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Filme

Fakt & Fiktion: Wie Film und Fernsehen das Geschichtsbewusstsein prägen

Wird das Bild, das die Deutschen von ihrer eigenen Geschichte haben, stark durch populäre Filme beeinflusst? Eine aktuelle Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte stellt wichtige Fragen - und präsentiert Erstaunliches.

Szene aus dem Film 'Bornholmer Straße' (Foto: Haus der Geschichte Bonn)

Deutsch-Deutsche Geschichte 1989: DDR-Grenzer im preisgekrönten TV-Spielfilm "Bornholmer Strasse"

Mehr als jedes Buch und jede Ausstellung, sogar mehr als der Schulunterricht beeinflussen der populäre Spielfilm und auch TV-Serien das Bild der Deutschen von ihrer eigenen Geschichte. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Doch wenn Hans Walter Hütter, der Chef des "Haus der Geschichte" in Bonn sie äußert, hat das schon eine gewisse Sprengkraft.

Vor allem auch, weil Hütter dies mit dem großen Anteil an Fiktion und Emotion begründet: "Letztlich garantiert (…) weniger die historische Faktentreue oder die Authentizität der Ausstattung hohe Einschaltquoten und volle Kinokassen. Entscheidend ist die Erzählung einer spannenden, oft melodramatischen Geschichte."

Verantwortlich für ein einprägsames Bild von der eigenen Historie sind also inszenierte Spannung statt Wahrhaftigkeit, emotionale Dichte statt historischer Genauigkeit? Fußt das Bild der eigenen Geschichte also auf falschen oder zumindest fiktiven Erzählungen? Die Frage wird in der aktuellen Ausstellung in Bonn facettenreich beantwortet. Klar ist: Anders als mit einer populären Aufbereitung in Film und Fernsehen würde sich die breite Masse der Zuschauer wohl überhaupt nicht mit historischen Themen beschäftigen.

Foto aus der Ausstellung INSZENIERT - DEUTSCHE GESCHICHTE IM SPIELFILM im HAUS DER GESCHICHTE in Bonn (Foto: Jochen Kürten)

Das Entrée der Bonner Ausstellung

Wie haben sich die Regisseure der Geschichte gestellt?

"Inszeniert - Deutsche Geschichte im Spielfilm" (9.6.-15.1.2017) heißt die Ausstellung, die im "Haus der Geschichte" in den kommenden Monaten das Publikum anziehen soll. Sieben Themenräume haben die Kuratoren gestaltet, sieben große Geschichtsfelder werden inszeniert - und vor allem die Frage gestellt: Wie sind die Regisseure in den letzten 70 Jahren mit diesen umgegangen? Als da wären: Holocaust, Zweiter Weltkrieg und Widerstand, Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg, Wirtschaftswunder, Linksterrorismus und auch DDR und Stasi, alles Stoffe, die für das Kino und TV-Serien inszeniert wurden.

Foto aus der Ausstellung INSZENIERT - DEUTSCHE GESCHICHTE IM SPIELFILM im HAUS DER GESCHICHTE in Bonn (Foto: Jochen Kürten)

Die Debatte über Filme über den "Holocaust" nimmt breiten Raum ein

Beispielhaft lassen sich die Konflikte, die sich nach der Ausstrahlung vieler historischer Filme (in TV und Kino) entzündeten, am besten bei den Themen "Holocaust" und "Flucht und Vertreibung" beschreiben.

Der Holocaust wurde auf breiter Ebene erst durch die US-Serie diskutiert

Die TV-Serie "Holocaust" löste Ende der 1970er Jahre eine intensive Debatte aus. Eine Debatte, die sich in ähnlicher Form Jahre später wiederholen sollte, wie Christian Peters, Kurator der Bonner Ausstellung, im Gespräch mit der DW erzählt: "Die Frage war: Darf man ein Thema wie die Vernichtung der europäischen Juden in Form einer solchen Familiengeschichte, die auch Szenen aus Konzentrationslager und Gaskammer beinhaltet, behandeln?" Das sei eine Diskussion, die Ende der 70er Jahre geführt worden ist, so Peters, die später aber auch noch einmal bei Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" geführt wurde.

Plakat des Films 'Die Brücke' . Foto: Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland/ Axel Thünker)

Der Zweite Weltkrieg im Spielfilm: Bernhard Wickis legendärer Film "Die Brücke"

"Holocaust" führte zu einem gesellschaftlichen Beben. Dabei wurde nicht nur darüber diskutiert, ob die TV-Saga zu emotional sei: Holocaust & Soap, das passe nicht zusammen, meinten damals viele Menschen. Gestritten wurde auch über die Frage, ob man das Geschehene überhaupt zeigen sollte. Man schwärze das Bild Deutschlands in der Welt an; dies sei kein Beitrag zur Völkerverständigung. So lauteten zwei der oft gehörten Urteile. Die Gegenseite argumentierte: Unbedingt sollte man Judenverfolgung und Konzentrationslager auch in bewegten Bildern zeigen. Und überhaupt sei der Holocaust bisher viel zu wenig aufgegriffen worden.

