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Asien

Fanatiker bedrohen das Erbe Gandhis

Hindu-Nationalisten bedrohen die christliche Minderheit, militante Islamisten verüben Terroranschläge: In Indien bedroht die wachsende Gewalt radikaler religiöser Gruppierungen die Einheit des Staates.

Mann mit Flagge vor Kreuz (Quelle: AP)

Orissa: Ein Hindu hisst eine Hindu-Flagge auf einer christlichen Kirche

Indiens Hindu-Nationalisten machen gegen die kleine christliche Minderheit des Landes mobil. Seit August haben hindu-nationalistische Schlägertrupps gezielt Christen in verschiedenen indischen Bundesstaaten bedroht, verprügelt und sogar ermordet. Allein im Bundesstaat Orissa wurden rund 50.000 Christen aus ihren Dörfern vertrieben, etwa 60 wurden ermordet. Angesichts der wachsenden Gewalt radikaler religiöser Gruppierungen fürchtet der Dachverband christlicher Organisationen "All India Christian Council" um die freiheitlichen Grundwerte Indiens.

Gerüchte in Umlauf

Ausgebranntes Haus (Quelle: DPA)

Niedergebrannte Häuser von Christen

Die Pogrome gegen Christen in Orissa wurden ausgelöst durch die Ermordung eines hochrangigen Mitglieds des radikalen Welt-Hindu-Rates VHP. "Obwohl sich maoistische Rebellen zu dem Mord bekannt hatten, behauptet der VHP, die Christen hätten ihren Anführer getötet und rechtfertigten damit ihre Angriffe", erklärt James Albert von der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen. "Es wurden Menschen von außerhalb herangekarrt, zwei- bis vierhundert Leute, bewaffnet mit Gewehren, und Speeren, Schwertern und Äxten." Diese hätten die Häuser von Christen geplündert und angezündet.

Bislang hätten Christen und Hindus in den Dörfern weitgehend friedlich zusammen gelebt, sagt James Albert, der die Menschen in Orissa regelmäßig besucht. Der Mord-Vorwurf sei nur ein Vorwand gewesen, meint er. Vielmehr gehe es um soziale Spannungen innerhalb der indischen Kastenhierarchie.

Konvertierte Unberührbare

Demo (Quelle: AP)

Protest gegen Muslime: Polizisten halten Hindu-Nationalisten zurück

Viele der rund zwei Prozent Christen in Indien gehörten vor ihrer Konversion zu den Dalits, den sogenannten Unberührbaren, also zu den Ärmsten der Armen des Landes. Angehörige anderer Hindu-Kasten empören sich darüber, dass sich die Dalits durch die Hinwendung zum Christentum vermeintliche soziale Vorteile verschaffen, zum Beispiel den Zugang zu christlichen Bildungsprogrammen. "Die katholische Mission und auch die evangelische haben sehr stark auf Bildung gesetzt", sagt James Albert. "Es gibt viele Schulen und andere Bildungseinrichtungen. Durch ihre bessere Bildung und ihre Aufgeschlossenheit nutzen die Christen ihre Möglichkeiten besser."

Daher werfen viele radikale Hindus christlichen Organisationen vor, sie würden Unberührbare bestechen und sie somit illegal zum Christentum bekehren. Vor diesem Hintergrund haben radikale Hindus Rekonversionen durchgeführt. Die Gesellschaft für bedrohte Völker berichtet, dass Christen in Orissa gezwungen wurden, zum hinduistischen Glauben zurückzukehren. Manche derjenigen, die dies verweigerten, wurden ermordet.

Bekehrung mit Gewalt

Demo (Quelle: AP)

Christen und soziale Aktivisten protestieren in Neu Delhi gegen die religiöse Gewalt in Orissa

James Albert erzählt die Geschichte von Binod Kumar Pradhan, der gerade noch einmal mit dem Leben davonkam: "Seine Bibel haben sie zerrissen. Dann haben sie ihm gesagt, jetzt konvertierst du sofort zum Hinduismus." Als er sich geweigert habe, hätten sie ihn verprügelt, an einen Baum gebunden und mit Kerosin übergossen. "Sie haben gesagt, du hast noch Zeit zum Überlegen, ob du konvertieren willst, wir müssen andere fangen, wir kommen in ein paar Stunden zurück, bis dahin überleg dir das." Stunden später, als es dunkel geworden war, habe ein Nachbar, ein Hindu, den Christen Pradhan befreit. Der hat inzwischen vor Gericht Klage eingereicht wegen versuchter Zwangskonversion.

Die Gewalttaten gegenüber Christen ereigneten sich in Bundesstaaten, in denen die Hindu-nationalistische Partei BJP regiert oder an der Regierung beteiligt ist. Mit vermeintlich religiösen Agitationen machen die BJP und ihre radikalen Unterorganisationen Stimmung gegen die Minderheit der Christen. Ihr Ziel ist, vor den im kommenden Mai stattfindenden Parlamentswahlen ein Zeichen zu setzen, sagt der Vorsitzende des All India Christian Councils, Joseph D'Souza: "Die bewusste Polarisierung der Menschen entlang extremer Religionsauffassungen wird als Mittel benutzt, um Wähler zu gewinnen. Wenn also die BJP mit den Ängsten der Menschen spielt, polarisiert und Feinde des Hinduismus erfindet, dann schafft sie einen kleinen, aber sehr wichtigen Wählerstamm."

Friedliches Miteinander bedroht

Nehru und Gandhi (Quelle: AP)

Nehru und Gandhi: Ihr Erbe ist durch religiösen Hass bedroht

Radikale Hindunationalisten ebenso wie militante Islamisten, die in Indien in diesem Jahr mehrere schwere Terroranschläge verübt haben, ähneln sich in ihrer Ablehnung eines säkularen, toleranten Indien, sagt D'Souza. Die Vision von Toleranz und friedlichem Miteinander, wie sie von Indiens Gründervätern Gandhi und Nehru vertreten wurde, sei noch nie so bedroht gewesen wie in diesen Zeiten, sagt D'Souza. "Heute ist die zentrale Idee von der Einheit Indiens als einer Nation, wo viele religiöse Traditionen in Freiheit und Frieden zusammenleben, bedroht durch die Besessenheit, politische Macht mit allen Mitteln zu erhalten."

Eine Lösung kann es nur geben, wenn die Gesetze gegen Gewalttäter konsequent angewandt werden, betont D'Souza. Dies sei bisher nicht in ausreichendem Maße geschehen. Er fordert, dass die Regierung die religiösen Minderheiten entsprechend der Verfassung schützt und die Mörder der Christen und des Hindu-Führers vor Gericht stellt.

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