Frankfurts ″Prinz″ Boateng triumphiert in der Heimat | Fußball | DW | 03.12.2017
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Bundesliga

Frankfurts "Prinz" Boateng triumphiert in der Heimat

Bei der Rückkehr in seine Heimatstadt Berlin zeigt Kevin-Prince Boateng, wie wichtig er für Eintracht Frankfurt ist. Der Sündenbock von einst ist nun ein echter Leader - und eine der prägenden Figuren der Bundesliga.

Bundesliga Hertha BSC - Eintracht Frankfurt Boateng Tor (picture-alliance/dpa/A. Hilse)

Matchwinner und Leader: Kevin-Prince Boateng (Mitte) beließ es gegen seinen Ex-Klub aber bei verhaltenem Jubel

Der Prinz ließ sich Zeit. Viel Zeit. Die Ränge im Berliner Olympiastadion waren bereits leer, die meisten Fans längst auf dem Nachhauseweg, da verließ auch Kevin-Prince Boateng als Letzter den Rasen. Genüsslich stolzierte er die Treppe hinab in die Katakomben und diktierte den wartenden Reportern einen bemerkenswerten Satz in die Mikrofone: "Das Spiel war schlimm. Mein eigene Leistung war eine Vollkatastrophe. Aber zum Glück funktioniert der linke Fuß noch."

Mit jenem linken Fuß hatte Boateng seine Frankfurter zehn Minuten vor Schluss zum 2:1-Auswärtssieg gegen Hertha BSC Berlin geschossen. Technisch höchst anspruchsvoll, doch auf einen Jubel hatte der Matchwinner verzichtet. "Natürlich mache ich das nicht, hier bin ich groß geworden. Ich hab großen Respekt vor Hertha und den Fans in Berlin."

Vom Weddinger Käfig in die Welt

Bundesliga - Hertha BSC vs Eintracht Frankfurt (Reuters/A. Schmidt)

Angekommen in Frankfurt: Dank engem Draht zu Coach Kovac ist Boateng (l.) eine Schlüsselfigur der Eintracht

Selbstkritisch und einfühlsam. Wer den Boateng aus früheren Zeiten kennt, fühlt sich wie im falschen Film. Doch Frankfurts neue Führungsfigur ist gereift, als Spieler und als Mensch. 30 Jahre alt ist er jetzt, die wilden Zeiten liegen nun schon etwas zurück. Er hat alle Rollen ausgefüllt im medial begleiteten Fußballzirkus: Jahrhundert-Talent, Hoffnungsträger, Bad Boy, Verräter und Sündenbock. Mal Loser, Mal Leader, aber immer Lautsprecher.

Angefangen hat alles in Berlin, damals im "Käfig" im Stadtteil Wedding, einem Bolzplatz. Damals staunten alle nur über seine Tricks und unter den Jugendtrainern hieß es, er sei eines der der größten Talente, das der deutsche Fußball je gesehen hat. Bei Hertha BSC wurde er mit 18 Jahren Profi und debütierte in der Bundesliga, gegen seinen heutigen Klub Eintracht Frankfurt. Von dort ging es in die Top-Ligen Europas.

Mal Sachbeschädigung, mal Vorzeigeprofi

Sieben Klubs in zwölf Jahren, lange hat es ihn nie irgendwo gehalten: Bei Tottenham Hotspur für zu leicht befunden für die Premier League - zudem verbrachten er fast so viel Zeit in Nobel-Discos wie auf dem Rasen. Es folgte ein kurzes Gastspiel bei Borussia Dortmund unter Trainer Jürgen Klopp, der ihn gerne behalten hätte. Dann wurde er Meister mit dem AC Mailand in der Serie A. Bei Schalke wiederum galt er zwar als Leitwolf, aber auch als zu verletzungsanfällig und Problem-Profi. Nach zwei Jahren wurde er dort förmlich vom Hof gejagt. Boatengs Karriere verlief nie geradlinig. Hier Geldstrafen wegen Sachbeschädigung. Dort Vorreiter im Kampf gegen Rassismus - 2013 hielt er eine Rede vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen.