TV-Event "Die Flucht" löst Debatte über Vertriebene aus

Noch erstaunlicher war die Diskussion, die sich im Rahmen der Ausstrahlung des Fernsehfilms "Die Flucht" (mit Maria Furtwängler, 2007) abzeichnete. "Im Grunde ist das Thema Flucht erst nach der Deutschen Einheit, nach dem Ende des Kalten Krieges aufgegriffen worden", erinnert sich Christian Peters. Er vermute, dass sich Deutschland, erst nachdem es sich "nachgewiesenerweise ausführlich mit dem Holocaust und der eigen Schuld auseinandergesetzt hat", diesem Thema habe zuwenden können.

Filmstill aus dem Film 'Die Mörder Sind Unter Uns' mit Schauspielerin Hildegard Knef (Foto: picture-alliance/KPA)

Nachkriegszeit: Hans Wilhelm Borchert und Hildegard Knef in "Die Mörder sind unter uns"

Der Psychologe und Filmexperte Gerhard Bliersbach, einer der besten Kenner des deutschen Nachkriegskinos, sieht in der Beschäftigung der Regisseure mit der Geschichte ihres Landes starke Kontinuitäten, die sich bereits direkt nach dem Zweiten Weltkrieg abgezeichnet hätten: "Der allererste Nachkriegsspielfilm, Wolfgang Staudts 'Die Mörder sind unter uns' (1946), hat schon das Nachkriegsnarrativ entworfen. Das lautete damals: 'Wir konnten nichts machen!'."Gemeint seien die Bevölkerung und vor allem auch der einfache Soldat gewesen. An diesem Narrativ habe sich ein Großteil der öffentlichen Diskussion, die sich mit der Vergangenheit beschäftigte, entlanggehangelt - so Bliersbach gegenüber der DW.

Bliersbach: "Nachkriegsgesellschaft krankt an schneller Entschuldung"

Was auch in späteren Jahren gefehlt habe, insbesondere bei Filmen über den Zweiten Weltkrieg, "war der Versuch, die Handlungsspielräume, die existierten, zu erforschen. Wenn man davon ausgeht, dass nichts möglich war, dann ist die Sache ja schnell erledigt." Nach Bliersbachs Auffassung habe die Nachkriegsdiskussion "an der schnellen Entschuldung" gekrankt. An der (Film-)Figur des Soldaten, der nur seinen Dienst tut, nicht aber verantwortlich zu machen ist für die Nazi-Verbrechen.

Foto aus der Ausstellung INSZENIERT - DEUTSCHE GESCHICHTE IM SPIELFILM im HAUS DER GESCHICHTE in Bonn (Foto: Jochen Kürten)

Tom Cruise als Stauffenberg - in Bonn sind Originalkostüme zu sehen

Auf ähnliche Phänomene stößt der Besucher der Bonner Ausstellung auch beim Thema Widerstand. Hier überwältigte die öffentlichkeitswirksame Inszenierung des Films über das Stauffenberg-Attentats mit Tom Cruise ("Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat, 2008) nicht nur die deutschen Boulevardmedien.

Dabei hatten bereits zwei Filme in den 1950er Jahren das Thema aufgegriffen. Doch die seien, so Christian Peters, offenbar zu früh gekommen: "Hier war der gesellschaftliche Kontext so, dass eine Mehrheit der Deutschen dem Attentat noch sehr kritisch gegenüberstand." Das Bild des Verräters, des Eidbrechers, das von den Nationalsozialisten gestreut worden war, habe noch nachgewirkt.

Populäre Spielfilme erreichen Millionenpublikum

Zu begrüßen ist die aktuelle Beschäftigung mit der Art und Weise, wie die populären Medien Film & TV mit deutscher Geschichte umgegangen sind, auf jeden Fall. Die Frage, ob diese populären Medien das richtige Gefäß für das komplexe Thema Geschichte sind, beantwortet Hans Walter Hütter eindeutig: "Kann Geschichte unterhaltsam, ja spannend sein? Kann sie Menschen emotional ansprechen und Anstöße geben für generationenübergreifende Debatten im privaten Umfeld wie im öffentlichen Raum?" Ja, meint Hütter: "Offensichtlich gelingt dies immer häufiger Spielfilmen, die mit historischen Themen ein Millionenpublikum erreichen."

Plakat des Films Wir Wunderkinder (Foto: Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland/ Axel Thünker)

Historische Plakate wie das des Wirtschaftswunderfilms "Wir Wunderkinder" beleben die Bonner Schau

Der oft abschätzende Blick auf das altbackende deutsche Nachkriegskino, den man bis heute pflegt, wird durch solche Auseinandersetzungen relativiert: "Es ist eine Art von kulturellem Erbe, das man schlecht vergessen kann. Lange Zeit war es ja die buckelige Verwandtschaft, auf die immer heruntergeschaut wurde", sagt Gerhard Bliersbach. Aber auch eine buckelige Verwandtschaft müsse ja beachtet werden: "Man muss sich mit ihr irgendwie beschäftigen, weil sie ja da ist und eine Rolle spielt."

Der Katalog zur Ausstellung "Inszeniert - Deutsche Geschichte im Spielfilm" ist im Kerber-Verlag erschienen, u.a. mit einem Text von Christian Peters. Auch Aspekte wie "Computerspiel und Geschichtsfilm" werden abgehandelt, ISBN 978-3-7356-0188-9. Von Gerhard Bliersbach ist im vergangenen Jahr das Buch 'Nachkriegskino - eine Psychohistorie des westdeutschen Nachkriegsfilms 1946 - 1963' im Psychosozial-Verlag erschienen, ISBN 978-3- 8379-2334-6.

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