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Globale Zusammenarbeit

Fairtrade boomt in Deutschland

Die Nachfrage nach fair gehandelten Produkten steigt seit Jahren konstant. Millionen Bauern in Asien, Afrika und Lateinamerika profitieren davon. Doch Preisschwankungen bei Rohstoffen gefährden den Erfolg.

Julian Müller erledigt gerade seinen Wocheneinkauf bei einem Lebensmitteldiscounter in Köln. Im Einkaufswagen liegen unter anderem Kaffee, Tee, Bananen, Reis und eine Flasche Wein, auf denen das grün-blaue TransFair-Siegel zu sehen ist. "Die Produkte sind zwar ein bis zwei Euro teurer, aber das ist es mir wert", sagt der Mittdreißiger. "Ich weiß, dass ich damit zu besseren Lebensbedingungen für die Bauern einen Beitrag leisten kann." Zuletzt legt er noch einen Strauß fair gehandelte Rosen aus Kenia in den Wagen.

Ein Einkaufswagen in einem Supermarkt, gefüllt mit Waren aus fairem Handel (Foto: TransFair e.V.)

Fair gehandelte Waren im Supermarkt

So wie Julian Müller entscheiden sich immer mehr Verbraucher in Deutschland für Lebensmittel, die unter ökologisch und sozial nachhaltigen Bedingungen erzeugt worden sind. 2011 wurden für fair gehandelte Produkte 477 Millionen Euro ausgegeben, 16 Prozent mehr als im Vorjahr. "Innerhalb der letzten drei Jahre konnte der Umsatz sogar verdoppelt werden", freut sich Claudia Brück von TransFair Deutschland. Der Verein vergibt das Fairtrade-Siegel für fair gehandelte Produkte auf der Grundlage von Lizenzverträgen.

International gültige Produktionsstandards

"Wir haben weltweit in über sechzig Ländern Berater vor Ort, die bei der Umstellung der Produktion helfen. Und wir haben ein Netzwerk von Auditoren, die die Einhaltung der Standards kontrollieren", erläutert Brück im DW-Interview. "Dazu gehören garantierte Mindestpreise für die Erzeuger, Prämien für soziale und ökologische Standards, nachhaltige Entwicklung, umweltschonender Anbau, keine illegale Kinderarbeit." Die Standards werden von der Fairtrade Labelling Organizations International (FLO), der Dachorganisation der Fairtrade-Siegelinitiativen, entwickelt. 1,2 Millionen Kleinbauern und Arbeiter profitieren weltweit von den Vorteilen des fairen Handels. Zählt man die Familienmitglieder hinzu, kommt man auf sechs Millionen Menschen, so der Bundesverband Forum Fairer Handel.

Der Preis entscheidet

Vertrieben werden die fair gehandelten Produkte in Deutschland überwiegend über die rund 800 "Eine-Welt-Läden" in ganz Deutschland, die ausschließlich Lebensmittel, Textilien und Kunsthandwerk aus Ländern des Südens anbieten. Aber auch der konventionelle Lebensmitteleinzelhandel hat immer mehr fair gehandelte Lebensmittel im Sortiment. Dabei fällt die Entscheidung für nachhaltig hergestellte Lebensmittel nach denselben Kriterien wie für alle anderen Waren, erläutert Peter Haferkamp, Warengruppen-Manager der Unternehmensgruppe Tengelmann: "Wir schauen uns das Sortiment an und überlegen genau, wo wir uns mit Fairtrade-Produkten gut positionieren können. Eine Ware kommt nur ins Sortiment, wenn entsprechender Umsatz damit gemacht werden kann." Am besten verkaufen sich im Fairtrade-Segment Genussmittel wie Schokolade, Kaffee und Tee, so Haferkamp.

Arbeiterin auf einer Fairtrade-Blumenfarm in Tansania. (Foto: TransFair e.V.)

Fairtrade-Blumenfarm in Tansania

Im europäischen Vergleich ist Deutschland allerdings ein Fairtrade-Entwicklungsland. Während in der Schweiz beispielsweise fast die Hälfte der verkauften Bananen aus Fairtrade-zertifiziertem Anbau stammt, liegt der Marktanteil in Deutschland bei unter einem Prozent. Und nur zwei Prozent des Kaffees stammen aus der Fairtrade-Produktion - in Großbritannien liegt der Marktanteil zehn Mal so hoch. "Deutschland ist ein sehr stark auf den Preis fokussierter Markt. Wir geben nur elf Prozent unseres Einkommens für Lebensmittel aus. Die Verbraucher sind sehr fixiert auf Billigpreise", so Brück von TransFair. "Unser Konzept, dass wir schon am Anfang der Wertschöpfungskette auskömmliche Preise für die Produzenten brauchen, steht der Dynamik des Lebensmittelhandels entgegen."

Peter Haferkamp von Tengelmann bleibt bei seiner Einschätzung des Fairtrade-Marktes auch realistisch: "Ich sehe für die Zukunft Chancen, dass sich das weiterentwickelt. Wir haben in den letzten drei Jahren sehr gute Zuwachsraten im zweistelligen Bereich. Es wird aber immer eine Nische bleiben."

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Fair Trade: Lila Reis aus Laos

Preisspekulationen bedrohen Kooperativen

Sorgen bereiten den Fairtrade-Organisationen die starken Preisschwankungen in immer kürzeren Abständen auf dem Weltmarkt. "Tiefstpreise sind immer schwierig, weil dann der Preisabstand zwischen einem fair gehandelten Produkt und einem konventionellen Produkt sehr hoch erscheint", so Brück. Steigende Preise seien aber ebenfalls problematisch für die Kooperativen. Wenn tatsächlich die realen Preise ansteigen, können die Bauern über den Verkauf ihrer Produkte höhere Einkommen erzielen. "Aber immer häufiger sind es die Börsennotierungen, die in die Höhe schnellen. Dann wird es schwierig, weil das Geld nicht bei den Produzenten ankommt. Die Kehrseite des Preisanstiegs ist aber, dass auch die Produktionskosten steigen." Das Forum Fairer Handel setzt sich daher für eine stärkere Regulierung der Rohstoffmärkte ein, um extreme Preisschwankungen zu verhindern.

Bis Ende September findet in Deutschland die "Faire Woche" statt. Bundesweit wird es mehrere tausend Veranstaltungen zu Themen wie nachhaltiger Konsum und faire Produktionsbedingungen geben. "Ich werde die Gelegenheit nutzen, um mich weiter zu informieren und vielleicht neue fair gehandelte Produkte zu entdecken", hat sich Julian Müller vorgenommen.

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