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Welt

Frauenabend im Pulverdampf

Die National Rifle Association erwartet einen Besucherrekord zu ihrer Jahresversammlung. Immer mehr Frauen in den USA wollen sich selbst verteidigen oder entdecken den Schießsport als Hobby. Von Ines Pohl, Washington.

Beine auseinander. Einatmen. Ausatmen. Das linke Auge zusammenkneifen. Abdrücken. Katie Myers zuzuschauen, ist nahezu kontemplativ, so flüssig und gleichförmig, fast elegant sind die Bewegungen der knuddeligen Mittfünfzigerin. Mit ihrem schwarzen Schlabber-T-Shirt und den ausgebeulten, bequemen grauen Jeans, könnte sie auch auf einer Yoga Farm arbeiten. Wäre da nicht der krachende Lärm, der auch die dicken Lärmschutz-Kopfhörer durchdringt und die Schießpulver geschwängerte Luft, die nach einer kurzen Zeit anfängt im Hals zu kratzen.

Keine Fotos als Zielscheiben

Myers gibt Schießkurse nur für Frauen. Hinter dem Verkaufsraum der Blue Ridge Arsenal bei Washington gibt es zwei Mal zehn Stände, die an Kegelbahnen denken lassen. Nur dass am Ende keine Kegel stehen, sondern Zielscheiben, die in den unterschiedlichsten Formen und Farben von einer fahrbaren Deckenschiene hängen. Die USA wären nicht die USA, wenn es davon nicht eine bunte Palette im Sortiment der Shooting Range gäbe. Von schlichten geometrischen Formen bis hin zu einem sogenannten Geist, der große Ähnlichkeit mit Osama bin Laden hat, reicht das Angebot.

Frauen im Schießstand USA Virginia

Immer mehr Frauen trainieren mit Waffen.

Das knapp einen Meter lange Plakat heißt crazy AK-47 und kostet 1.90 Dollar. Es gehört damit zu den teuersten. "Die Kunden könne sich auch ihre eigenen Zielscheiben mitbringen. Es ist aber verboten, Fotografien von echten Menschen zu benutzen. Das wäre doch irgendwie befremdlich", erklärt Katie. Dass die Geister alle eine Kopfbedeckung tragen, die gemeinhin mit dem Islam in Verbindung gebracht wird, stört die ehemalige Polizistin nicht. "Ach, das ist doch nur Spaß."

Täglich eine Massenschiesserei

Für viele Amerikaner ist es kein Problem, Schießen und Spaß haben in einem Atemzug zu nennen. Auch wenn jährlich rund 30.000 Menschen in den USA durch Schusswaffen ums Leben kommen. Täglich gibt es im Durchschnitt eine Massenschießerei. Eine Massenschießerei wird als solche definiert, wenn es mindestens vier Tote gibt, den Täter gegebenenfalls mitgerechnet.

Die meisten Waffen, die bei solchen Massakern benutzt werden, wurden legal erworben. In den Vereinigten Staaten von Amerika leben 320 Millionen Menschen. Nach offiziellen Schätzungen sind rund 310 Millionen Waffen in Privatbesitz. Es ist deutlich einfacher und weniger bürokratisch, eine Waffe zu kaufen, als einen Hund aus einem Tierheim mit nach Hause zu nehmen.

Auch Schüler bewaffnen?

Frauen im Schießstand USA Virginia Waffengeschäft

Es gibt eine große Auswahl an Waffen zum Verkauf.

Zyniker können ihre Uhr danach stellen, dass nach jeder Massenschießerei dieselbe Diskussion losgeht: Wann werden die Gesetze endlich so verschärft, dass es deutlich schwieriger wird, Waffen zu kaufen? Das fordern diejenigen, die fest davon überzeugt sind, dass weniger Waffen mehr Sicherheit bedeuten. Auf der anderen Seite stehen die Waffenbefürworter. Sehr verlässlich rufen sie nach jeder Schießerei in einer Schule dazu auf, endlich die Lehrer zu bewaffnen.

Vertreter der National Rifle Association, kurz NRA, versteigen sich sogar regelmäßig zu der Forderung, bestimmte Schüler auszubilden und zu bewaffnen. Das Argument: Bei einem Angriff können sie im Zweifelsfall sich selbst und ihre Mitschüler verteidigen. In manchen Colleges ist es bereits erlaubt, dass Studierende ihre Waffen mit in den Unterricht bringen.

Mächtige Waffenlobby

Die NRA ist eine der mächtigsten Lobbygruppen in den Vereinigten Staaten. Mit großem Einfluss in höchste Regierungsgremien. Schließlich geht es bei Waffen nicht nur ums Gefühl und das seit 1791 in der Verfassung verbriefte Recht, eine Waffe zu besitzen. Es geht vor allem um Geld. Viel Geld. Waffen und alles was dazu gehört, sind ein Milliardengeschäft. Immer wichtiger werden dabei die Frauen. "Das ist der Markt, der am schnellsten wächst", erklärt NRA-Sprecherin Catherine Mortensen.

Ein Mann mit Bart und Maschinenpistole mit Zielkreisen um Stirn, Brust und Unterleib.

Eine der Zielscheiben mit großer Ähnlichkeit zu bin Laden.

Die Gründe sind vielschichtig. Für manche ist so ein Abend auf einem Schießstand einfach pure Entspannung, Druck und Frust ablassen. Die haben dann oft gar keine Waffe zu Hause. Sondern leihen sie sich aus oder lassen sie zur Sicherheit in einem sicheren Schließfach außerhalb der eigenen vier Wände. Andere wollen in der Lage sein, sich und ihre Familie zur Not verteidigen zu können. Unabhängig vom eigenen Ehemann. Diese Frauen wollen ihre Waffe griffbereit zu Hause haben. Für nicht wenige ist das ein Akt echter Emanzipation vom vermeintlich starken Geschlecht – und die Waffe eine Möglichkeit, etwaige körperliche Defizite im Nahkampf auszugleichen. Schießkurse nehmen beide Fraktionen. Entsprechend boomt das Geschäft mit den Frauenabenden im Pulverdampf.

Trump als Gastredner

Von diesem Freitag bis Sonntag hat die Organisation zu ihrer Jahresversammlung in Kentucky eingeladen. Sie rechnet mit rund 70.000 Besuchern. Ein neuer Rekord. Als einer der Hauptredner wird Donald Trump erwartet. Die NRA Organisatoren sind gespannt, was er sagt. Denn bisher ist sein Kurs, wenn es um Waffengesetze geht, nicht eindeutig.

Wie so oft bei dem republikanischen Spitzenkandidaten. Donald Trump wird einiges dafür tun, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Denn die Unterstützung der einflussreichen NRA kann er gut gebrauchen, um seine Schwächen im streng konservativen Lager etwas auszugleichen.

Diskussionen gut fürs Geschäft

Zurück auf der Shooting Range erzählt Katie Myers dass sie weder Hillary Clinton noch Donald Trump mag. Auch wenn sie bisher immer den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner gewählt hat. Die Diskussionen findet sie trotzdem gut. Ganz unverblümt berichtet sie, wie gut sie fürs Geschäft sind.

"Immer, wenn ein Politiker seinen Mund zum Thema Waffen aufmacht, ist bei uns der Laden voll. Und Wahljahre sind immer lukrativ. Weil man ja nie weiß, was kommt, und man dann lieber schnell nochmal einkaufen geht, bevor manchen Waffen vielleicht aus dem Sortiment genommen werden müssen."

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