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Wirtschaft

Fehlt den Deutschen das Gründer-Gen?

Die Soziale Marktwirtschaft hat Deutschland reich und sicher gemacht. Doch viele Menschen sehen das Erreichte gefährdet - durch die allumfassende Digitalisierung. Sind diese Ängste berechtigt?

Von amerikanischen Zukunftsforschern soll folgende Vision stammen: Künftig werde es eine handvoll gut bezahlter Menschen geben, die den Computern sagen, was sie tun sollen, und den schlecht bezahlten Rest der Menschen, die tun müssen, was ihnen die Computer sagen.

Klar, dass solche Visionen Ängste erzeugen. Oft sind sie diffus, richten sich gegen die Globalisierung, gegen Fremde, gegen Flüchtlinge, gegen die Macht der Internet-Konzerne und so weiter. Populisten in ganz Europa schüren diese Ängste - zu denen auch die Angst vor dem Jobverlust gehört: Morgen schon könnte mich ein Computer oder Roboter ersetzen.

Keine Zukunft

Klar ist auch, dass das Modell der sozialen Marktwirtschaft keine Zukunft haben kann, wenn die Vision der amerikanischen Zukunftsforscher Wirklichkeit werden sollte. Die sozialen Sicherungssysteme kämen an ihre Grenzen, das Prinzip, dass die arbeitende Generation die ruhende alimentiert, wäre nicht mehr möglich.

Dass mit der digitalen Transformation der Gesellschaft dieser auch die Arbeit ausgeht, halten viele Experten allerdings schlichtweg für falsch. So wird Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die Zahl der wenig qualifizierten Jobs in Deutschland von 1999 bis 2011 sehr viel stärker gestiegen ist als die Zahl der technischen und akademischen Berufe. Das sagte er auf einer Veranstaltung des

"Denkraum für Soziale Marktwirtschaft"

in München, einem von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und mehreren deutschen Konzernen geförderten Diskussionsforum.

Natürlich ist dieser Trend zum Teil der demographischen Entwicklung geschuldet: Eine alternde Bevölkerung braucht zum Beispiel mehr Pflegepersonal. Doch man kann ihn genauso als Produkt der digitalen Transformation sehen, schließlich haben Amazon und die vielen tausend Onlinehändler viele neue Jobs im Transport- und Logistikgewerbe ermöglicht.

Digitaler Wettlauf

Die meisten Experten beschäftigen sich denn auch nicht mit der Frage, ob die digitale Transformation der Gesellschaft Jobs kostet, sondern mit der Frage, wie viele Jobs es kostet, wenn man die digitale Transformation nicht schnell und gründlich genug vollzieht. "Das ganze ist ein Wettlauf. Und wir sollten nicht jammern, sondern überlegen, wie wir diesen Wettlauf gewinnen", sagt Helmut Schönenberger, Geschäftsführer der UnternehmerTUM GmbH.

Für sich persönlich hat Schönenberger den Wettlauf bereits angenommen: zusammen mit der Technischen Universität München bringt seine Firma jede Woche ein neues Start-up in den Markt, das im Schnitt pro Jahr 1 000 neue Jobs schafft. Inzwischen hat seine Firma sogar einen eigenen Fonds für Venture-Kapital aufgelegt – und eine Kooperation mit chinesischen Universitäten vereinbart. Sieben deutsche Start-ups sollen mit chinesischer Hilfe dort Fuß fassen, sieben chinesische Starts-ups werden im Oktober in München erwartet und von Schönenbergers Team beraten.

Isabell Welpe vom Lehrstuhl für Strategie und Organisation an der TU München kennt die Leistungen der UnternehmerTUM-GmbH, hält sie aber für einen Tropfen, auf den heißen Stein. "Googeln Sie mal nach deutschen Gründern. Sie erhalten nur Schwarzweiß-Bilder, 100, 120 Jahre alt. Bosch, Siemens - wir waren mal eine Gründernation, sind es aber nicht mehr."

Gründer-Gen verschwunden

Die neuen Gründer sind jung, amerikanisch, chinesisch, und nutzen so genannte disruptive Technologien, die ganze Branchen obsolet machen können, so wie das mp3-Format der Musikindustrie und ihren klassischen Tonträgern den Garaus gemacht hat. Sie wachsen enorm schnell - aber nicht über Arbeitsplätze, sondern über Technologie.

Und so kommt es, dass ein Unternehmen wie Airbnb zum weltweit größten Anbieter von Übernachtungen mutiert, ohne ein einziges Hotel zu besitzen, oder ein Unternehmen wie Uber zum weltweit größten Anbieter von Mobilitätsdienstleistungen heranwächst, ohne ein einziges Auto oder Taxi zu besitzen. Sie skalieren unheimlich schnell und nutzen klassische Netzwerk-Effekte: Der Nutzen oder der Mehrwert einer im Internet angebotenen Dienstleistung wächst mit der Anzahl der Nutzer, die sich an diesen Plattformen beteiligen.

Den Deutschen indes scheint dieses Gründer-Gen abhanden gekommen zu sein. An den technischen Fähigkeiten deutscher Gründer liege das nicht, sagt Isabell Welpe von der TU-München. "Kein einziges der neuen erfolgreichen Unternehmen, die binnen Monaten enorme Marktkapitalisierungen erreichen, ist irgendwo Technologieführer."

Aber sie machten drei Dinge erfolgreicher als Deutsche oder Europäer, sagt Isabell Welpe. "Sie sind auf den Kunden und seine Bedürfnisse fokussiert, haben ihre Geschäftsprozesse im Griff, sodass Freiraum für Kreativität und Originalität bleibt, und, das wichtigste, statt technischer Innovation betreiben sie Geschäftsmodell-Innovation."

Nur noch zwei Welten

"Klar sind wir stark, haben viele Tüftler in Deutschland", ergänzt Thomas Dapp, Analyst bei der Deutschen Bank. "Aber wir bringen die PS nicht auf die Straße. Wo ist denn das deutsche oder europäische Unternehmen mit einer Milliarde Kunden?" Es sei durchaus denkbar, dass eines Tages Autos ohne Lenkrad und Pedale ihre Besitzer von A nach B führen, und das könnten durchaus hochwertige Karossen aus Stuttgart oder München sein. Aber kommunizieren würden sie über Apples IOS oder Googles Android-Betriebssystem.

Google und Apple hätten es als einzige geschafft, sich ein eigenes Ökosystem zu schaffen, das nicht nur die Kunden bindet, sondern sie auch noch für sich arbeiten lässt, indem man ihnen erlaubt, Applikationen zu entwickeln, die dann über den App-Store oder Googles Play Store vertrieben werden.

Die Kundenbindung in so einem Ökosystem ist schon deshalb hoch, weil viele Kunden die Wechselkosten scheuen. Wer aus Apples Gefängnis ("Jail Break") heraus will, muss Hardware und Software neu anschaffen, nur um in der Google-Welt zu landen. "Deshalb empfehle ich deutschen Firmen, mehr über Vernetzung nachzudenken", sagt Deutsche-Bank-Analyst Thomas Dapp, "und sich die cleveren Monetarisierungsstrategien der Amerikaner abzuschauen".

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