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Kultur

Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now"

Der Vietnamfilm "Apocalypse Now" löste in den 1970er Jahren ein mittleres Beben in der Filmwelt aus. Im Vergleich zu Kriegsfilmen wie "American Sniper" erscheint Coppolas Epos als epochales Meisterwerk.

Es mag nicht fair sein, Filme aus unterschiedlichen Epochen miteinander zu vergleichen. Und doch: Der mediale Wirbel, der gerade um Clint Eastwoods "American Sniper" entstanden ist, fordert geradezu zu einem Vergleich der beiden Filme desselben Genres heraus. Eastwoods Irak-Film entwickelt sich derzeit zum kommerziell erfolgreichsten Kriegsfilm aller Zeiten.

"Apocalypse Now"

war zwar damals aus verschiedenen Gründen ein großes Gesprächsthema, an den Kassen aber nur durchschnittlich erfolgreich. Erst nach fünf Jahren spielte er seine Produktionskosten wieder ein.

In beiden Werken geht es um das Engagement US-amerikanischer Soldaten im Ausland, damals war es Vietnam, heute der Irak. Beide Filme spiegeln mehr oder weniger die Befindlichkeiten von US-Soldaten im fernen Kriegsgebiet wider. Beide blenden aus, warum es überhaupt zum US-Engagement gekommen ist, beide scheren sich auch kaum um die Menschen vor Ort. Die Vietnamesen bei Coppola waren ebenso reine Statisten, wie es die die Iraker heute bei Eastwood sind.

Eine Reise in das eigene Ich

Sieht man sich Coppolas Film heute an, 36 Jahre nach der Premiere, verblüfft die thematische Vielschichtigkeit und visuelle Opulenz des Werks im Vergleich zu "American Sniper". Ist das eine Werk eine Art filmischer "Krieg und Frieden" im Stile Tolstois, wirkt das andere von der Durchdringung seines Stoffes dagegen wie ein Landser-Heftchen. Coppola schickte seinen "Helden", Captain Willard (Martin Sheen), nicht nur in den Kriegseinsatz in Vietnam, sondern auch auf eine Reise an die Grenzen der eigenen Psyche. "Das ist kein Film, das ist eine Reise, bei der es eindeutig nicht um das wirkliche Vietnam geht, sondern um eine geistige Vorstellung von Vietnam", bewertete Coppola einst den eigenen Film.

Francis Ford Coppola mit Marlon Brando am Set von Apocalypse Now

Am Set von "Apocalypse Now": Marlon Brando mit Regisseur Francis Ford Copolla (r.)

Willards kleiner Trupp, der sich auf die Suche nach dem tief im Dschungel residierenden und offenbar vom Größenwahn befallenen Colonel Kurtz (Marlon Brando) macht, wird mit den verschiedensten Schwierigkeiten konfrontiert. Dem Wahnsinn der eigenen (US-)Truppen begegnet der Zuschauer eindrucksvoll in der ersten Filmstunde in Figur des martialisch auftretenden Lieutenants Colonel Kilgore (Robert Duval). Der lässt seine Truppen zu Wagnerklängen ein vietnamesisches Dorf angreifen - nur um seinen Soldaten die Möglichkeit einzuräumen, vor der Küste zu surfen.

Ein Film über psychische Deformationen der Soldaten

Im Folgenden werden die Ausschweifungen der US-GIs vor Ort geschildert, der Wahnsinn eines Kriegseinsatzes viele tausend Kilometer von der Heimat entfernt. Die unfassbaren wie irrwitzigen logistischen Herausforderungen des Truppeneinsatzes werden ebenso angesprochen wie das Aufeinanderprallen der so unterschiedlichen Kulturen. Nebenbei: Wer immer sich fragt, warum die US-Amerikaner heute in großen Teilen der Welt so verhasst sind, der schaue sich "Apocalypse Now" an. Der Film gibt Antworten. Ob das damals von Coppola beabsichtigt gewesen ist, darüber lässt sich streiten.

Filmstill Apocalypse Now (Foto: Studiocanal)

Kriegswahnsinn - verkörpert von Colonel Kilgore (Robert Duval, M.)

Zum größten Feind Willards und seiner Kumpane wird allerdings nicht der äußere Feind, sondern der eigene im Inneren. Die Grenzen menschlicher und individueller Belastbarkeit der Soldaten werden sichtbar - und sehr viel intelligenter dargestellt als in "American Sniper". Kein einziger Soldat in Coppolas Film kommt ohne psychische Deformationen weg. Coppola findet für sein Sujet Bilder von geradezu magischer Kraft. Der Einsatz des Film-Tons steht dem in nichts nach.

Jede Episode im Film lässt sich vielfach interpretieren, jede Sequenz hat zumindest eine Metaebene. Der Zuschauer wird mit vielen Informationen, Zeichen und Symbolen gefüttert - wie holzschnittartig treten dagegen die Protagonisten in "American Sniper" auf, wie platt ist die Dramaturgie bei Clint Eastwood. "Apocalypse Now" irritiert und stellt Fragen, verblüfft und stellt sich ganz nebenbei auch selbst in Frage. "American Sniper" dagegen ist nur Ausdruck einer eindimensional erzählten Geschichte, die lediglich durch die USA-Sequenzen ein wenig Tiefgang bekommt.

Amerika und der Vietnam-Krieg

Die Texte und Bücher, die über "Apocalypse Now" geschrieben und die Filme, die über Coppola und die Dreharbeiten gedreht wurden, sind kaum aufzuzählen. "Mein Film ist kein Film; er handelt nicht von Vietnam. Er ist Vietnam", sagte Coppola nach den aufreibenden und langwierigen, von vielen Unterbrechungen gestörten Dreharbeiten damals: "Die Art, wie wir den Film machten, ähnelte dem Verhalten der Amerikaner in Vietnam sehr. Wir waren im Dschungel, wir waren zu viele, wir hatten zu viel Geld, zu viel Ausrüstung, und Schritt für Schritt wurden wir wahnsinnig."

Filmstill Apocalypse Now (Foto: Studiocanal)

Dennis Hopper spielt in "Apocalypse Now" einen ständig bekifften Kriegsreporter

Kritiker haben angemerkt, dass diese Aussage des Regisseurs die Erfahrungen der realen US-Soldaten und der vietnamesischen Zivilbevölkerung banalisiere. Auch das ist richtig. Doch Coppola wollte mit seinem Statement wohl darauf hinweisen, dass er und sein Team während der Dreharbeiten die Kontrolle verloren haben. Das sieht man dem fertigen Film an. Unter anderem macht genau das auch heute noch seine Größe aus.

"Apocalypse Now" ist vom Anbieter "Studiocanal" anlässlich der jüngsten Oscar-Verleihung noch einmal in einer Box ("Award Winning Collection") mit drei weiteren Filmen des Regisseurs herausgebracht worden. Enthalten ist auch die sehenswerte Dokumentation "Reise ins Herz der Finsternis" sowie die Filme "Der Dialog" und die drei Teile von "Der Pate". Die längere Fassung von "Apocalypse Now Redux" liegt beim gleichen Anbieter vor.

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