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Kultur

Fetisch Auto in der Kunst

Die Beziehung zwischen Mensch und Auto ist eine ganz besondere. Das Museum Tinguely in Basel entlarvt sie als geradezu religiöse Begeisterung in einer lustvoll inszenierten Ausstellung rund um das Kultobjekt Auto.

Rennwagen von 1912 (Foto: Ministère de la Culture / Jacques Lartigue)

Schade, dass kein deutsches Museum auf die Idee gekommen ist, eine solche Ausstellung zu inszenieren. Schließlich wird überall gerade die Geburtsstunde des modernen Automobils gefeiert: Vor 125 Jahren, 1886, hatte der Deutsche Carl Benz seinen Motorwagen zum Patent angemeldet. Da hätte eine solche Schau gut in die mobile Landschaft gepasst. Aber irgendwie ist es auch logisch, dass eine Museumsschau, die sich auch kritisch mit dem Auto befasst, nicht in Deutschland stattfindet. Eine solche Ausstellung würde im Autoland Nr.1 vielleicht als Sakrileg empfunden. So muss man in die Schweiz, nach Basel fahren, um sich die 160 Kunstwerke von 80 Künstlern im Museum Tinguely anzusehen.

Kunstkosmos Automobil

Das Museum, das die phantasievollen Objekte des Schweizer Jean Tinguely seit Jahren im prächtigen Rahmen ausstellt, glänzt in diesen Sommermonaten mit einer überaus reizvollen Sonderausstellung. "Fetisch Auto" beschäftigt sich mit der Beziehung Mensch - Auto: Wie hat die Kunst in den vergangenen 100 Jahren Stellung bezogen? Wie haben Künstler reagiert auf den Rausch der Geschwindigkeit, auf das Kultobjekt auf vier Rädern? Das sind die Fragen, die die Ausstellung stellt - und die Antworten fallen phantasievoll und oft überraschend aus.

Zerlegt in seine Einzelteile präsentiert Damián Ortega einen VW-Käfer in der zentralen Ausstellungsrotunde. Von der Decke schweben hunderte Teile an Drähten, der Betrachter blickt nach oben. "Statt als leicht klappriges Wirtschaftswunder" erscheine der Wagen so "als überlebensgroßer Kosmos" - so die Kuratoren der Schau. Um dieses zentrale Objekt haben die Ausstellungsmacher in einem Dutzend kreisförmig angeordneter Räume Bilder und Skulpturen, Videos und bewegliche Objekte zusammengestellt.

Objekt 'Cosmic Thing' von Damián Ortega im Museum Tinguely (Foto: DW)

Damián Ortegas hängender VW-Käfer

Es waren zunächst die Futuristen aus Italien, die dem neuen Wunderwerk Auto zu Beginn des letzten Jahrhunderts huldigten. "Die Futuristen vergötterten das Reich der Maschine, widmeten dem Rennautomobil Gedichte und stimmten einen 'Hymnus an den Tod' an", sagt der Direktor des Museums Tinguely, Roland Wetzel. Kritischer fiel dann der Blick der amerikanischen Pop-Artisten auf das Auto aus. Künstler wie Andy Warhol und Robert Rauschenberg machten auch auf die Kehrseiten des allumfassenden Autowahns aufmerksam, spießten Werbebotschaften und die Mythen der angeblich automobilen Freiheit auf.

Reflektiert: Staus und Unfälle

Europäische und speziell auch deutsche Künstler (Gerhard Richter, Wolf Vostell) widmeten sich dem automobilen Detail, indem sie es überlebensgroß darstellten oder auf bedrohliche Entwicklungen wie verstopfte Straßen und steigende Unfallzahlen hinwiesen. Phantasievoll und verspielt beschäftigte sich wiederum der Schweizer Jean Tinguely in seinen Objekten mit Rädern und Laufwerken, Ketten und Mechanik - Tinguely war ein großer Fan schneller Sportwagen und der Formel 1.

