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Filme

Explosion in Technicolor: eine Retrospektive

Die Zuschauer der filmhistorischen Schau der Berlinale können sich einem Farbrausch hingeben. Die Retrospektive "Glorious Technicolor" lädt zur Begegnung mit vielen Klassikern ein - und zu Neuentdeckungen.

"Singinʼ in the Rain" und "The Wizard of Oz", "Duell in the Sun" und "African Queen" - diese Titel lassen die Herzen der Filmfans höher schlagen. Sie alle entstanden mit Hilfe des Farbfilmverfahrens "Technicolor" in den Jahren zwischen 1935 und 1955 . Doch bei der Retrospektive der

Berlinale

kann man in diesen Tagen auch zahlreiche Perlen der Filmkunst entdecken, die man schon lange nicht mehr oder noch gar nicht gesehen hat.

Filme aus dem "George Eastman House" in Rochester (USA) und weiteren Archiven der Welt wurden zusammengetragen, zum Teil aufwendig restaurierte Fassungen und lange nicht mehr gesehene Meisterwerke der Filmhistorie. Organisiert wird die

Berlinale-Retrospektive

von der Stiftung Deutsche Kinemathek. Kurz vor der Eröffnung sprach Jochen Kürten mit dem Leiter Rainer Rother.

DW: Was macht das Technicolor-Farbfilm-Verfahren so besonders, dass die Berlinale gerade dieser Technik eine ganze Retrospektive widmet?

Rainer Rother: Technicolor ist sicher das Farbverfahren, mit dem der Farbfilm beim Publikum eine große Akzeptanz fand. Es war das erste Farbverfahren, das das Farbspektrum auch tatsächlich vollständig abbilden konnte. Mit diesem Verfahren verbindet man spektakuläre Filme, die in unserer kollektiven Erinnerung eingegangen sind, zum Beispiel der Zeichentrickklassiker von Walt Disney "Schneewittchen" oder auch "Vom Winde verweht".

Filmstill Vom Winde verweht (Foto: picture alliance kpa)

Megaerfolg Hollywoods in den 1930er Jahren: "Vom Winde verweht" - auch wegen der Farben

Was unterscheidet Technicolor von anderen Farbfilm-Verfahren?

Technicolor ist immer als das spektakulärste Farbverfahren gehypt worden. Das stimmt in gewisser Hinsicht auch. Obwohl man auch sagen muss: Man hat damals (bei den ersten Technicolor-Filmen, Anmerk. der Red.) auch einen zurückhaltenden Umgang mit der Farbe gewählt. Aber denken Sie an Filme wie "Vom Winde verweht", "Singin' in the Rain", an Western wie "Duell in der Sonne" und "Der Teufelshauptmann", an Musicals wie "Mississippi Melodie" oder "Yolanda" - dann hat man natürlich sofort Bilder vor dem inneren Auge. All das sind Filme, die für eine bestimmte Qualität des Hollywoodfilms und des Farbfilms stehen, für einen bestimmten, sehr raffinierten Umgang mit Farbe.

Die Regisseure haben Farbe ja auch nicht nur für realistische und naturalistische Zwecke eingesetzt, sondern auch für künstlerische…

Ja, Farbe wurde als dramaturgisches Element entdeckt. Dann spielt es auch eine Rolle, in welchen Genres Farbe zum Einsatz kam. Bei den Western zum Beispiel, die einen erstaunlich großen Anteil am Farbfilm haben, spielt eine realistischere Farbgebung eine sehr viel stärkere Rolle als etwa in Melodramen oder im Musical, wo es manchmal zu wahren Farbexplosionen kam.

Wie sind die Filmemacher damit konkret umgegangen? Wie haben sie Technicolor eingesetzt?

Das konnte schon ganz am Anfang einer Filmhandlung eine Kleidung sein, die bei zwei Figuren farblich sehr ähnlich war, so dass der Zuschauer vermuten konnte, dass diese zwei Protagonisten am Ende zusammenkommen. Das kann aber auch tatsächlich das "Freistellen" von Farben sein: Der Bildschirm, die Leinwand, wurde in ganz bestimmten Szene einmal ganz in Rot getaucht. (unser Foto oben: eine Szene aus "Blondinen bevorzugt"). All das war mit dem Technicolor-Verfahren möglich.

