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Deutschland

Fast 500 Jahre Streit ums Rauchen

Nach dem Volksentscheid in Bayern diskutiert Deutschland wieder über den Schutz von Nichtrauchern. Damit ist eine Debatte neu entflammt, die schon vor Jahrhunderten begonnen hat und sogar die Nazis für sich nutzten.

Symbolfoto zum Rauchverbot (Foto:dpa)

Die Debatte über Rauchverbote ist fast so alt wie das Rauchen selbst. Und das sind hierzulande rund 500 Jahre. Durch die Entdeckung Amerikas gelangte der Tabak nach Europa. Während des Dreißigjährigen Krieges 1618 bis 1648 erließen die ersten Fürsten Rauchverbote - zum Schutz der Holzhäuser und um die rasante Verbreitung der Droge durch die Söldnerheere zu stoppen. Ein Verstoß gegen das Rauchverbot wurde scharf geahndet: im Herzogtum Lüneburg bis 1692 theoretisch sogar mit der Todesstrafe.

Doch letztlich arrangierten sich viele Mächtige mit dem Tabak, denn die Steuer darauf spült Geld in die Staatskasse.

Hitler ließ Krebsforschung finanzieren

Im 20. Jahrhundert geriet der Kampf gegen die Zigarette immer stärker zu einer ideologischen Auseinandersetzung. Selbst die Nationalsozialisten griffen beherzt zu. Rauchen war für sie ein "Rassengift" - ein Zeichen von Abhängigkeit. Abhängig sollte das Volk aber nur von einem sein: Adolf Hitler. Der Diktator führte seinen Aufstieg auch darauf zurück, dass er das Rauchen aufgegeben hatte.

Das NS-Regime förderte nach der Machtübernahme die Tabakforschung mit viel Geld. So entstand in Jena 1941 das "Institut zur Erforschung von Tabakgefahren".

Zigaretten als Ersatzwährung

Mit dem Tabak eng verbunden ist auch der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. 90.000 Tonnen Virginia-Tabakblätter lieferten die USA im ersten Jahr der Marshallplan-Hilfe nach Deutschland. Zigaretten wurden hier für kurze Zeit zu einer Ersatzwährung - und eine mächtige Tabak-Industrie entwickelte sich.

Horst Seehofer beim Aschermittwoch 2010 in Passau (Foto: AP)

Spielt in der deutschen Nichtrauchergeschichte eine besondere Rolle: Horst Seehofer

Die ersten Nichtraucherinitiativen entstanden in den 1970er-Jahren. Der Bundestag entschied 1998 zum ersten Mal über ein Nichtraucherschutzgesetz. Der fraktionsübergreifende Entwurf scheiterte ausgerechnet am Widerstand des damaligen Gesundheitsministers Horst Seehofer.

Acht Jahre später forderte Seehofer - nunmehr als Verbraucherschutzminister am Kabinettstisch von Kanzlerin Angela Merkel - ein besonders strenges Gesetz.

Einheitliches Rauchverbot nicht in Sicht

Die Bundesregierung unterstützte im Herbst 2006 eine Initiative des SPD-Abgeordneten Lothar Bindig. Kurze Zeit später musste Justizministerin Zypries aber verkünden: "Der Bundestag hat keine Verfassungskompetenz, um zu entscheiden, wie in Rathäusern oder Schulen mit dem Rauchen umgegangen wird." Das Vorhaben war gescheitert.

Auch als die 16 Ministerpräsidenten über eine einheitliche Regelung verhandelten, scheiterten sie am Föderalismus. Zwischen August 2007 und Juli 2008 gaben sich dann die Bundesländer unterschiedliche Nichtraucherschutzgesetze. Raucher benötigen fortan einen Raucheratlas, um zu wissen, ob sie in einer Dresdner Eckkneipe ihre Zigarette genauso aus der Schachtel holen dürfen wie in Düsseldorf. Das schärfste Gesetz präsentierte Seehofers Parteifreund Edmund Stoiber in Bayern.

"Dann is' endlich a Ruh"

Stoibers Nachfolger Horst Seehofer lockerte die strengen Vorschriften wenig später wieder, denn im Freistaat Bayern mit seiner besonderes Wirtshaus- und Biergartentradition hatte das Gesetz der CSU viel Sympathie gekostet. Seit dem 1. August 2009 durften Raucher in Bayern wieder in Nebenräumen qualmen und kleine Lokale auch als Raucher-Gaststätten geführt werden. Der Volksentscheid hat diese Ausnahmen nun wieder kassiert.

Horst Seehofer hatte sich übrigens vor dem Votum des Volkes nicht mehr festlegen wollen: "Ich möchte, dass sich die Bevölkerung stark beteiligt und dann is a Ruh."

Autor: Andreas Noll
Redaktion: Kay-Alexander Scholz