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Wirtschaft

Der Kakaomarkt ist im Umbruch

Weil die Spekulation mit Agrar-Rohstoffen nicht nur unter Entwicklungsexperten umstritten ist, setzt die Schoko-Branche auf fairen Handel und Öko-Labels. Imagepflege oder echter Neubeginn?

Von der frisch geernteten Kakaobohne an der Elfenbeinküste bis zum fertig gebackenen Keks in Deutschland ist es ein weiter Weg - geografisch wie wirtschaftlich. Dass sich oft nur ein Bruchteil der Verkaufserlöse in den Einnahmen der Kakaobauern am Anfang der Lieferkette niederschlägt, weiß auch der Süßwarenspezialist Bahlsen. Umso mehr komme es darauf an, die Lage der Erzeuger durch fairen Handel zu bessern: "Das Unternehmen trägt eine große Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Umwelt."

Was etwas feierlich klingt, hat bei den Hannoveranern einen ernsten Hintergrund. Der Kakaoweltmarkt ist - ähnlich wie bei Kaffee, Tee und anderen Südfrüchten - von launischen Preisen, wechselhaften Qualitäten und einer enormen Einkaufsmacht des Nordens geprägt. Jetzt wollen aber auch Europas Schokofirmen den Boom der Zertifikate für fairen Handel und neue Öko-Standards nutzen.

Fairer Handel

Alles nur Imagepflege? Keinesfalls, sagt jedenfalls Kristine Adams von Bahlsen. Anfang Juli startete der Gebäckkonzern mit weltweit mehr als 2.500 Mitarbeitern den Kakaoeinkauf auf Basis des UTZ-Labels - einer der "größten Nachhaltigkeitsinitiativen im Agrarsektor". Kakao in fair gehandelter Form sei meist teurer, aber häufig mit Umwelt- und Betriebswirtschafts-Schulungen für Kakaobauern gekoppelt.

Grundsätzlich bekommt die Wirtschaft Rückendeckung von den Label-Betreibern. "Kein Unternehmen kann es sich heutzutage noch leisten, das Thema Unternehmensverantwortung zu ignorieren", heißt es bei Fairtrade Deutschland. Die Glaubwürdigkeit könne allerdings nur gesichert werden, wenn es regelmäßige, transparente Kontrollen gibt.

Kakaonachfrage zieht an

Auch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die Entwicklungsprojekte im Auftrag der Bundesregierung umsetzt, sieht neben allen Vorteilen Verbesserungsbedarf. "Wir haben die glückliche Situation, dass die Nachfrage nach nachhaltigem Kakao anzieht", sagt GIZ-Mitarbeiter Philipp Schukat. Fairtrade könne etwa Kleinbauern in Afrika helfen, Kinderarbeit auf Plantagen zu bekämpfen. Aber die Ursachen von Unterentwicklung gingen tiefer, fairer Handel sei lediglich ein Gegenmittel von vielen. "Er ist ein Baustein, kein Patentrezept."

Kinder in einem Dorf in der Elfenbeinküste, das vom Kakaoanbau lebt, kommen von der Feldarbeit. Das Land ist produziert weltweit am meisten Kakao. 30 Prozent der Kakaobohnen stammen von dort. (Foto: AP/Schalk van Zuydam)

Kinder in einem Dorf in der Elfenbeinküste kommen von der Feldarbeit. Das Land produziert am meisten Kakao weltweit. 30 Prozent der Kakaobohnen stammen von dort.

Importeure teilen diese Sicht. Rodger Wegner, Geschäftsführer des Vereins der am Rohkakaohandel beteiligten Firmen in Hamburg, sieht die Fairtrade-Bewegung nicht als Ausdruck von Gutmenschentum. Eher gehe es um handfeste Verbesserungen im Wirtschaften und Naturschutz.

Bauern im Mittelpunkt

"Ohne Produktivitäts- und Einkommenssteigerungen für die Bauern wird es immer schwieriger werden, ausreichende Qualitäten und Quantitäten zur Deckung einer wachsenden Weltnachfrage zu ernten", erklärt Wegner. Nicht zuletzt deutsche Nahrungsmittelhersteller seien in der Pflicht - schließlich ist die Bundesrepublik innerhalb der EU mit über einem Drittel der produzierten Schokowaren die Nummer eins.

An der Preisfront herrsche derzeit wieder Ruhe. "Das Niveau hat sich gegenüber 2011 zurückgebildet", sagt der Kakao-Fachmann. Der Preis für die Tonne Rohkakao liege an den großen Agrarbörsen in New York und London bei 1.500 britischen Pfund. Künftige Kapriolen seien nicht auszuschließen - zumal die Schuldenkrise den Konsum drücken und die politische Krise an der Elfenbeinküste den Preis treiben könnte. 

Spekulanten bringen Unruhe

Für die Süßwarenbranche ist die Berg- und Talfahrt zum Problem geworden. Früher konnte sie anhand der Witterung, Erntemenge und politischen Lage in den Anbaugebieten abschätzen, wie sich der Preis entwickelt. Doch seitdem Spekulanten auf den Geschmack gekommen sind und große Mengen Kakao einkaufen, einlagern und bei Knappheit zu hohen Preisen verkaufen, gelten die alten Regeln nicht mehr.

"Man bräuchte im Prinzip eine Glaskugel", beschreibt Ritter Sport-Geschäftsführer Alfred Ritter gern das Dilemma. Für ihn kommt es nicht infrage, auf dem Rohstoffmarkt mitzumischen: "Mit Essen spielt man nicht." Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) nimmt sich das zu Herzen: Nach öffentlicher Kritik an Spekulation mit Agrar-Rohstoffen kündigte sie vor kurzem an, sich aus diesem Geschäft zurückzuziehen.

Hohe Standards sind teuer

Den Sprung zu einhundertprozentiger Nutzung von Fairtrade-Kakao haben indes bisher nur wenige gewagt. Dazu gehört der österreichische Schokoladenhersteller Zotter. "Als kakaoverarbeitender Betrieb tragen wir Verantwortung für die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bauern in der Dritten Welt", mahnt Firmenchef Josef Zotter.

Die hohen Standards haben allerdings ihren Preis: Die meisten Zotter-Schokoladen kosten mehr als vier Euro pro 100 Gramm und werden deshalb vor allem über kleine Chocolaterien und Cafés vertrieben. Im Supermarkt lassen sich derartige Preise kaum durchsetzen: Dort reagieren Kunden schon auf Preiserhöhungen von fünf Cent empfindlich.

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