Superflex: 'Burning Car', 2008 (Foto: Museum Tinguely)

"Burning Car" von Superflex

Immer kritischer gingen dann viele Künstler in den letzten Jahrzehnten mit dem Kultobjekt Auto um. Chris Burden zum Beispiel weist in seiner Performance "Trans-fixed" aus den 1970er Jahren auf religiös-christlichen Konnotationen hin. Wie Jesus ließ er sich auf das Dach eines VW-Käfers nageln und provozierte so seine Zeitgenossen. In solchen Arbeiten wird am konsequentesten am Kultobjekt Auto gerüttelt, mal drastisch und schockierend, mal verspielt und ironisch. "Burning Car" zeigt - auf Video - minutenlang nichts anderes als ein brennendes Auto. Als Symbol für soziale Ungerechtigkeiten und Reichtum werden überall auf der Welt bei Aufständen und Umstürzen zuallererst Autos angezündet und abgefackelt.

Dem "sexuellen Fetisch Auto" widmet sich Erich Busslinger in einem witzigen Video. Zum legendären Titel "Je t'aime" von Jane Birkin und Serge Gainsbourg sieht der Betrachter nichts anderes als hochglänzende Autoformen, -details, Chrom und poliertes Blech. Wunderbar auch das Video von Franck Scurti von 1997, das einen jungen Mann und seine zärtliche Annäherung an seinen schnittigen Sportwagen zeigt. Lust und Auto, eine oft überdeutliche Sexualisierung in der Autobranche - vielen Betrachtern dürften diese Bezüge schnell klar werden.

Drastischer Blick auf das Chaos

Auf die traurigen Aspekte der weltweiten Automobilisierung machen die Fotografien des Franzosen Brassaï oder des Polizeifotografen Arnold Odermatt aufmerksam. Spürt man in den älteren Arbeiten noch die Faszination an großstädtischen Szenerien, so wirken die neueren Bilder in ihrer Drastik nur noch erschreckend. Odermatts vergrößerte Bilder schockieren die Besucher.

Jean Tinguely (Foto: dpa)

Der Schweizer Künstler Jean Tinguely

"Das Auto stellt vielleicht die einzige magisch-mythische Mitte der Gesellschaft dar, über alle geografischen, staatlichen, nationalen, religiösen und soziokulturellen Grenzen hinweg", schreibt Hartmut Böhme im Ausstellungskatalog. Die zunehmende Automobilisierung in aller Welt, in Schwellenländern und Wirtschaftsgiganten wie China trägt das Faszinosum Auto auf fast alle Kontinente. Doch kaum ein anderes Land der Welt pflegt den Kult ums Auto so wie die Deutschen.

Sex - Religion - Auto

Wer je erlebt hat, wie Samstagvormittags deutsche Männer an Autowaschstraßen ihren Wagen hegen und pflegen, wer den Duktus der zahlreichen Autozeitschriften hierzulande kennt, der weiß, dass die Objekte der Ausstellung zu den Themen "Sex und Auto" und "Religion und Auto" keine künstlerischen Hirngespinste sind. Und wer weiß, wie mächtig die größte Automobilvereinigung der Welt (ADAC) ist und bei wichtigen Entscheidungen in Deutschland mitregiert, wer in Erinnerung hat, welch ein Aufschrei durch das Land ging, als jüngst ein grüner Ministerpräsident zu mehr Fahrradfahren riet, dem ist bewusst, wie tief und verwurzelt das Denken über das Auto in Deutschland in den Köpfen der Menschen ist. Gerade deshalb ist es zu bedauern, dass eine solch phantasievolle und den Intellekt ansprechende Schau nicht in Stuttgart, München oder Berlin zu sehen ist, sondern nur außerhalb der Landesgrenzen.

Auto: Jochen Kürten

Redaktion: Marlis Schaum

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