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Filme

Film über Stefan Zweig: "Vor der Morgenröte"

Der berühmte Schriftsteller flüchtete vor den Nazis. Das Exil brachte Zweig kein Glück. In Brasilien nahm er sich mit seiner Frau 1942 das Leben. Maria Schraders Film blickt zurück - und hat auch die Gegenwart im Visier.

Natürlich sollte man immer vorsichtig sein, wenn es darum geht Filme über historische Ereignisse mit den Geschehnissen der Gegenwart gleichzusetzen. Kein historischer Vorgang gleicht dem anderen. Als Maria Schrader und ihr Co-Autor Jan Schomburg 2011 darüber nachdachten, einen Film über Stefan Zweigs Jahre im Exil zu drehen, da ahnte noch niemand, dass die Themen Flucht und Vertreibung im Jahr 2016 in Europa wieder so brandaktuell sein würden.

"Flucht in einem anderen, größeren Kontext"

Maria Schrader ist heute selbst von der Aktualität überrascht: "Wenn man (…) die Schilderungen der Flucht von Friderike Zweig (Stefan Zweigs erste Ehefrau, Anmerk. d. Red.) liest, wie sie mit Tausenden Menschen am Quai von Marseille steht, die alle vor Krieg und Verfolgung flüchten, dann sieht man die Menschen, die heute auf der anderen Seite des Mittelmeers mit ähnlichen Motiven ihr Leben riskieren, um dieses Meer in die entgegengesetzte Richtung zu überqueren, schon in einem anderen, größeren Kontext."

Filmstill 'Vor der Morgenröte' (Foto: X - Filme)

Im Exil nur selten glücklich: Stefan Zweig (Josef Hader) in Maria Schraders Film

Es sei doch "purer Zufall und pures Glück, dass man auf einem Teil der Welt lebt, von dem man gerade nicht fliehen muss", fügt Schomburg hinzu. Der Blick auf das Thema sei durch die Beschäftigung mit Zweig "zugleich abstrakter und konkreter" geworden: "Abstrakter, weil man versteht, dass diese großen Emigrationsbewegungen schon immer tragischer Teil der Menschheitsgeschichte waren; konkreter, weil man sich in einer anderen Art und Weise mit Flüchtenden identifizieren kann.

"Zwischen Hoffnung und Verzweiflung: Stefan Zweig

"Vor der Morgenröte", Maria Schraders zweite Regiearbeit nach ihrer fulminanten Romanadaption "Liebesleben" im Jahre 2007, fächert die letzten Lebensjahre Stefan Zweigs im Exil auf. Sechs Episoden aus dem Leben des Autors zeigt Schrader, sie spielen in Brasilien, Argentinien und in den USA - und zeigen einen Mann zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Dankbarkeit für die Aufnahme in der neuen Heimat und der gleichzeitigen Erkenntnis, dass diese zweite Heimat wohl doch kein Ersatz sein kann für die alte.

Stefan und Lotte Zweig 1938 (Foto: picture alliance images)

Historisches Foto: Stefan und Lotte Zweig 1938

Stefan Zweig war ein Feingeist und auch in den fürchterlichsten Stunden der Verzweiflung fern der geliebten Heimat, war der gebürtige Wiener keiner, der sich zu Hasstiraden auf Deutschland und Österreich hinreißen ließ. "Zweig war aus unserer Sicht jemand, der sich weigerte, die Dinge holzschnittartig zu betrachten und dessen kreativer Impuls vor allem aus der Begeisterung für Ideen und Menschen wuchs“, so die Filmemacher. Die Tragik habe darin bestanden, dass "dieser hochsensible Meister der Grautöne" sich in einer Zeit wiedergefunden habe, "in der es nur noch schwarz und weiß gibt, in der die Differenzierung zunehmend unmöglich ist."

Stefan Zweig: "...ich würde nie gegen ein Land sprechen."

Das zeigt auch der Film. Beispielsweise in den Szenen in Buenos Aires. In der argentinischen Hauptstadt findet ein großer Schriftstellerkongress des P.E.N. statt. Viele Teilnehmer fordern von Zweig, der als Ehrengast zum Kongress geladen ist, eine eindeutige, scharfe Verurteilung des Hitlerregimes. "Ich werde nicht gegen Deutschland sprechen. Ich würde nie gegen ein Land sprechen. Und ich mache keine Ausnahme", lautet die Erwiderung des ins Exil vertriebenen Autors.

Filmstill 'Vor der Morgenröte' (Foto: X - Filme)

In New York 1941: Stefan Zweig hadert mit seinem Schicksal


Erschreckt zeigte sich Stefan Zweig auch von den Begleitumständen des Kongresses, der Berichterstattung durch die Medien: "Die Zeitungen verfolgen einen von früh bis nachts mit Photographien und Stories. (…) Mich ekelt dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten.

"Thomas Mann gestand Sinneswandel ein"

Bemerkenswert auch der Sinneswandel des zweiten großen deutschen Exilautors der Zeit, Thomas Mann. Der gestand zehn Jahre nach Zweigs Selbstmord ein, dass er inzwischen anders über den Freitod des Autors denke: "Ich gestehe, dass ich damals mit dem Verewigten gehadert habe wegen seiner Tat, in der ich etwas wie eine Desertion von dem uns allen gemeinsamen Emigrantenschicksal und einen Triumph für die Beherrscher Deutschlands sah, deren abscheulicher 'Geschichtlichkeit' hier ein besonders prominentes Opfer fallen zu sehen. Seitdem habe ich anders und verstehender über seinen Abschied zu denken gelernt…"

Casa Stefan Zweig in Petropolis (Foto: Manfred Grietens)

Heute ein Museum: Stefan Zweigs Wohnhaus in Petrópolis

Heute begreife er, so Thomas Mann 1952, wie tief verwurzelt Zweig in seiner Heimat war, wie seine ganze Existenz davon abhing. Uns so verstehe er nun, "wie wenig es ihm zur Schande gereicht, dass er in der Welt voller Hassgeschrei, feindlicher Absperrung und brutalisierender Angst, die uns heute umgibt, nicht fortleben wollte und konnte.

"Dem Krieg entronnen - und doch nicht frei"

Stefan Zweig "war dem Krieg entronnen und wurde trotzdem von ihm heimgesucht", sagt Regisseurin Maria Schrader über ihren filmischen Helden in "Vor der Morgenröte".

Man kann es nicht vergleichen. Und doch: Hat man die Situation von syrischen Flüchtlingen in Deutschland vor Augen, die vor Terror und Bürgerkrieg geflohen sind und die dann in ein Land kommen, in dem wöchentlich Flüchtlingsheime angezündet werden, ahnt man den Schrecken.

Stefan Zweig ist in Brasilien warm aufgenommen worden, seine Existenz war dort nicht bedroht. Bei ihm spielte sich der Horror des Heimatverlustes im Kopf ab.

"Vor der Morgenröte" läuft seit dem 2. Juni in den deutschen Kinos. Mehr zum Film auch in der neuen Ausgabe von KINO. Dort können Sie außerdem noch ein Porträt der deutsch-amerikanischen Schauspielerin Diane Kruger sehen.

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