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Filme

Claude Lanzmanns "Shoah" erscheint auf Blu-Ray

Vor 30 Jahren feierte der Film des französischen Regisseurs in Deutschland Premiere und wurde bei der Berlinale ausgezeichnet. Das Werk über den millionenfachen Mord an den europäischen Juden liegt jetzt auf Blu-Ray vor.

28 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs begann der französische Journalist und Filmemacher Claude Lanzmann mit den Arbeiten an einem Filmprojekt, das den Arbeitstitel "Der Tod in den Lagern" hatte. Erst zwölf Jahre später war der Film fertig und sollte eigentlich unter dem Titel "Der Ort und das Wort" aufgeführt werden. Erst kurz vor Fertigstellung hatte sich Lanzmann dann für "Shoah" entschieden.

Auf der Suche nach dem passenden Titel...

Das lange Ringen um den richtigen Titel hatte seinen Grund. "Hätte ich darauf verzichten können, meinen Film zu benennen, ich hätte es getan", so Lanzmann später. Das, was passierte in den Jahren bis 1945 und das, was der Regisseur auf Zelluloid bannen wollte, war so unfassbar, dass Lanzmann zu dem Schluss kam, dass es eigentlich unbenennbar sei. Eben darin habe auch sein Ziel bestanden, "dass niemand versteht", so Lanzmann im Vorfeld der Filmpremiere in Paris. Damit wollte er auf den Punkt bringen, wie unvorstellbar eigentlich das Geschehene war, wie unmöglich es zu beschreiben und darzustellen.

Claude Lanzmann Film Shoah Filmstil (Foto: © absolut Medien GmbH)

Filmwissenschaftlerin Sonja M. Schultz: "Chiffren des Holocaust: Schienenstränge und Eisenbahnen, Bahnhöfe und Verladerampen"

Inzwischen wissen viele Menschen, wofür der Titel steht, auch wenn das hebräische Wort "Shoah" im Allgemeinen mit "große Katastrophe, Vernichtung oder Unheil" übersetzt wird. Der Begriff hat sich heute für die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten eingebürgert. Bereits kurze Zeit nach der Premiere sei "der Filmtitel sprachenübergreifend zum Namen geworden für das Ereignis in seiner absoluten, unheilvollen Einzigartigkeit", bemerkte Lanzmann. 30 Jahre nach seiner deutschen Kinoerstaufführung bei der Berlinale liegt "Shoah" jetzt im bestmöglichen Format Blu-Ray vor.

Berühmter Film, selten gesehen…

Diese neue Ausgabe ermöglicht es dem Interessierten "Shoah" zu sehen - vielleicht auch im mehreren Etappen. Denn: So berühmt der Film heute ist, so oft er auch ausgezeichnet und diskutiert wurde - gesehen haben ihn, in seiner Vollständigkeit zumal, die wenigsten. "Shoah" hat eine Länge von neuneinhalb Stunden. "Im Gegensatz zu den Erzählserien 'Holocaust' und 'Heimat' gelang es 'Shoah' nie, in Deutschland breite öffentliche Wahrnehmung zu erreichen", konstatiert nüchtern Sonja M. Schultz in ihrer detaillierten Untersuchung "Der Nationalsozialismus im Film". Und Peter Reichel kommt in seiner Analyse "Erfundene Erinnerung - Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater" sogar zu folgendem Urteil: "In der westdeutschen Gesellschaft ist 'Shoah' praktisch nicht zur Kenntnis genommen worden."

Claude Lanzmann Film Shoah Filmstil (Foto: © absolut Medien GmbH)

Konfrontation mit der Vergangenheit: Lanzmann versetzt den Holocaust-Überlebenden Simon Srebnik an den Ort früheren Schreckens

Die spätabendlichen Sendeplätze der deutschen TV-Sender waren im Frühjahr 1986 nicht gerade günstig gewählt, der Bayrische Rundfunk strahlte "Shoah" am Sonntagmorgen aus - nachdem er sich zunächst gegen ein Ausstrahlung gesträubt hatte. "Also während der Kirchgangszeit", wie Peter Reichel ätzend bemerkt: "Der Programmdirektor des BR glaubte, dass das Publikum durch den 40. Jahrestag des Kriegsendes mit Veranstaltungen und Veröffentlichungen 'überfüttert' worden sei und eine Pause verdient habe."

