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Amerika

Facebook-Gruppe ruft Kubaner zur Rebellion

Noch ist der Funke der "Facebook-Revolution" nicht auf Kuba übergesprungen. Eine Gruppe von Netz-Aktivisten will das ändern – das Regime antwortet mit einer neuen Repressionswelle.

Die Schatten von Jugendlichen mit einem Laptop sind vor dem Schriftzug des sozialen Internet-Netzwerks Facebook zu sehen, aufgenommen am 26.04.2010.Internetprofile in sozialen Netzwerken wie Facebook und studivz lügen nicht, sondern sie sagen die Wahrheit über ihre Besitzer. Zu diesem Ergebnis kam die Persönlichkeitspsychologin Juliane Stopfer von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Foto: dpa)

Die kubanische Opposition nutzt zunehmend soziale Netzwerke wie Facebook

"Wir teilen mit, dass vom 21. bis zum 26. Februar verschiedene Einzel- und Großdemonstrationen auf der ganzen Welt stattfinden werden", so kann man es in einer Meldung der Gruppe "Por un Levantamiento Popular en Cuba" lesen, was übersetzt so viel heißt wie "Für ein Aufbegehren der Bürger Kubas". Von den Niagarafällen bis zum Time Square, über Konsulate und Botschaften in Berlin, Mailand und viele andere, auch spanische, Städte: Überall sind die Kubaner über Facebook aufgerufen worden, ihren Widerstand gegen Castros Herrschaft zu bezeugen und sich solidarisch mit Protesten auf der Insel selbst zu zeigen.

Plakat der Facebook-Bewegung Por el levantamiento popuar en Cuba Keywords: cuba, facebook, levantamiento popular, Bewegung

Das Logo der Facebook-Bewegung "Por el levantamiento popuar en Cuba"

Der Gründer der Bewegung heißt Joel García. Er ist Kubaner, Experte in der Pharmaindustrie, und lebt seit elf Jahren auf den Kanaren. "Eines Tages habe ich angefangen, darüber nachzudenken, warum die im Ausland lebenden Kubaner für Veränderungen in unserem Heimatland keine Impulse geben", erzählt García. So kam ihm die Idee, ein Facebook-Profil zu erstellen.

Bescheidener Anfang

Das Ganze kam sehr spontan zustande, erinnert sich auch Garcías Mitstreiter Frank Prieto. "Ich habe zu Hause vorm Fernseher verfolgt, was sich gerade in Tunesien abspielte und gleichzeitig im Internet recherchiert. Auf einmal fand ich mich im kubanischen Blog der Kanaren wieder." Dort wurde in einer Audiodatei aufgefordert, selbst aktiv zu werden. Das leuchtete Prieto ein. Was, wenn er selbst ein Video aufnehmen würde, in auf dem er die Leute bitte, ihre Zeit zu opfern um auf die Straßen zu gehen? "Also habe ich das Video gedreht und mich in Kontakt mit Joel gesetzt. So hat sich das Ganze dann ergeben“, erklärt Frank Prieto. Der Exil-Kubaner ist Schauspieler und lebt in Andorra. Seit Beginn der Gruppe "Für ein Aufbegehren der Bürger Kubas" steht er García zur Seite.

"Ich war bei der Demonstration in Berlin nicht dabei. Wenn ich die Schülerin und nicht die Lehrerin gewesen wäre, dann wäre ich ohne Zweifel hingegangen, doch ich konnte den Kurs nicht einfach verschieben", so Aguaya Berlín, eine kubanischen Bloggerin in der Hauptstadt Deutschlands. Die Fotos der Demonstration zeigen ein gutes Dutzend Personen, die Plakate hochhalten, auf denen sie Freiheit und Menschenrechte für die Insel fordern. Auch anderenorts, in Kanada oder Florida, war die Anzahl der Demonstranten nicht größer. Die Vorbilder sind Ägypten und Tunesien, doch die Facebook-Revolution scheint in Kuba nicht anzukommen.

