbegierde und Liebe zu Allah viele islamische Gelehrte in den Schatten und Maria-Magdalena lernte so viel von Jesus, dass sie als seine "erste Jüngerin" galt. Drei Frauen, drei Religionen und drei Beispiele für Bildungshunger. Aber auch drei Beispiele dafür, dass Frauen im Judentum, Islam und Christentum nie die gleiche Würdigung erhielten wie Männer.

"Wir haben in unseren drei Traditionen immer Frauen gehabt, die sowohl religiös als auch politisch gute Ideen hatten", sagt Britta Jüngst von der Sarah-Hagar-Initiative im Ruhrgebiet. "Doch ihre Ideen sind nicht immer gehoben worden." Damit sich das ändert, hat die evangelische Theologin im Jahr 2005 gemeinsam mit sechs anderen Frauen die Sarah-Hagar-Initiative im Ruhrgebiet gegründet. Mit Tagungen, Vorträgen und Ausstellungen wollen sie den interreligiösen Dialog um die weiblichen Perspektive bereichern und über Themen diskutieren, die den Alltag von Frauen bestimmen. Etwa ihre Chancen auf Bildung.

Alltagserfahrungen bestimmen den Dialog

Teilnehmer Sarah-Hagar-Initiative Ruhrgebiet

Sarah-Hagar-Initiative Ruhrgebiet

Erst kürzlich widmete die Initiative der Frage nach dem Umgang mit den Bildungswünschen religiöser Frauen eine ganze Tagung. Eine Ausstellung beschäftigte sich mit den religiösen Hintergründen häuslicher Gewalt und in Vorträgen wurde danach gefragt, welche Lebensentwürfe Mütter und Töchter in Judentum, Christentum und Islam verbindet. "Unser interreligiöses Gespräch ist stark von den Alltagserfahrungen der Frauen geprägt", erklärt Britta Jüngst. "Damit setzen wir andere Schwerpunkte, als sie sonst im interreligiösen Gespräch üblich sind."

Trotz aller Gemeinsamkeiten betonten die Frauen der Sarah-Hagar-Initiative auch ihre Unterschiedlichkeit. "Nicht umsonst beziehen wir uns in unserer Initiative auf das spannungsreiche Verhältnis zwischen Abrahams Frau Sarah und ihrer Magd Hagar," sagt Britta Jüngst.

Eine konfliktreiche Beziehung, die nach Ansicht der muslimischen Politikwissenschaftlerin Nigar Yardims im Islam größtenteils ausgeblendet wird. Immerhin sei die schwangere Hagar in der Wüste ausgesetzt worden, "was ja wohl einen Grund gehabt hat". Mit der Migrantin Hagar, so meint Yardim, könnten sich viele Musliminnen heute identifizieren. "Ich beobachte, dass sich gerade junge Frauen oft ausgegrenzt fühlen in Deutschland, wenn sie den Spagat zwischen gesellschaftlicher Teilhabe und religiöser Überzeugung versuchen."

Bildung als Weg zur Gleichberechtigung

Teilnehmer Sarah-Hagar-Initiative Ruhrgebiet

Sarah-Hagar-Initiative Ruhrgebiet

Mit ihrem Engagement in der Initiative versuche sie zu zeigen, dass "Religion nicht gegen Integration ist", betont die Politikwissenschaftlerin. "Der Islam bietet genug Ansatzpunkte, sich fortzubilden." Allerdings werde dabei oft vergessen, dass ihre Religion "jegliche Art von Bildung" fördere, eben auch die schulische und berufliche Aus- und Fortbildung von Mädchen und Frauen. Verbände, Moscheen und Schulen in Deutschland müssten sich stärker dafür einsetzen, fordert Nigar Yardim.

Die Situation jüdischer Frauen in Deutschland sei genau umgekehrt, beobachtet Mirjam Lübke von der liberalen jüdischen Vereinigung "Etz Ami" im Ruhrgebiet. Es gebe zwar viele säkular gebildete Frauen, aber religiöse Bildung sei für sie besonders in den orthodoxen Gemeinden noch ein Tabu. Im Gegensatz zu den USA, wo eine weitgehende Gleichberechtigung in religiösen Bildungsfragen herrsche.

"Die amerikanischen Jüdinnen haben sie sich in den siebziger Jahren hart erkämpft", berichtet Lübke. "Sie rebellierten gegen den alten Rabbinerspruch, dass eine Orange eher auf den Seder-Teller kommt als eine Frau auf die Bema." Kurzerhand hätten die Frauen bei den jüdischen Feiern Apfelsinen auf die Teller gelegt, erzählt Lübke. Danach bestiegen sie die Bema, die jüdische Kanzel. "Es gibt noch viele andere Geschichten über mutige Frauen in den Religionen", betont sie. "Wir müssen sie in unseren Kirchen, Moscheen und Synagogen nur sichtbar machen."

Autorin: Sabine Damaschke

Redaktion: Conny Paul