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Kultur

Feinsinniger Prolet

Nur wenige Schauspieler schaffen schnell den Durchbruch. Oft dauert es Jahre, ehe sie sich etablieren und zu Stars werden. So wie der Berliner Schauspieler Andreas Schmidt.

Schauspieler Andreas Schmidt umarmt seine Filmfreundin

Andreas Schmidt in "Sommer vorm Balkon"

Andreas Schmidt, hoch gewachsen, hager und mit schlaksigem Gang hat sich in den letzten Jahren in die erste Reihe der deutschen Filmschauspieler gearbeitet. Meist in der Rolle von einfachen Leuten. Nur gelegentlich sieht man ihn in Nebenrollen auch als Akademiker oder Künstler, so z.B. in "Das Wunder von Lengede", wo er einen Grubenexperten spielt oder einen Fotografen in "Die Fälscher". Da passt es auch ins Bild, dass der Berliner Schauspieler viele Jahre als Sänger in der Country Rockband "Lillies große Liebe" auf der Bühne stand. Weshalb er immer wieder auch gern als Musiker in Filmen besetzt wird.

"Irgendwo da unten"

In der Tragikomödie "Fleisch ist mein Gemüse" spielte er im letzten Jahr z.B. den Sänger einer Band, die für Hochzeiten und Betriebsfeiern über die Dörfer tingelt. Als Boss mit viel Witz und wenig Verstand kämpft sich Schmidt mit den Seinen durch die niederen Gefilde des Showbusiness’. "Irgendwo da unten" sind seine Charaktere meistens angesiedelt. Dabei klingen Schmidts Anfänge ganz anders: 1963 im Sauerland geboren und in Berlin aufgewachsen, will er etwas übers Schreiben lernen. "Dann habe ich mein erstes Seminar über die Kunst des Drehbuchschreibens belegt. Danach wusste ich, dass ich richtig war, um etwas übers den Aufbau einer Geschichte zu lernen", erinnert sich Schmidt. Fortan vertieft er sich in Literatur und Theater und studiert parallel dazu Schauspiel, Germanistik und Philosophie.

Immer skeptisch

Gruppenbild aus dem Film Conamara

Andreas Schmidt in "Conamara"

Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre schreibt Schmidt seine ersten Stücke, inszenierte fürs Theater unter anderem eine Charles-Bukowski-Revue und übernimmt kleine Filmrollen. Darunter ist 1990 ein kurzer Auftritt in Tom Tykwers Debütfilm "Because". Der Durchbruch kommt dann 1998 mit dem Film "Plus-Minus Null" von Regisseur Eoin Moore. Darin spielt Schmidt einen Berliner Bauarbeiter, der sich in eine bosnische Prostituierte verliebt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist Schmidt, der sich vor allem als Autor und Theatermann fühlt, Filmregisseuren gegenüber skeptisch: "Und dann hat Eoin Moore mich gefragt, ob ich die Hauptrolle in seinem Abschlussfilm "Plus-Minus Null" übernehmen würde. Und er ist mir dabei absolut auf Augenhöhe begegnet, wollte wissen, was ich über die Geschichte denke, wie ich die Figur empfinde usw. Und zum ersten Mal habe ich mir gedacht: "Whow, Schauspielerei kann auch Spaß machen."

Fruchtbare Zusammenarbeit

Mit Eoin Moore dreht Schmidt in den nächsten Jahren drei weitere Filme: "Conamara", "Pigs will fly" und "Im Schwitzkasten". Für seine Rolle in "Pigs will fly" wird er beim Deutschen Filmpreis 2003 als Bester Hauptdarsteller nominiert. In dem Werk spielt Schmidt einen Polizisten, der wegen seiner Gewaltausbrüche vom Dienst suspendiert wird und eine Auszeit in San Francisco nimmt, wo er eine neue Freundin findet, aber wieder in alte Verhaltensmuster verfällt.

Nische gefunden

So cholerisch seine Charaktere häufig sind, so ruhig ist die Begegnung mit ihm selbst. Der etwa 1,95 Meter große, schlanke Schauspieler spricht nachdenklich und mit zurückhaltender Stimme. Er lacht gern, auch über sich und sein Gewerbe, aber ohne dabei zynisch zu werden: "Ich glaube, wenn man als Schauspieler mal so eine Ecke gefunden hat, oder wenn die für einen gefunden wurde, dann hat das eine gewissen Nachhall. Das heißt, es dauert eine Weile, bis einen die Caster und die Filmbranche entdecken. Vielleicht ist Andreas Schmidt sogar ein wenig Stolz, dass seine Filmcharaktere so wenig mit ihm selbst zu tun haben. Wirft man doch vielen Schauspielern vor, sie würden immer nur sich selbst spielen.

"Ich will überrascht werden"

Schauspieler Andreas Schmidt ist von seiner Filmfreundin über Nacht auf den Balkon gesperrt worden.

Andreas Schmidt in "Sommer vorm Balkon"

Seinen bisher größten kommerziellen Erfolg feiert der Künstler 2006 als er in Andreas Dresens Tragikomödie "Sommer vorm Balkon" den LKW-Fahrer Ronald spielt. Rund eine Millionen Kinobesucher feiern den Film und ebenso ihn. Auch wenn Andreas Schmidt darin wiederum einen grobschlächtigen Typen mimt. In diesem Zusammenhang klingt es ein bisschen seltsam, wenn der Schauspieler betont, dass er bei der Auswahl seiner Rollen sehr anspruchsvoll sei. "Ich wünsche mir von einem Regisseur und von den Dreharbeiten zum Film, dass mein Leben danach ein Stück weit anderes ist. Ich wünsche mir, dass Regisseure mich überraschen, mit mir Dinge machen, die ich vorher nicht kannte und von denen ich lernen kann. Das ist der Idealfall."

Autor: Bernd Sobolla

Redaktion: Günther Birkenstock

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