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Afrika

Filmemacher Sissako: "Die Kultur als Geisel"

Mit seinem Film "Timbuktu"ging der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako ins Rennen um die Goldene Palme von Cannes. Die Kultur leide unter den aktuellen Kämpfen in Mali, erzählt Sissako im DW-Interview.

DW: Herr Sissako, Sie haben ihren Film "Timbuktu" in dieser Woche auf den internationalen Filmfestspielen von Cannes präsentiert. Davon können viele Filmemacher nur träumen. Wie fühlen Sie sich?

Abderrahmane Sissako: Ich produziere meine Filme ja nicht für Cannes, sondern aus Überzeugung. Aber hier habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit beachtet und mitgetragen wird. Das macht mich zufrieden und ich freue mich auch für die, über die man sehr wenig spricht. Wenn ein Film fertig ist und von den Kritikern beurteilt wird, dann konzentrieren sich alle auf den Regisseur, den Produzenten. Das verstehe ich, aber die Leute sollen wissen, dass ein Film nur deshalb existiert, weil bestimmte Menschen Vertrauen hatten, weil sie sich für oder gegen ein Projekt ausgesprochen und eventuell das nötige Geld investiert haben. Das sind etwa Gemeinden, Institutionen oder Fernsehsender - aber vor allem sind es Menschen, die denken: Ja, was der Film ausdrücken möchte, macht Sinn. Also machen sie mit. Und deshalb freue mich, dass wir gemeinsam an diesem Wettbewerb teilnehmen können.

In Ihrem Film geht es um die Machtübernahme der Islamisten in Nordmali im Jahr 2012, und vor allem um die Eroberung und Zerstörung der Weltkulturerbe-Stadt Timbuktu. Warum haben Sie sich gerade dieses Thema gesucht?

Die Dschihadisten haben nicht nur die Stadt Timbuktu eingenommen, sondern gleichzeitig eine ganze Kultur, eine Weltvision. Sie haben diese Kultur und auch den religiösen Glauben der Menschen sozusagen als Geisel genommen. Wer Mausoleen und Denkmäler zerstört, der zeigt, dass sie für ihn keine Bedeutung haben. Das heißt: Man verweigert diese Kultur. Die Täter waren keine Menschen aus Timbuktu, sie kamen aus dem Ausland. Aber es ist ihnen gelungen, einige Leute so zu manipulieren, dass sie ihnen behilflich waren. In Mali sind nicht nur Menschenleben in Gefahr, sondern auch die Kultur des Landes - und das sollen die Zuschauer wissen.

Sie arbeiten viel mit Kontrasten: Einerseits sieht man die schönen Frauen Timbuktus, die weiten Felder oder man hört die klangvolle Musik der Tuareg. Auf der anderen Seite zeigen sie unglaubliche Gewalt. Wir sehen zum Beispiel eine Frau, die brutal bestraft wird, weil sie sich gegen die Dschihadisten stellt. In einer anderen Szene: zwei Menschen, die gesteinigt werden. Wollen Sie Ihr Publikum bewusst schockieren?

Ich bin Zeuge und nutze diese Informationen. Mit meinem Film versuche ich, ein Feuer zu entfachen, das letztlich für Verständnis und Klarheit sorgt - in einer Situation, die manchmal verwirrend wirkt und ist. Es ist nicht einfach, eine Steinigung zu filmen. Ich habe versucht, alles wahrheitsgetreu abzubilden.

Sie haben der internationalen Staatengemeinschaft Gleichgültigkeit in Mali vorgeworfen. Was konkret erwarten Sie denn, etwa von Frankreich?

Ich habe immer wieder betont, dass Frankreichs "Operation Serval" in Mali eine gute Sache ist, wenn es darum geht, der Barbarei ein Ende zu setzen. Aber man sollte auch wissen, dass es Menschen in Mali gab, die im Stillen mitgekämpft haben. Menschen, die ihre Häuser, ihre Kinder nicht verlassen haben, sondern geblieben sind, in der Hoffnung, dass die Gewalt ein Ende haben wird. Ich meine zum Beispiel auch die, die stumm gesungen haben, weil der Gesang verboten war. Sie waren nicht auf eine gefährliche Art und Weise mutig, aber sie sind geblieben. Und diese Leute haben Timbuktu mitbefreit.

Abderrahmane Sissako, Jahrgang 1961, ist ein mauretanischer Filmregisseur und -produzent. Er gehört zu den bekanntesten Filmemachern in Subsahara-Afrika. Seinen Film "Timbuktu" musste er aus Sicherheitsgründen in Mauretanien statt in Mali drehen.

Das Interview führte Mireille Dronne.

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