Ein neuer Blick auf "Shoah"

Nun, da noch einmal 30 Jahre vergangenen sind, lohnt sich ein neuer Blick auf "Shoah". Inzwischen sind wieder hunderte Filme über den Holocaust entstanden fürs Fernsehen und fürs Kino, tausende Sendungen über den Mord an sechs Millionen Juden an den TV-Zuschauern vorbeigezogen. Die politische Weltlage, auch in Europa und Deutschland, hat sich verändert. Wie steht man heute zu "Shoah"? Vor allem auch vor dem Hintergrund, dass sich die Sehgewohnheiten der Menschen durch digitale Revolution und Internet radikal verändert haben.

Ein neuneinhalbstündiger Film, der zudem mit langen, stillen Kamerafahrten arbeitet, der mehr oder weniger nur Interviews zeigt, der vollkommen auf Archivaufnahmen verzichtet - wie wirkt ein solcher Film über ein solches Thema inzwischen auf den Zuschauer? Dass ihn sich junge Leute heute vollständig anschauen, ist - von Ausnahmen abgesehen - eigentlich kaum vorstellbar.

Claude Lanzmann Roter Teppich Berlin Internationales Filmfestival (Foto: picture-alliance/dpa/E.Chesnokova/RIA Novosti)

Vor drei Jahren bekam Claude Lanzmann den Ehren-Bären der Berlinale fürs Lebenswerk

Lanzmanns hatte sich vehement gegen Werke wie die TV-Serie "Holocaust" oder den Kinofilm "Schindlers Liste" von Steven Spielberg gewandt, letzteren schalt er "blasphemisch".

Lanzmanns Film bietet eine Möglichkeit, sich mit den unvorstellbaren Verbrechen der Nationalsozialisten zu beschäftigen. Gleichzeitig ist er auch ein reflektierendes Werk über das Filmemachen an sich und den Umgang mit dem Holocaust im Kino.

Kann man den Holocaust auf Filmmaterial verewigen?

Der gleiche Skrupel, der Lanzmann damals bei der Wahl des Filmtitels befiehl, hatte ihn lange bei der Recherche und der Montage zu "Shoah" begleitet. Sonja M. Schultz: "Auch den Überlebenden fällt es oft schwer, überhaupt Zeugnis abzulegen und ihre ungeheuerlichen Erfahrungen in Worten mitzuteilen. So setzt 'Shoah' genau bei der Unmöglichkeit an, diese Geschichte erzählen zu können."

"Shoah" war immer auch umstritten. In Polen vor allem, weil viele dort den Eindruck hatten, dem Antisemitismus im eigenen Land würde im Film ein zu großer Platz eingeräumt. In Deutschland natürlich auch, wo viele Menschen lieber einen Schlussstrich ziehen wollten unter die Auseinandersetzungen mit Holocaust und Schuld. Umstritten war "Shoah" aber nicht zuletzt auch, weil Lanzmann so kategorisch auf seinen spezifischen Umgang mit dem Thema beharrte.

Peter Reichel: "Eine sich selbst dokumentierende Dokumentation"

"Shoah" war kein reiner Dokumentarfilm üblicher Machart und distanzierte sich doch mit aller Vehemenz von Spielfilmen wie "Schindlers Liste". Auch "Shoah" arbeitete mit inszenatorischen Mitteln. Peter Reichel: "Er ist, wenn überhaupt dokumentarisch, eine sich selbst dokumentierende Dokumentation." Lanzmanns Interviewtechnik stieß damals viele Beobachter ab. "Gegenüber den traumatisierten Opfern erscheinen diese unerbittlich, bisweilen unbarmherzig", so Reichel.

Doch all dem zum Trotze. Gerade weil "'Shoah' der wohl meist zitierte und aufgrund seiner Länge am wenigsten in Gänze gesehene Dokumentarfilm über den Holocaust" (Sonja M. Schultz) ist, sollte man sich heute wieder mit ihm beschäftigen.

"Shoah" liegt beim Anbieter "Absolut Medien" auf Blu-Ray vor, Länge 566 Minuten, Sprache: Mehrsprach. Originalfassung (Französisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch), Untertitel in deutsch, französisch, englisch, spanisch; Booklet mit Kurzbiographien aller Befragten und zahlreichen Lanzmann-Statements, ISBN: 978-3-8488-8503-9

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