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Wirtschaft

Ex-Deutschbanker im Libor-Skandal vor Gericht

Sie sollen die wichtigen Zinssätze Libor und Euribor manipuliert haben. Die Bank hat bereits Milliardenstrafen gezahlt - dennoch könnte es in den USA noch zu Sammelklagen kommen.

Bei der Anhörung in London, die noch kein offizieller Prozessauftakt ist, erschienen nur zwei der sechs Beschuldigten persönlich. Im Falle des ehemaligen Deutsche-Bank-Händlers Christian Bittar nutzte das persönliche Erscheinen nicht viel: Das Gericht legte eine Kautionszahlung in Höhe von umgerechnet 1,46 Millionen Euro fest. Ein zweiter Ex-Deutschbanker muss umgerechnet rund 134.000 Euro Kaution hinterlegen. Auch vier frühere Angestellte der britischen Großbank Barclays und einer der französischen Société Générale sind vor dem Westminster Magistrates' Court erschienen.

Die britische Strafverfolgungsbehörde Serious Fraud Office (SFO) wirft ihnen vor, sich an Manipulationen der Libor- und Euribor-Zinssätze beteiligt zu haben. Von den sechs Beschuldigten, die für die Deutsche Bank gearbeitet haben, sind fünf deutsche Staatsbürger, Bittar ist Franzose, lebt offiziell in Singapur und behauptet, immer noch für die Deutsche Bank tätig zu sein. Diese wollte sich allerdings zur Anhörung in London nicht äußern.

Nachdem der Skandal 2012 bekanntgeworden war, entließ der deutsche Branchenprimus mehrere Händler. Im August war einer der Hauptverdächtigen im Libor-Skandal in London zu 14 Jahren Haft verurteilt worden, später wurde die Strafe auf elf Jahre vermindert. Er hatte für Schweizer Großbank UBS gearbeitet.

Hohe Geldstrafen

Wegen der Manipulationen musste die Deutsche Bank viel Geld abdrücken. Die EU-Kommission verhängte Ende 2013 eine Strafe von 1,7 Milliarden Euro gegen sechs Großbanken, davon entfiel mit 725 Millionen Euro der Löwenanteil auf das Frankfurter Geldhaus. Die Behörden in Großbritannien und den USA brummten der Bank eine Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar auf.

Die deutsche Finanzaufsicht BaFin hatte in ihrem Bericht zur Zinsaffäre eine Reihe von Top-Managern scharf angegriffen und ihnen zu laxe interne Kontrollen beziehungsweise eine mangelnde Aufklärung der Tricksereien vorgeworfen. Darunter war auch Co-Vorstandschef Anshu Jain, der im Frühsommer sein Amt zur Verfügung stellte. Einen Zusammenhang zwischen dem Rücktritt und dem BaFin-Bericht wies die Bank allerdings zurück.

Was sind Libor und Euribor?

Die European Interbank Offered Rate, kurz Euribor, ist der Zinssatz, den europäische Banken voneinander beim Handel mit Krediten erheben. Er gilt als wichtigster Referenzzinssatz bei auf Euro lautenden Krediten, insbesondere Euro-Anleihen. Täglich melden die bis zu 43 sogenannten Panel-Banken, darunter elf deutsche Banken, Angebotssätze, auch Briefsätze oder Offered-Rates genannt, für Ein- bis Zwölfmonatsgelder um 11:00 Uhr Brüsseler Zeit an einen Informationsanbieter, der daraus den Euribor berechnet.

Dieser Zinssatz wird werktäglich veröffentlicht und bildet die Verhandlungsbasis für kurzfristige Kredite, dient aber auch als wichtige Informationsquelle für die Anlage von Festgeldern, um mit der Bank über die Höhe des Festgeldzinses verhandeln zu können. Schließlich können auch Wetten auf den Euribor abgeschlossen werden, die freilich im vornehmen Bankerdeutsch "Derivate" genannt werden.

So listet allein das Finanzportal "eurexchance" sechs Geldmarktderivate auf, deren Wertentwicklung sich ausschließlich auf den Euribor bezieht: Von "Ein-, zwei, drei oder vierjährigen Mid Curve-Optionen auf Dreimonats-EURIBOR-Futures (OEM1 bis 4)" über "Dreimonats-EURIBOR-Futures (FEU3)" bis hin zu den "Optionen auf Dreimonats-EURIBOR-Futures (OEU3)".

Klagen auch in den USA?

Das alles braucht man sich nicht zu merken. Aber klar ist: Wer den Referenzsatz täglich ein paar Minuten früher als die anderen Marktteilnehmer kennt, ist im Vorteil. Er kann ungünstige Positionen früher abstoßen und sich mit lukrativen Positionen eindecken, wobei sich durch den modernen computergestützten Handel bereits winzige Zinsdifferenzen zu satten illegalen Gewinnsummen addieren können. Noch mehr illegale Geldquellen tun sich freilich auf, wenn sich einige der Geldhändler der Panel-Banken verabreden, um den Zinssatz nach unten oder oben zu manipulieren.

Ähnliches gilt für die London Interbank Offered Rate, kurz Libor. Er ist der Referenzzinssatz im internationalen Interbankengeschäft und wird täglich errechnet aus dem Durchschnittzinssatz von zwölf der wichtigsten international tätigen Banken der British Bankers‘ Association. Er dient als Grundlage für viele Finanzprodukte. So kann eine Änderung des Libors auch eine Änderung bei den Zinssätzen von Sparkonten oder Krediten mit sich ziehen und Auswirkungen auf die Investments von Privatpersonen haben. Auch bei Finanzprodukten wie Optionen und Futures dient der Libor häufig als Bemessungsgrundlage.

Mit den sechs mutmaßlich in den Zinsskandal verwickelten Händlern hat sich die Deutsche Bank in Frankfurt nach langem Hin und Her auf einen Vergleich geeinigt. Ob das Zinskapitel mit dem Prozess in London wirklich abgeschlossen ist, ist offen. In den USA könnten auch Sammelklagen von Anlegern gegen die Bank zugelassen werden. Sie müssen aber eindeutig nachweisen, dass ihnen durch die Manipulationen Nachteile entstanden sind.