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Kultur

Flieg, Stiefelchen, flieg!

Es kommt der Tag, da will das Fußwerk fliegen: In diversen europäischen Ländern treffen sich Menschen und werfen mit Gummistiefeln. Richtig nach Regeln und mit Meisterschaften. Der Erfolg zieht einem die Schuhe aus.

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These boots are made for throwing ...

Als Mutterland des Gummistiefel-Weitwurfs gilt Finnland. Wer genau das erste Mal seinen Schuh von sich geschleudert hat und warum (Langeweile? Käsefüße? Alkohol?) - das verliert sich im langen Dunkel der skandinavischen Winternacht. Fest steht: Der Weltrekord liegt bei 65 Metern, der deutsche bei 36,60 Meter. Und der will gebrochen werden: Am 6. Juni 2004 treten die Schuh-Schleuderer in Berlin zur Deutschen Meisterschaft an.

Ideengeber: ein finnischer Koch

Den großen Wurf hat in Deutschland Jorma Klünder gemacht. Der 38-jährige Berliner Halbfinne, eigentlich Küchenchef, rief beim Jugendsender "Radio Fritz" in Potsdam an - denn dessen Sportmoderatoren Oliver Welke und M.C. Lücke fanden die Fußball-Bundesliga zum Weglaufen und suchten alternative Sportarten. Die drei gründeten gleich einen Verein: "Gib Gummi 03". Klünder ist Präsident - wegen seiner Erfahrung im Gummistiefel-Weltcup. Mittlerweile gibt es noch viel mehr organisierte Stiefelwerfer, zum Beispiel den "Gummistiefel-Weitwurf-Verein Frankfurt/Oder", kurz "Gustiweiwuff".

Gummistiefel

Viele bunte Wurfgeschosse - die Anfängerversion


Und der wehrt sich dagegen, Stiefelwerfen sei bloß eine Beschäftigung für gelangweilte Gärtner. "Das ist etwas Ernstzunehmendes", betont der Vorstands-Vorsitzende Peter Nachtigall gegenüber DW-WORLD. "Wir trainieren richtig dafür, zwei Mal pro Woche zwei bis drei Stunden."

Sportgerät aus der Schuhfabrik

Das Ernstzunehmende zeigt sich schon am Preis fürs Sportgerät: "Ein Paar Stiefel kostet um die 26 Euro", sagt der 19-jährige Nachtigall. Schließlich segeln da Markenstiefel, "meistens von Nokia oder Sulman". Das steht so in den Regeln, und die sind keine Gummi-Paragrafen: Herren werfen Modelle der Größe 43 mit einem Kilogramm Gewicht, Damen Größe 38 und 700 Gramm. Ob rechter oder linker Stiefel, ist allerdings Jacke wie Hose.

Auch die Wurftechnik ist eine Wissenschaft (oder Schaft-Wissen) für sich. Nicht alles sei vorgeschrieben, sagt Nachtigall. Die Fortgeschrittenen werfen so: "Man greift mit dem Daumen in den Stiefel, Zeige- und Mittelfinger liegen um den Schaft herum. Dann nimmt man Anlauf, dreht sich ein bisschen und wirft mit gestrecktem Arm." Und zwar so, dass der Stiefel rotiert, "sonst bremst der Luftwiderstand total". Zum Schluss muss das Gummi-Geschoss noch innerhalb der Linien landen.

Grenzenlose Gummistiefel

Wegen der ausgefuchsten Drehtechnik kann es allerdings passieren, dass der Stiefel statt nach vorne - o Sohle mio! - ins Publikum fliegt. "Grad am Anfang kommt das schon vor", gesteht Nachtigall. Aber ernsthafte Verletzungen seien nicht zu befürchten. Und so würden wenigstens keine Zaungäste verschreckt, im Gegenteil: "Zu jedem Training kommen ein paar und sagen: 'Dürfen wir auch mal?'"

Der Gummistiefel-Weitwurf-Trend kommt also mit großen Schritten voran. In Großbritannien ist das "Wellie Throwing" schon traditionell eine Disziplin bei den Yorkshire-Games, Skandinavier sind sowieso stark. In Frankreich und Belgien wurde auch schon fliegende Fußbekleidung gesichtet; die Weltmeisterschaften sollen am 17. und 18. Juli 2004 in Estland stattfinden. Und zwar in geordneten Verhältnissen, weiß Nachtigall: "Da werden sogar Doping-Kontrollen durchgeführt." Verboten seien übrigens auch alle Hilfsmittel bis auf Handschuhe.

Acht Teams bei der Meisterschaft

"Bei der Deutschen Meisterschaft werden acht Vereine antreten", berichtet Nachtigall. Einen Bundesverband gebe es noch nicht, eine offizielle Anerkennung beim Deutschen Sportbund fehlt auch noch - dafür bräuchte man in Deutschland mindestens 10.000 Mitglieder. Die offiziell anerkannten finnischen Stiefelwerfer sind da also einen Schritt weiter.

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