Berlinale 2015 Mississippi-Melodie Filmstill (Foto: Berlinale)

Technicolor-Farben eigneten sich besonders für die Gefühlswelt von Musicals: "Mississippi-Melodie"

Technicolor war eine US-amerikanische Erfindung, hat sie sich auch in Europa durchgesetzt?

Das ist interessant. Technicolor hat schon in den 30er Jahren in Europa Fuß fassen können. Ein bisschen ist das zum Beispiel in Italien gelungen. Deutschland hat auf die Entwicklung eines eigenen Verfahrens gesetzt: "Agfacolor".

Die ganz großen Technicolor-Produktionen sind aber auf die USA und auf Großbritannien beschränkt. Zumindest die, die mit dem klassischen Technicolor-Verfahren, also den Technicolor-Kameras und mit der Technicolor-Drucktechnik, realisiert wurden.

Was hat denn zum Beispiel das deutsche "Agfacolor" von anderen Farbverfahren unterschieden?

Der große japanische Regisseur Ozu Yasujirō hat einmal gesagt, Agfacolor habe im Vergleich zu Fujicolor oder Kodacolor "das schönere Rot". Bei Technicolor ist es so, dass vielleicht erst dieses spezielle Verfahren für die Entdeckung der "Gewalt" und die ästhetische Macht von Farben steht. Auch war es ein Verfahren, bei dem sehr viele Möglichkeiten der Korrektur lagen. Man kann sagen, dass Technicolor ein sehr spezifisches, ein sehr spezielles Farbverfahren war - und deswegen eine Retrospektive wert ist.

Eine Retrospektive ist ja in der Vorbereitung immer ein weltumspannendes Unternehmen. Mit welchen Partnern haben Sie diesmal zusammengearbeitet?

Es war eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit dem "George Eastman House" in Rochester; dort wird die Technicolor-Sammlung aufbewahrt. Dort gibt es auch noch originale Technicolor-Kopien. Dann haben wir wie immer eng mit unserem Partner in New York, dem "Museum of Modern Art", zusammengearbeitet. Auch mit der "Film Academy" und mit dem "British Film Institut". In den letzten Jahren wurden von Archiven, aber auch von großen Film-Studios wie 20th Century Fox oder Columbia, sehr viele Technicolor-Filme in wunderbarer Qualität restauriert. Von diesen zeigen wir jetzt viele.

Berlinale 2015 König der Toreros Filmstill (Foto: Berlinale)

"König der Toreros" - historischer Hollywood-Abenteuerfilm mit prächtigen Farben aus dem Jahre 1941

Was sind die Highlights? Was sind für Sie ganz persönlich die Höhepunkte?

Wir sind sehr froh, dass wir einige Filme entdeckt haben, die bei uns gar nicht als so tolle Farbfilme bekannt waren. "The Sheperd of the Hills" ("Verfluchtes Land") von Henry Hathaway ist ein solcher Film. Dann gibt es einige bezaubernde Restaurierungen, unter anderem von "The Wizard of Oz". Wir fanden auch sehr schöne realistische Filme, die in den Kriegsjahren entstanden sind: von David Lean zum Beispiel "This Happy Breed" ("Wunderbare Zeiten"). Auch King Vidors "An American Romance" ist ein Beispiel.

Die Technicolor-Retrospektive wird im April auch im Filmmuseum in Wien gezeigt. Anschließend wandert sie weiter zum Museum of Modern Art in New York. Zur Berlinale-Retrospektive ist beim

Verlag "Bertz/Fischer" ein Buch

erschienen, das verschiedene Aspekte des Technicolor-Verfahrens darstellt, hrsg. von Rainer Rother, Connie Betz und Annika Schaefer, 180 Seiten, ISBN 978-3-86505-238-4.

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