Bild 5 S. 71 Kuba Szene aus dem Bildband Karibik: Kuba Bild 5 S. 71 Kuba Fotograf: Alex Webb von der Fotoagentur Magnum Der Bildband wurde herausgegen vom Mare Verlag. Die Bildauswahl steht für die Verwendung bei Rezensionen honorarfrei zur Verfügung. Nutzung ist folgendes Copyright zu nennen: (Foto: Alex Webb/Magnum/Ag. Focus)

"Viele Kubaner warten lieber erst einmal ab, bevor sie auf die Straße gehen."

Das Internet und die Angst

"Einerseits, hat das Übergreifen der Revolution etwas mit geografischer Nähe zu tun", analysiert Joel García die Unterschiede zwischen Arabien und Kuba. Andererseits spiele der schwer mögliche Internetzugang eine Rolle. García erinnert daran, wie isoliert Kuba ist. Sich von einer Provinz zur nächsten zu bewegen, sei äußerst schwierig. Sich mit jemandem außerhalb von Kuba zu verständigen, sehr kompliziert. "Nur drei Prozent der Bevölkerung haben Zugang zum Internet, was in der heutigen Welt so gut wie nichts ist", fügt Frank Prieto hinzu. "Wir haben es mit einer Diktatur zu tun, die 52 Jahre für Angst und Schrecken sorgte. Ganze Generationen sind mit dieser Angst aufgewachsen."

Alba Marina Rivera pflichtet dem bei. Die Illustratorin lebt seit elf Jahren in Spanien, kennt die Situation in ihrer Heimat Kuba jedoch nur zu gut: Nur wenige Haushalte in Kuba verügen über einen Computer. Und wenn man es schaffe, sich an seinem Arbeitsplatz oder auch woanders zu verbinden, sei die Paranoia groß, sagt Alba. "Alles wird derart kontrolliert, dass man auf keine Seite geht, die einen in Schwierigkeiten bringen könnte. Man liest seine E-Mails und macht sonst nur wenig im Internet." Auch wenn es überhaupt Handys gebe, dann sind sie teuer. "Auch in den sozialen Netzwerken werden keine Kommentare hinterlassen, weil man nicht weiß, wer sie lesen könnte", sagt Rivera. Die kubanische Regierung wisse genau, wie sie den Informationsfluss kontrollieren kann. Und die Gehirnwäsche nach 50 Jahren Diktatur beeinflusse die Menschen stark.

Warum springt der Funke nicht über?

Die Angst beeinflusst nicht nur Bewohner Kubas, sondern auch die Menschen in der Ferne. "Der Kubaner lebt wie ein Verschleppter außerhalb Kubas", behauptet Prieto. "Wenn du das nächste Mal zum Konsulat gehst, hast du Angst davor, dass sie deinen Facebook-Account gefunden haben und dich nicht mehr rein oder raus lassen." Rivera stimmt zu: "Ich empfinde das genauso". Trotzdem wollte sie am Samstag (26.02.2011) dem Aufruf von "Für ein Aufbegehren der Bürger Kubas" folgen und vor dem kubanischen Konsulat in Barcelona stehen. "Doch", sagte sie im Vorfeld, "ich werde gehen. Ich glaube, wir werden zu viert sein, aber das ist immerhin etwas. Wir müssen endlich selber etwas tun."