WM 2014 Gruppe G 2. Spieltag Deutschland Ghana (Reuters)

Bruderduell bei der WM 2014: Kevin-Prince galt als der talentiertere der beiden Berliner Brüder

In Deutschland erinnern sich viele im Zusammenhang mit Boateng vor allem an ein brutales Foul. Boateng, damals beim FC Portsmouth unter Vertrag, brachte Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack mit einem bösen Tritt im FA-Cup-Finale um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft. Er selbst dagegen erreichte bei der WM 2010 mit Ghana, dem Heimatland seines Vaters, das Viertelfinale.

Rolle als Aggressive Leader

"Ich habe viel gelernt aus den Fehlern, die ich gemacht habe", sagt Boateng heute. Nach einer starken Saison bei Las Palmas mit zehn Toren in der Primera Division hat er den Weg zurück nach Deutschland gefunden. Boateng ist einer der wenigen wirklichen Stars in der Bundesliga, die nicht bei einem Spitzenklub unter Vertrag stehen. Seit Sommer ist er bei der Eintracht - und es scheint, als sei er endgültig angekommen. Frankfurt hat einen neuen "aggressive leader".

Den Beweis liefert auch das Spiel gegen Hertha. Boateng, bereits in der 9. Minute mit Gelb verwarnt, hatte bis zu seinem entscheidenden Treffer kaum gute Szenen. Die Partie lief tatsächlich an ihm vorbei, doch "allein die Tatsache, dass er auf dem Platz ist und mit seiner Präsenz die Mannschaft stützt, zeigt, wie wichtig er für uns ist", sagte Eintracht-Trainer Niko Kovac im Anschluss.

AC Milan Prince Kevin Boateng gegen Rasismus (Getty Images/AFP/A. Pizzoli)

Boateng erfuhr Rassismus und kämpft heute gegen ihn an

Kovac hat ihn nach Frankfurt geholt, die beiden haben eine besondere Beziehung. Vor elf Jahren standen sie noch gemeinsam auf dem Platz, Seite an Seite im Mittelfeld für die Hertha. Boateng als Jungspund, Kovac als Führungsspieler. Nun ist immer wieder zu beobachten, wie Kovac Boateng aus dem Mittelfeld an die Seitenlinie beordert, um Kommandos durchzugeben. Boateng ist schon nach kurzer Zeit so etwas wie die rechte Hand des Trainers auf dem Platz. Er spielt mal auf der Zehn, mal defensiver auf der Sechs, aber immer gibt er einer durchschnittlich besetzten Frankfurter Mannschaft Struktur und Stabilität. Und seit kurzem trifft er auch vorne. Der Siegtreffer gegen Hertha war schon sein drittes Saisontor. Die Eintracht hat sich zum besten Auswärtsteam der Liga gemausert (4 Siege, 3 Unentschieden, 1 Niederlage), noch vor den Bayern (die allerdings ein Auswärtsspiel weniger haben).

Pendeln zwischen Frankfurt und Mailand

Frankfurt, nun Tabellenachter, kämpft mit um die internationalen Plätze. "Ich gucke nicht auf die Tabelle, wir wollen das Beste herausholen", sagt Boateng. Er kennt das Geschäft und die Medien, ist bescheidener geworden. Und doch bleibt das Gefühl, dass Boateng noch viel mehr aus seiner Karriere hätte machen können. Sein Halb-Bruder Jerome spielt beim FC Bayern, wurde mit Deutschland Weltmeister. Solch eine Weltkarriere hatten sie eher Kevin-Prince zugetraut, der immer als der talentiertere der beiden Boateng-Brüder galt. Er selbst betont immer wieder, er fühle sich wohl in Frankfurt. Der Klub und die Stadt gefallen ihm, auch der schnelle Weg per Flieger von Frankfurt nach Mailand, wo immer noch die Familie lebt. Die Zeit bei der Eintracht wird mitentscheiden, wie er in Erinnerung bleiben wird. Welche Rolle am besten zu ihm passt: Zurzeit sieht es mehr nach Leader als Loser aus.

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