Aufruf anlässlich des ersten Todestages von Orlando Zapata

Erinnerung an Orlando Zapata Tamayo, Plakat der Facebook-Bewegung Por el levantamiento popuar en Cuba

Aufruf zum 1. Todestag von Orlando Zapata

Doch Riveras Zuversicht hält sich in Grenzen: "Ich bin mir fast sicher, dass in Kuba nichts passieren wird", sagt sie ernüchtert. Einerseits bekämen die meisten Leute nichts mit von alledem. Und die, die tatsächlich Bescheid wissen , würden sicher bereits kontrolliert werden. "Sie werden es dementsprechend schwer haben, auf die Straße zu kommen", fürchtet Rivera. Das zeigte sich zuletzt am 21. Februar. Für vergangenen Montag rief die Opposition in Kuba genauso wie die Organisation "Für ein Aufbegehren der Bürger Kubas" zu einer Demonstration zum Gedenken an Orlando Zapata Tamayo. Der Dissident war vor einem Jahr am 23. Februar im Gefängnis nach 86-tägigem Hungerstreik gestorben. Die kubanischen Behörden begegneten dem Aufruf laut Pietro mit den üblichen Maßnahmen.

"Laut den offiziellen Nachrichten hat niemand auf unseren Aufruf vor den Palast der Revolution reagiert", sagt Pietro. Nach anderen Quellen war es gar nicht möglich, dorthin zu gelangen - der Platz war komplett abgesperrt und ein Bild von gut gekleideten, friedlich spielenden Kindern inszeniert. "Ich sage nicht, dass alle Leute vor Ort von den Behörden waren, aber sicher wimmelte es dort von Sicherheits-Beamten", glaubt Pietro. Die jüngste Zusammenkunft, der Gedenkmarsch "Marcha Zapata Vive" ist eine noch viel delikatere Angelegenheit. Die politische Polizei überwache all diejenigen, die nicht auf Seiten des Regimes seien, es habe viele Festnahmen gegeben, ergänzt Joel García. "Man befürchtet offenbar, dass einer der Versuche den Funken letztendlich doch überspringen lässt. Denn die Voraussetzungen sind in jedem Fall gegeben", meint García.

Zermürbende Repression

Wenig halten die Organisatoren der "Made-In-Bewegung" von der Annahme, dass der Funke nicht überspringe, weil die Verzweiflung der Kubaner noch nicht so groß sei, wie die der jungen, arbeitslosen Araber. Aguaya Berlín glaubt, dass viele Kubaner lieber erst einmal abwarten oder einfach das Land verlassen, anstatt auf die Straßen zu gehen, um zu protestieren.

Sie habe Kuba verlassen, um zu überleben, erinnert sich Alba Marina Rivera. "Ich hatte die Chance, raus zu kommen und habe sie mit nur wenigen Zweifeln wahrgenommen“, erzählt die Exilantin. Als sie in Spanien ankam, wollte sie sich von all dem frei machen. "Denn in Kuba gibt es nichts, was nicht als politischer Akt aufgefasst wird", sagt Rivera. "Zum Schluss ist man nur noch müde, weil man sich ständig verpflichtet fühlt, irgendwie zu den Institutionen dazuzugehören. Ich wollte leben, eine Familie haben, ein normaler Mensch sein. Vielleicht ist es genau das, was uns Kubanern gerade widerfährt."

Sichtbar-Sein

Obwohl sie so empfindet, hat die Initiative von Joel García und Frank Prieto sie dem politischen Engagement wieder ein bisschen näher gebracht. "Das Mindeste, was wir Kubaner außerhalb der Insel tun können – da wir Informationen erhalten, uns aber keiner bestrafen kann – ist, auf die Straße zu gehen, sodass die Menschen uns sehen", sagt Rivera. Außerdem haben die Demonstrationen von "Für ein Aufbegehren der Bürger Kubas" einen anderen Charakter als man ihn sonst kenne: "Dies ist kein Aufruf einer bestimmten Organisation oder eines Vereins. Jeder von diesen Vereinen organisiert bloß seine eigene Veranstaltung, geht dann hin und knipst Fotos", erklärt García. "Und ich denke, dass es bedeutend ist, wenn Menschen für Freiheit und Demokratie demonstrieren, ohne einen Anführer zu haben, der ihnen sagt, wo und wann man sich trifft."

Autor: Luna Bolivar Manaut / VHN

Editor: Pablo Kummetz / Sven Töniges

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